Als Krakau sächsisch war

„Intendanz KS Dagmar Schellenberger“ : also doch eine neue Produktion. Mit dieser wurde es für die einstige Opern- und Operettendiva der Komischen Oper, die in früheren Jahren bei den Festspielen am Neusiedlersee als Gräfin Mariza und Lustige Witwe reüssiert hatte, als Nachfolgerin des 82jährigen Harald Serafin ernst. Serafin hatte immerhin 20 Jahre als Intendant die Geschicke des Operettenfestivals in Mörbisch bestimmt. Trotz des Gegenwinds, welcher der Sächsin entgegenschlug, deren Intendanz kein Ergebnis der österreichischen Kulturvetterlwirtschaft ist, kam die Aufführung des Bettelstudenten auch vor Ort hinreichend gut an. Das wundert zunächst. Die Szene im Gefängnis von Krakau, wo die Frauen darum bitten, ihre Männer besuchen zu dürfen, die wegen ihrer Revolte gegen die sächsische Herrschaft inhaftiert wurden, ist reizlos, tumb, provinziell, aufgeregtes Laientheater mit outriertem Frauenchor und einem Enterrich, der sich nicht entscheiden kann, ob er Schauspieler oder gar Sänger sein will, zwei aufdringlichen Piffke und Puffke und zu allem Überfluss noch einer dilettantischen Kameraführung. Doch mit der Ankunft von Oberst Ollendorf und der sächsischen Soldateska – alle trefflich charakterisiert inklusive des traditionell als Hosenrolle besetzten Kornetts Richthofen – erhält die Aufführung Tempo und Atmosphäre, die sich mit dem Erscheinen der Gräfin Nowalska und ihren beiden Töchtern zu behaglicher Operettenbehaglichkeit weitet.

Schellenberger ist kein Wagnis eingegangen: Die Wahl des Stückes ist klug, nicht nur weil es sich um eines der glänzendsten Beispiele der Wiener Operette (1882) handelt, sondern weil die Inszenierung im deutsch-polnischen Ambiente des unter sächsischer Herrschaft stehenden Krakau den Sachsen-Bonus ausspielen kann. Ralf Nürnberger inszeniert mit einer kleinen Prise Ironie, etwa in den hochbarocken Übertreibungen um die verarmte Gräfin und im selbstgefälligen Bramarbasieren des pompösen Oberst, wirft sich letztlich aber doch lieber den Konventionen in die Arme. Der Panorama-Künstler Yadegar Asisi hat Krakaus Altstadt des Jahres 1704 so ingeniös auf der breiten Bühne vor den 6000 Zuschauern aufgebaut, als haben sämtliche Denkmalämter ihre Füllhörner ausgeschüttet, und verwandelt zudem Prunkräume in Parklandschaften. Szenisch ist es, selbst wenn Renato Zanellas dürftige Choreographien prächtiger ausgefallen wären,  letztlich doch etwas zu wenig für das Heimkino, aber Uwe Theimer breitet die Musik genüsslich, schmissig und sozusagen authentisch aus, mit Liebe für ihre lyrische Intimität und den Glanz der Mazurken, das Orchester, das – wie in Bregenz – erstmals in einem neuen Nebengebäude untergebracht war, lässt in keinem Moment diese Distanz spüren. Vor allem sind richtige Operettenkönner am Werk: Mit Opernleuchten lassen Daniela Kälin und vor allem die großformatig singende Cornelia Zink als Bräute keine Wünsche offen, auch die Bettelstudenten überzeugen, Mirko Roschkowski, der zunächst nur pummelig und unbeweglich schien, entpuppt sich als famoser lyrischer Operettenheld, und Gert Henning Jensen verbindet buffoneske Leichtigkeit mit energischem Zugriff. Linda Plech, die ab Ende der 1980er Jahre für einige Jahre das jugendlich-dramatische Fach an der Hamburgischen Staatsoper sang, zeigt als Gräfin Nowalska Präsenz, und Milko Milev (Oberst Ollendorf) ist ein gewiefter Buffonist. Egal wie dürftig die Ausstattung ausfällt, beim nächsten Mal sollte die Intendantin darauf verzichten, sich gleich nach dem Titel an zweiter Stelle aufführen zu lassen: Der Bettelstudent – Intendanz KS Dagmar Schellenberger – Operette in drei Akten.

R.F.

 

Carl Millöcker: Der Bettelstudent mit Linda Plech (Palmatica, Gräfin Nowalska), Cornelia Zink (Laura, ihre Tochter), Daniela Kälin (Bronislawa, Lauras Schwester), Milko Milev (Oberst Ollendorf), Gert Henning Jensen (Jan Janicki, Student), Mirko Roschkowski (Symon Rymanowicz, Student), u. a.; Festival Orchester Mörbisch, Chor und Ballett der Seefestspiele; Leitung: Uwe Theimer; Regisseur: Ralf Nürnberger; Videoland VLMD 020