Reprisen & Neues

 

Wie erst kürzlich durch neu entdeckte alte Handschriften recherchiert und 2014 veröffentlicht, ist Jean-Philippe Rameau (1683-1764, dessen Jubiläum im vergangenen Jahr von manchen Labels gewürdigt wurde ) der Komponist des berühmten Kanons Frère Jacques. Eine Entdeckung, die ungewöhnlich spät erfolgte und ins Bild passt: Rameaus Durchbruch dauerte. Er musste 50 Jahre alt werden, bevor man ihn 1733 mit Hippolyte et Aricie in Paris als Opernkomponist entdeckte. Bis dahin hatte er einige Motetten, Kantanten, Musik für Cembalo und Gelegenheitswerke komponiert sowie sich durch Abhandlungen und Schriften einen Ruf als Musiktheoretiker erworben. Sein Erfolg kam spät und musste hart erarbeitet werden, doch wie bei den meisten Barockkomponisten verschwanden auch viele seine Werke für über 150 Jahre in den Archiven. Das Label The Intense Media hat 9 CDs mit Aufnahmen zwischen 1942 und 1956 veröffentlicht – Opern, Opernausschnitte und Instrumentalmusik, die damals oft Ersteinspielungen darstellten und zeigen, wie Rameau in Frankreich wieder entdeckt wurde. Der englische Musikwissenschaftler Cuthbert Girdlestone schrieb zu dieser Zeit auch seine maßgebliche Biographie „Rameau – His Life and Work“, die er 1957 veröffentlichte. Rameaus Musik rückte wieder stärker ins Bewußtsein und hatte noch Jahrzehnte der Pionierarbeit vor sich, die bis heute noch nicht abgeschlossen scheint, wie das Beispiel Frère Jacques zeigt.

Heutige Freunde der Barockmusik werden diese historischen Aufnahmen (alle aus der Zeit vor dem heutigen Copyright-Schutz!) mit gemischten Gefühlen hören. Für die Erwartungshaltung sollte man sich vergegenwärtigen, dass es sich nicht um historisierende, sondern um historische Einspielungen handelt. Man kann über streichergesättigten, gravitätischen Breitband-Sound schmunzeln, man staunt teilweise über erste Ansätze historischer Aufführungspraxis, hört viele charaktervolle, starke Stimmen einer vergangenen Sängergeneration und kann Entdeckungen machen. Die in Deutschland unbekannt gebliebene Pianisten Marcelle Meyer (1897-1958) zum Beispiel. Sie war mit Strawinsky und Ravel befreundet und setzte sich für Unbekanntes ein, ob neu oder alt – und so spielte sie auch Rameau, Couperin, Scarlatti und Bach auf einem Konzertflügel. Die bekannte Cembalistin Wanda Landowska soll ihren Schülern untersagt haben, Meyers Konzerte zu besuchen, ihr Klavierspiel sei „romantisch“ und „klebrig gefühlvoll“. Nach heutigem Maßstab klingt das übertrieben: Meyer hat einen kräftigen Ton, einen flüssigen und sanglichen Ansatz – ihr Spiel fesselt. Auf zwei CDs von 1953 befinden sich Rameaus Premier Livre de Pièces de Clavecin sowie die Suiten in D-Dur, G-Dur, a-Moll,  e-Moll sowie kleine Konzertstücke wie  L’Agaçante oder La Timide.

Die Gesamtaufnahme der Platée, dirigiert 1956 von Hans Rosbaud in Aix-en-Provence, kann Nicolai Gedda als Mercure/Thespis aufbieten und war früher remastered von EMI zu beziehen. Rosbauds Orchesterspiel entspricht nicht dem ornamentierenden heutigen Stil, hat aber u.a. mit dem Tenor Michel Sénéchal als Platée einen passenden Sänger, der dieTitelrolle auch in  vielen Nuancen exemplarisch interpretiert. Die älteste Aufnahme von 1942 (akustisch entsprechend rauschend) enthält Ausschnitte aus Les Indes galantes, eingespielt von Dirigent Maurice Hewitt: mit Irène Joachim (Enkeltochter des Violinisten Joseph Joachim) und Camille Maurane hinterlassen zwei Sänger alter Schule Eindruck. Hewitt dirigiert auch in einer aufnahmetechnisch sehr rauen Einspielung, die eine nachträgliche Bearbeitung im Tonstudio  vermissen lässt, die Six Concerts en Sextuor, allerdings nicht als Sextette, sondern in einer Bearbeitung für Streichorchester. Dieses spielt allerdings vibratoarm und erzielt einen flüssigen, abwechslungsreichen und rhythmisch lebendigen Höreindruck. Dazu gibt es Ausschnitte der Erstaufnahme von Hippolyte et Aricie, 1950 dirigiert von Roger Desormière und mit Claudine Verneuil und Raymond Made in den Titelrollen. Kleine Bonus-Ausschnitte aus Castor et Pollux, Alceste (von Lully) und Cadmus et Hermione sind mit dem wohl- und eindringlich klingenden Bariton Gérard Souzay zu hören, dessen Affinität zum Liedgesang deutlich wird und der tatsächlich als Fischer-Dieskaus französischer Antipode galt. Weiterhin Weltlichen Kantaten (Diane et Acéton und L’Impatience), geleitet vom Cembalisten Daniel Pinkham (ein Schüler Wanda Landowskas) und in überraschend sparsamer Besetzung für Violine und Viola da Gamba, gesungen vom Schweizer Tenor Hugues Cuenod – ein fast schon  historisch informiertes Hörerlebnis in früher Zeit. Kurze Opernauszüge unter der schwungvollen Leitung von Nadia Boulanger (Spieldauer 45 Minuten), und zwar aus Dardanus, Castor et Pollux, Hippolyte et Aricie, Les Indes galantes, Les fetes d’Hébé und Platée, beschließen die Box. Boulanger geht es bei dieser Einspielung nicht um Fragen der Instrumentierung und des Klangs, sondern um Stimmen und Stimmung – eine Aufnahme als Wiederbelebung eines damals kaum gegenwärtigen Komponisten.
Klangtechnisch ist die Qualität akzeptabel mit erwartbaren Einschränkungen, z.B. Rauschen und Knacken, dumpf und hallend klingende Stellen und teilweise eine Bahnhofshallen-Akustik bei den Chören. Ein Beiheft oder vertiefende Informationen sind in der Box nicht vorhanden. (The Intense Media,  9 CD mit Aufnahmen zwischen 1942 und 1956; 600226). Marcus Budwitius

 

Currentzis mit The Sound of Light bei Sony: Grandioser Abschluss des Rameau-Jahres. Das Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag des französischen Komponisten Jean-Philippe Rameau hat uns viele bedeutende Veröffentlichungen gebracht, über die hier mehrfach berichtet wurde. Doch die CD bei Sony mit dem Titel The Sound of Light ist etwas ganz Besonderes (88843082572). Man kennt ähnliche Einspielungen von Christophe Rousset oder Marc Minkowski, aber diese Aufnahme von Teodor Currentzis und seinem Ensemble MusicAeterna bringt eine ganz neue Dimension in die Rameau-Rezeption. Der griechische Dirigent ist seit seinem Mozart/Da-Ponte-Zyklus bei Sony, von dem inzwischen Figaro und Così vorliegen, im Gespräch als ein geradezu revolutionärer Musiker von ungeahnter Ausdrucksvielfalt. In der Anthologie versammelt er Ausschnitte aus Opern und Balletten des Komponisten und verbindet diese unter einem dramaturgischen Bogen, zu dem er sich im Booklet auch äußert. Überraschenderweise beginnt die Platte nicht mit pompös-festlicher Musik, wie man das bei Rameau erwarten würde, sondern mit eher geheimnisvoll grollenden Klängen, der Musette aus Les Fêtes d`Hébé. Dann aber bringt das Tambourin en rondeau pour Terpsichore bereits den tänzerischen Schwung, den rhythmischen Drive, wie man es aus Rameaus ballets héroïques kennt. Es folgen die graziöse Gavotte en rondeau aus der Tragédie lyrique von 1749 Zoroastre sowie Ausschnitte aus Les Boréades, die sich melodisch verströmen. Currentzis besitzt für alle Stücke den passenden interpretatorischen Zugriff – federnd-gespannte Energie, dramatische Attacke, feierliche Erhabenheit, spannende Affekte, kantables Melos. Und die Musiker seines von ihm gegründeten Ensembles folgen ihm mit ihren historischen Instrumenten hörbar engagiert und setzen jede gewünschte Vorgabe, sei sie auch noch so extrem, passioniert um.

Currentzis Sound of light SonYZwei Nummern aus Les Indes galantes, Rameaus erstem Beitrag zum Genre des ballet héroïque, schließen sich an. Die festlich-pompöse Chaconne beschließt das Werk, das Ballet des fleurs ist eines der ersten Grand divertissements in der französischen Oper. Dessen Orage zeigt die Möglichkeiten des Dirigenten besonders deutlich, der hier alle Gewitterstürme entfesselt, sie mit Donner und Blitzen einleitet und in der Dynamik das Gewitter plastisch ausmalt. Interessant ist im übernächsten Track der Vergleich mit der Orage aus Platée, die noch stürmischer daherkommt und sich in einem entfesselten Wirbel entfaltet. Aus dieser Comédie lyrique erklingt später einer der wenigen Vokalbeiträge dieser Anthologie, Récitatif & Ariette der Folie, „Essayons du brillant“/„Aux langueurs d’Apollon“, die fast mit science-fiction-nahen Klängen eingeleitet wird. Dann hat die Sopranistin Nadine Koutcher ihren großen Auftritt mit irrem Lachen, sphärischem Geheul, aberwitzigen Koloraturen sowie Tönen vom Keller bis zum Dach.

Teodor Corretzis/Robert Kittel/Sony

Teodor Correntzis/Robert Kittel/Sony

Bereits vorher gab es aus Les Indes galantes die rhythmisch ungemein reizvolle Danse du Grand Calumet de la Paix (Tanz der großen Friedenspfeife) mit dem Duo von Zima und Adario, „Forêts paisibles“, das den glücklichen Ausgang der Geschichte preist. Koutcher und der Bass Alexei Svetov singen es mit idiomatischen Stimmen. Köstlich das Orchesterstück La Poule aus Six Concerts transcrits en Sextuor, in welche das Gackern der Henne mit umwerfender lautmalerischer Plastizität musikalisch umgesetzt wird. Munterkeit, Eleganz und Leichtigkeit verbreiten die Premier & Deuxième Rigaudon aus Naïs, einer pastorale héroïque, zu der später noch die grandiose Ouverture mit festlichem Bläserglanz folgt. Aus der Tragédie lyrique von 1733 Hippolyte et Aricie singt Koutcher die Auftrittsarie der Aricie „Temple sacré“ mit strengem, typisch französischem Sopran von säuerlichem Timbre. Immer wieder hören möchte man die Première & Deuxième Contredanse en rondeau pour les Peuples boréades wegen ihres reizvollen Wechsels von galantem Kosen und machtvoller Wucht, ebenso vielfältig in Stimmung und Rhythmus sowie einem mitreißenden acellerando am Schluss sind die Premier & Deuxième Tambourin pour les Peuples de différentes nations aus Dardanus. So überraschend der Beginn dieser CD, so ungewöhnlich ihr Ende, wenn die Sopranistin ganz innig und schwebend entrückt Prélude & Air accompagné, „Tristes apprêts“, aus Castor et Pollux anstimmt. Der Monolog gehört zu den Trauerfeierlichkeiten nach Castors Tod und holt den Hörer nach soviel musikantischer Lust und tänzerischem Wirbel aus dem Himmel wieder zurück in die Wirklichkeit. Eine CD von apollinischer Dimension. Wäre der Titel Master of Light nicht schon vergeben (an William Turner im derzeit laufenden Film) – Teodor Currentzis hätte ihn verdient. Bernd Hoppe

 

Zwei Einakter szenisch bei Alpha: „Rameau, Maître à danser“, lautet der Titel einer DVD bei ALPHA (704), welche zwei Einakter des Komponisten vereint, die in diesem Jahr im Théâtre de Caen zur szenischen Aufführung kamen – entstanden in Zusammenarbeit mit dem Centre de Musique du Baroque de Versailles. Der renommierte Rameau-Spezialist William Christie hat sich mit seinem Ensemble Les Arts Florissants des Unternehmens angenommen und garantiert auch akustisch ein Fest voller Esprit und Eleganz. Denn wie der Titel dieser Veröffentlichung verspricht, handelt es sich hierbei vor allem um ein optisches Vergnügen aus Tanz und Ausstattung, wie es in Rameaus Ballett-Opern, den opéras ballets, unerlässlich ist, waren sie doch für den französischen Hof in Versailles und Fontainebleau komponiert. Die Pastorale Daphnis & Eglé sowie das Ballet héroique La Naissance d’Osiris entstanden nach den tragédies lyriques (Hi Alphappolyte et Aricie, Castor et Pollux u.a.) und dem überaus erfolgreichen Opéra ballet Les Indes galantes in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Heute werden sie fast nur noch in Frankreich gezeigt, und gerade im Jubiläumsjahr des Komponisten gab es diesbezüglich aufwändige Projekte.

Rameau, Maître à danser alphaRegie führt die im Barockgesang renommierte englische Sopranistin Sophie Daneman, die sich in ihrer Arbeit auf die Choreografin Francoise Denieau stützen kann, deren Tänze uns in ihrer Galanterie und Grazie bezaubern. Beider Ideen und Intentionen ergänzen sich harmonisch mit dem Ergebnis einer stimmigen Aufführung, die barocken Geist atmet und von der gediegenen Ausstattung (Christophe Naillet/Bühne; Alain Blanchot/Kostüme) profitiert. Reinoud van Mechelen mit weichem, wohllautendem Tenor und Elodie Fonnard mit typisch französischem, leicht säuerlichem Sopran geben die Titelrollen und sind vor allem optisch ein bezauberndes Paar. Arnaud Richard ist der Furcht einflößende Grand prêtre mit resolutem Bassbariton, Magali Léger der Amour mit strengem Sopran.

Im Ballet héroique La Naissance d’Osiris ist der Anteil der Tänze naturgemäß noch reicher. Die Verbindung zum ersten Stück ergibt sich daraus, dass in beiden die Figuren des Liebespaares und des Grand prêtre auftreten. Mit Ägypten hat die Geschichte, wie man nach dem Titel vermuten könnte, nichts zu tun. Neu in der Personage sind hier Un berger (Sean Clayton mit buffoneskem Tenor)und seine ersehnte Pamilie (Magali Léger hier mit unangenehm jaulenden Sopranton), die in verliebtem Getändel zu sehen sind. Hinreißend malt Christie mit dem Orchester die furiosen Donnereffekte aus, welche die Ankunft des Jupiter (Pierre Bessière mit profundem Bass) ankündigen. Dieser verkündet die Geburt des ersehnten Helden, was ein anmutiger, jugendlicher Tänzer sowie später Les trois grâces choreografisch veranschaulichen und der Choeur des Arts Florissants lobpreist. Églé mit dem Kind im Arm und Daphnis besingen ihr Glück, Jupiter muss zurückkehren in die Götterwelt, während alle mit heiteren Tänzen und frohem Gesang die Liebe feiern.

Bernd Hoppe

 

Rameau auf Erato – 28 Jahre, 13 Opern, 7 Dirigenten, 1 Komponist: Gleich nach der ersten Freude über die schwere, stattliche Box mit 27 CDs, kommt die erste Enttäuschung beim Auspacken der als Schuber organisierten Wiederveröffentlichung von dreizehn Opern Jean-Philippe Rameaus aus dem Hause Erato (nun fest in der Hand von Warner, die sich im Moment mit Remake-Sammelausgaben wie Callas oder Karajan hervortun). Der als The Opera Collection angekündigten Edition fehlt es an guten Begleitinformationen. Ein allzu schmales Beiheft listet lediglich die Besetzungen und Aufnahmedaten und hat einen kleinen, allerdings lesenswerten Überblicksartikel von Graham Sadler. Schon die Tracks sind nicht mehr hier verzeichnet, sondern auf dem Rücken der 27 pastellfarbenen Papphüllen in denen sich die CDs befinden. Libretti? Fehlanzeige! Gelegentlich wird mal unter den Besetzungen ein Fundort im Internet genannt, zumeist mit umständlicher Web-Adresse. Als editorische Großtat zum 250. Todesjahr des prägenden Franzosen taugt diese Box also nur eingeschränkt (Erato/Warner 0825646364879).

rameau eratoIhr großes Verdienst ist es allerdings, dass sie exemplarische Aufnahmen der Bühnenwerke Jean-Philippe Rameaus aus den Jahren 1974 bis 2002 zu einem guten Preis greifbar macht, darunter einige schon länger vergriffene Titel. (Vergleichbares ist übrigens, mit 10 CDs kleiner dimensioniert, bei harmonia mundi erschienen, wo man Rameau-Aufnahmen von William Christies mit Les Arts Florissants gebündelt hat). Der abgebildete Zeitraum, in dem die Aufnahmen entstanden, entspricht in etwa auch der Zeitspanne, in der sich die Werke Rameaus wieder einen festeren Platz im Bewusstsein zurück erobert haben, freilich hauptsächlich in Frankreich und kaum im deutschsprachigen Raum. Im Jubiläumsjahr 2014 gibt es nur zwei Rameau-Produktionen auf deutschen Bühnen; in Berlin und Hannover (jeweils Castor et Pollux). Diese Beobachtung ist signifikant, denn die Renaissance der Opern Rameaus (wie auch Lullys und Charpentiers) ist in ihrer Nachhaltigkeit vor allem eine Renaissance auf Tonträgern. Deren Produktion ist zwar in der Regel an eine szenische oder konzertante Aufführung(sserie) gekoppelt, Kontinuität auf den internationalen Bühnen ist dadurch jedoch kaum entstanden. Karsten Steigers Verzeichnis der Opernaufnahmen auf Schallplatte verzeichnete im Jahr 2000 immerhin drei Dutzend Aufnahmen von Bühnenwerken Rameaus seit 1954. Vor allem sind sie freilich französischer Provenienz. Auch wenn manche Stücke, wie beispielsweise Platée, gewisse zeitliche Moden zu haben scheinen und an verschiedenen Häusern auftauchen. Gebunden sind diese Aufführungen und Aufnahmen vor allem an die Namen ihrer musikalischen Leiter.

Jean-Philippe Rameau/OBA

Jean-Philippe Rameau/OBA

Auf der hervorragenden Webseite Le magazine de l’opéra baroque lässt sich die Renaissance der Bühnenwerke Rameaus bestens nach verfolgen. Rasch stellt man fest, dass es – wie bei Händel und Vivaldi – neben ersten Bemühungen in den 1950ern und 1960ern erst mit der aufkommenden Originalklangbewegung seit den 1970ern vermehrte Bemühungen um das Werk Rameaus gibt. Die Versuche davor erscheinen aus heutiger Sicht in ihrer stilistischen Unreflektiertheit eher kurios, wie zum Beispiel ein einst bei Melodram erhältlicher Castor et Pollux unter Alberto Erede und mit Ingrid Bjoner aus Neapel von 1960. Der Name Nikolaus Harnoncourts, der 1972 mit Castor et Pollux die erste der in der vorliegenden Erato-Sammlung aufgenommenen Gesamteinspielung vorlegte (damals noch auf 4 LPs bei Telefunken), muss bei der stilistischen Neuausrichtung als einer der ersten genannt werden. Seine Verdienste für das Repertoire der Alten Musik und die Formulierung neuer Fragestellungen an ihre Aufführungspraxis sind bekanntermaßen unbestritten. Mit Sängern wie Jeanette Scovotti, Norma Lerer, Zeger Vanderseen und Gérald Souzay sowie dem Concentus musicus Wien hatte er damals ebenso experimentierfreudige wie kompetente, auf Klangschönheit bedachte Solisten zur Verfügung, die das Herantasten an die abgebrochene Aufführungstradition auch aus heutiger Sicht beachtlich meisterten. Freilich, auch das muss gesagt sein, fing Harnoncourt hier nicht bei Null an, der experimentierfreudige Hans Rosbaud etwa hatte hier gute Vorarbeiten geleistet (sein Platée aus Aix 1956, mit Michel Sénéchal, Nicolai Gedda und Janine Micheau war auf Pathé erhältlich).

R130008755Vor allem hatte sich aber Jean-François Paillard intensiv mit Quellen zur Aufführung der Musik vor Mozart beschäftigt und brachte ab Mitte der 1950er Jahre zahlreiche Schallplatten heraus, die seine Forschungsergebnisse praktisch abbildeten. Nicht von ungefähr ist der von ihm geprägte Begriff mouvement baroqueux die erste Entsprechung zu Historische Aufführungspraxis oder historically informed performance. Seine überaus wichtige Aufnahme von Rameaus opéra-ballet Les Indes galantes, 1974 erstmals auf 4 Erato-LPs erschienen, ist daher die vielleicht wichtigste historische Aufnahme der Rameau-Box. Auf dieser Einspielung treten auch erstmal Protagonisten in Erscheinung, die für die weitere Ausprägung des spezifischen Rameau´schen Gesangsstils (wie auch der französischen Barockoper) wichtig werden: Philippe Huttenlocher, Louis Devos, John Elwes und Jennifer Smith.

B000005EEF.01_SL75_Bedauerlicherweise fehlt nun einer der nächsten wichtigen Schritte in der Rezeptionsgeschichte Rameaus (wohl aus rechtlichen Gründen) in der Box: die Aufnahmen, die Jean-Claude Malgoire zwischen 1978 und 1990 machte (namentlich Hippolyte et Aricie, Le temple de la gloire und Les Paladins) und die vor allem die Farbigkeit des orchestralen Bereichs erweiterten. Dabei aber auch Fassungen zur Diskussion stellten, die bühnenpraktisch erarbeitet waren. Ebenso kann man freilich mit einer gewissen Berechtigung Sigiswald Kuijkens wichtige Zoroastre (1983, harmonia mundi) vermissen. Doch wird eine solche Sammel-Box, angesichts der Rechtslage keinen Anspruch auf Vollständigkeit bieten können. Immerhin ist mit Raymond Leppards etwas zu britisch glatt geratenem Dardanus (mit der wunderbar opernhaften Sängerbesetzung Frederica von Stade, Christiane Eda-Pierre, Michael Devlin, Roger Soyer, Georges Gautier und José van Dam) ein wichtiges Zeugnis des Aufnahmejahres 1980 vertreten. Zeitgleich hatte sich Nicholas McGegan im Rahmen des English Bach Festivals mit Rameaus pastorale heroique von 1749, Naïs, beschäftigt und eingespielt (die Aufnahme hatte ein Schallplattenleben bei Erato und RCA). Es ist aus heutiger Sicht eine Aufnahme, die etwas unentschlossen zwischen Anmut und Effekt schwankt und im Jahr 2014 mit Sängern wie Linda Russel, Ian Caley, Ian Caddy oder John Tomlinson vokal recht unspektakulär, ja manchmal gar polternd  daher kommt. Ähnliches lässt sich für McGegans Interpretation des Pigmalion (produziert bereits 1979) sagen. McGegan wandte sich dann bekanntlich verstärkt der Wiederentdeckung Händels zu, was ihm stilistisch merklich besser lag.

MI0001003109Eine neue légèreté und musik-dramaturgisch wichtige Einbindung der divertissements brachte 1982 John Elliot Gardiners Aufnahme von Les Boréades. Hier regierte neben der tragédie und den Elementen des lyrique plötzlich auch die gaietée. Farbig, tänzerisch-verspielt, mit schwebenden Linien und einer brillanten Virtuosität, wie sie eigentlich mehr der italienischen Barockoper zu eigen ist. 1974 hatte er das Werk in London wieder entdeckt, 1982 war der szenischen Produktion in Aix-en-Provence ein Riesenerfolg beschieden; sie ist Grundlage der Studio-Gesamtaufnahme. Vom Ende der 1980er Jahre stammen die beiden Aufnahmen, die Mark Minkowski beisteuern darf: Platée (1988 in Paris aufgenommen) und eine rein orchestrale Suite aus Les Surprises de l’Amour (aufgenommen 1987 in Rom). Vor allem die Einspielung von Rameaus meisterhafter Komödie Platée mit Les Musiciens du Louvre hat maßgeblich die weitere Rameau-Rezeption beeinflusst. Minkowski reizt hier die Extreme von Komik und Tragik aus: Die Orchestersprache ist energisch und doch natürlich, die Tempi oft am Limit und doch ausgewogen. Die Besetzung mit Gilles Ragon, Jennifer Smith, Guy de Meyx, Vincent Le Texier, Guillemette Laurens, Veronique Gens u.a. ist großartig, weil sie konsequent die Charaktere sucht, den Ausdruck gleichwertig neben den Gesang stellt. Hier ist, gemeinsam mit Gardiners Boréades, der entscheidenden Interpretations-Schritt gemacht, der bis heute nachwirkt und Künstlern wie William Christie und seinen Les Arts Florissants den Boden bereitet hat. Gleich mit fünf Werken ist diese prägende Kombination Christie/Arts Florissants, die bis heute das Rameau-Bild maßgeblich prägt, vertreten: Hippolyte et Aricie (1996), Les fêtes d’Hébé, ou Les talents lyriques (1997), Zoroastre (2001) sowie La Guirlande und Zéphyre (2000). Allesamt Modelleinspielungen mit einem eingespielten, stilistisch bestens geschulten Ensemble. Schmerzlich vermisst man dazu Aufnahmen Christophe Roussets, dem neben Christie derzeit wichtigsten Rameau-Interpreten.

indes galantes rameauEine jüngere Generation, wie der in seinen Fassungen oft radikale und eigenwillige Hervé Niquet, die leidenschaftliche und tänzerische Emmanuelle Haïm oder der ein geschmeidiges Klangbild kultivierende Hugo Reyne, haben es daneben nicht einfach. – So bildet diese reiche Rameau-Box einen hervorragenden Einblick in die Rehabilitation Rameaus als sehr spezifischem Opernkomponisten des französischen Spätbarock. Alleine um kompakt nachvollziehen zu können, wie sich von den Aufnahmen Paillards und Harnoncourts bis hin zu William Christie die Interpretation und Gestaltung des charakteristischen  Idioms seiner Musik- und Gesangssprache entwickelt hat, ist die Anschaffung wert.

Moritz Schön

Jean Philippe Rameau: The Opera Collection. Hippolyte et Aricie (William Christie); Les Indes galantes (Jean-Francois Paillard); Castor et Pollux (Nikolaus Harnoncourt); Les Fetes d’Hebe (William Christie); Dardanus (Raymond Leppard); Platee (Marc Minkowski); Pigmalion (Nicholas McGegan); Les Surprises de l’Amour (Marc Minkowski); Nais (Nicholas McGegan); Zoroastre (William Christie); La Guirlande (William Christie); Zephyre (William Christie); Les Boreades (John Eliot Gardiner). Mit Frederica von Stade, Lorraine Hunt, Jose van Dam, Christiane Eda-Pierre, Jean-Paul Fouchecourt, Francois Leroux, Sarah Connolly, Mark Padmore, John Tomlinson, u.a. Monteverdi Choir, Les Arts Florissants, English Baroque Soloists, Concentus musicus Wien, Les Musiciens du Louvre, Orchestre d’Opera de Paris. (Erato/Warner 0825646364879)

 

rameau hymen glossaNiquets Les fêtes de l’Hymen et de l’Amour: Aktuellste Aufnahme ist eines Bühnenwerks von Rameau eine Einspielung von Hervé Niquet. In der Reihe der Château de Versailles Spectacles hat man in Zusammenarbeit mit dem Centre de Musique Baroque de Versailles im Januar 2014 das Rameau-Jahr mit der modernen Wiederaufführung von Rameaus einst sehr erfolgreichem Les fêtes de l’Hymen et de l’Amour, ou Les dieux d’Egypte eingeleit. Die opéra-ballet, erstmals 1747 als Hochzeitsoper in Versailles erklungen, ist vor allem ein großes Spektakel mit spektakulären Bühneneffekten, großem Schauwert und zahlreichen Ballettmusiken. Als ballet heroïque präsentiert sich die Handlung phantasievoll bei der altägytpischen Mythologie, die als exotische Mode der Zeit hier das Vehikel für spektakuläre Szenen, mit überlaufendem Nil, mit Tempel-, Pyramiden- und Götter-Romantik ist. Ein Grand Spectacle, das bewusst als Gesamtkunstwerk konzipiert ist. Trotz seiner bis 1776 nachgewiesenen 106 Aufführungen, war Jean-Philippe Rameaus Opus eines der letzen noch zu hebenden Bühnenwerke. Das Beiheft informiert über die Werkgeschichte und bringt das französische Libretto (ohne Übersetzung).

Mit Hervé Niquet hat man einen exponierten Dirigenten der jüngeren Generation, der sich nachhaltig der französischen Barockoper verschrieben hat, die Wiedergeburt anvertraut. Sein Zugang betont das pompöse der Partitur, den Aufwand und mit reicher Bläserbesetzung (4 Flöten, 4 Oboen, 4 Fagotte , 2 Trompeten) die kraftvolle Musik. Darüber scheint manches Detail in den Hintergrund zu treten, die selbstverständlich sich erschließende Rhetorik der Musiksprache Rameaus, wie sie die ältere Generation von Christie und Rousset vormachen, stellt sich nicht ein. Hier wirkt alles poliert und getrimmt, sicherlich bravourös inszeniert, und von Le Concert Spirituel kundig und stilsicher umgesetzt. Man kann das typisch Federnde der Musik vermissen, eine gewisse Transparenz des Gesamtklanges, eine clarté des Idioms. Für Niquets Aufnahmen ist das nicht untypisch, sie wirken mir meist zu vordergründig kalkuliert und zuwenig poetisch in die Tiefe gedacht.

Hervé Niquet dirigiert sein Concert Spirituel/ON

Hervé Niquet dirigiert sein Concert Spirituel/ON

Rameaus Partitur scheint überzuquellen vor musikalischen Einfällen und neuartigen Ideen; italienische Einflüsse sind unverkennbar. Neben mitreißenden Tänzen und Orchestereffekten, setzt Rameau auch einen Doppelchor ein. Daneben fallen aber auch drei anspruchsvollen Sopranpartien auf, die sowohl italienische Virtuosität als auch französische Deklamationskunst verlangen. Chantal Santon-Jeffery, Carolyn Sampson und Blandine Staskiewicz sind die überzeugenden Interpretinnen der Studioaufnahme, mit kleineren Abstrichen bei der Letztgenannten. Mathias Vidal bringt einen festen Tenorsitz mit, Chantal Santon einen bemerkenswert frischen Sopran und Tassis Christoyannis ist für seinen exemplarischen Deklamationsstil hervorzuheben. Die insgesamt gute Sängerriege wird überstrahlt von Reinoud Van Mechelen, deren Musikalität und Stimmschönheit einen mehrmals mit einer Poesie belohnen, die man bei Niquet gerne stärker ausgeprägt hören würde. Les fêtes de l’Hymen et de l’Amour ist auf jeden Fall eine neue, abermals überraschende Note in der Bühnensprache Rameaus, die hier der perfekten musikalischen und dramaturgischen Verschmelzung von Arienformen, Deklamation und tänzerischen Passagen in einem nahtlosen Fluss sehr nahe kommt.

Moritz Schön

Jean Philippe Rameau: Les Fetes de l’Hymnen et de l’Amour. Mit Carolyn Sampson, Chantal Santon Jeffery, Blandine Staskiewicz, Jennifer Borghi, Mathias Vidal. Le Concert Spirituel, Herve Niquet (Glossa GCD 921629)

 

rameau hippolyte eratoIn ein fernes Zeitalter zurückversetzt fühlt man sich beim Betrachten einer Aufzeichnung von Rameaus Hippolyte et Aricie aus der Opéra national de Paris vom Juni 2012, die Erato auf zwei DVDs herausgebracht hat (462291 7 8). Die Inszenierung von Ivan Alexandre kam 2009 im Théâtre du Capitole von Toulouse zur Premiere und ist von solcher Opulenz, dass man kaum glauben mag, hier eine Produktion unserer Zeit zu erleben. Dazu tragen in reichem Maße der Bühnenbildner Antoine Fontaine in barocker Perspektivmalerei und Jean-Daniel Vuillermoz, der die splendiden Kostüme entwarf, bei. Das Palais Garnier ist der ideale Rahmen für eine solche Ausstattung, welche den Glanz und die Pracht des Barock auferstehen lässt und die uns heute wie ein Traum erscheint.

Rameaus Tragédie en 5 actes et un prologue  von 1733 für die Académie Royale de Musique führt nach Athen in mythischer Zeit. Wie oft in der Barockoper gibt es im Prologue einen Streit der Götter, hier zwischen Diane und L’Amour, wem die Bewohner des Waldes von Erymanthos in treuer Liebe ergeben sind. Dianas Nymphen in seidenen Gewändern mit kostbaren Stickereien und die Bewohner des Waldes, analog kostümiert, sowie später die Amoretten in Gavotten und Menuetten ergehen sich im barocken Ausdrucksgestus (Choreografie: Natalie Van Parys). Diane selbst fährt in einem funkelnden Halbmond-Gefährt aus dem Himmel herab. Andrea Hill gibt sie mit energisch-strengem Sopran. L’Amour (Jaël Azzaretti mit ähnlich bohrendem Ton) erscheint wie ein Putto mit Flügeln und dem obligatorischen Pfeil und Bogen. Noch spektakulärer ist der Auftritt des Jupiter (Francois Lis), der auf einem Adler in einem Wolkenhimmel herunter schwebt.

Im 1. Akt soll Aricie, Tochter des von Thésée getöteten Herrschers von Athen, sich auf Wunsch von dessen zweiter Gemahlin Phédre in den Dienst der Göttin Diane stellen, wird aber von Hippolyte, Sohn des Thésée aus erster Ehe, geliebt und versucht deshalb, von ihrem Gelübde zurückzutreten. Phédre, die Hippolyte gleichfalls liebt, droht Aricie. Die Bühne zeigt einen prachtvollen, der Diane geweihten Tempel, den Aricie in ihrem Auftritt preist („Temple sacré“). Anne-Catherine Gillet in einer umwerfenden Robe besingt sehr eindringlich ihren Zwiespalt zwischen Pflicht und Liebe. Mit Topi Lehtipuu steht für den Hippolyte ein Star des Barock-Repertoires zur Verfügung, er berückt mit weichem, schmeichelndem Gesang. Und auch er trägt ein stilgerechtes Kostüm, farblich wunderbar abgestimmt mit dem seiner Geliebten. Überhaupt ist die Ästhetik der Szene mit ihren patinösen Sepia-Tönen ein Traum, wie man ihn nach der exzessiven Müllbühnen-Manier auf unseren gegenwärtigen Bühnen kaum mehr für möglich gehalten hätte. Als Phédre in rot/golden ornamentierter Samtrobe mit goldenem Strahlenkranz steuert Sarah Connolly gewichtige, expressive Mezzotöne bei. Hass und Eifersucht bringen sie ihn einen Ausnahmezustand, den die Sängerin faszinierend verdeutlicht. Als ihre Vertraute, Oenone, bringt Salomé Haller ihre reiche Erfahrung in diesem Genre ein.

Der 2. Akt führt in die Unterwelt, wo Thésée mit seinem Freund von Furien gepeinigt wird und erst auf Geheiß seines Vaters Neptune freikommen kann. Hier hört man mit Stéphane Degout als Thésée und Marc Mauillon als Tisiphone in barocken, an die Kastraten erinnernden Kostümen zwei kompetente, stilistisch perfekte Sänger – ersterer mit markantem, virilem Bariton, letzterer mit prägnantem Charaktertenor. Der wie in die Unendlichkeit führende gemauerte Tunnel atmet Furcht einflößende Macht; aus der Tiefe fährt Pluton (Francois Lis in barocker Lockenpracht mit energisch-autoritärem Bass) mit seiner Entourage auf dem Thron effektvoll nach oben. Sein grimmiges  Air wird von expressiven, fast wilden Tänzen seiner Untertanen in rotem Federputz untermalt. Einen surrealen Effekt bringen die Parzen, die kopfüber in der Luft zu hängen scheinen, in ihren Terzetten ein. Mercure (Manuel Nuñez Camelino), an einem geblümten Fallschirm in der Luft hängend, erlangt Thésées Freilassung.

Nach Athen zurückgekehrt (3. Akt), wird er Zeuge, wie Hippolyte sich der zudringlichen Phédre mit dem Schwert erwehrt, und muss annehmen, dass sein Sohn seine Stiefmutter ermorden wollte. Er bittet Neptune, den Sohn zu bestrafen. Der Akt in einem Licht durchfluteten Tempel mit Blick auf das Meer beginnt mit einem eindringlichen Solo Phédres von tragischer Größe, in welchem sie ihre unglückliche, grausame Liebe besingt – auch dies ein Zeugnis von Sarah Connollys starkem Gestaltungsvermögen. Mit Hippolyte, der sich ihren Verführungsversuchen entzieht, hat sie ein furioses Duo, in welchem er seiner Abscheu ob ihres Ansinnens Ausdruck verleiht. Lehtipuu, zumeist ein Sänger von harmonischer Balance, findet hier auch zu dramatisch lodernden Tönen.

Hippolyte wird verbannt (4. Akt) und trifft sich mit Aricie, um in einem nahen Tempel den Ehebund zu schließen. In beider Duo „Nous allons nous jurer“ geben sie in harmonischem Zusammenklang ihrer Freude auf ewige Treue Ausdruck. Eine galante Jagdszene mit reizenden Menuetten, in denen allegorisch Jäger und Wild konfrontiert werden, ist ein heiteres Intermezzo vor dem fatalen Stimmungswechsel: Ein von Neptune gesandtes Meeresungeheuer tötet Hippolyte, die ohnmächtige Aricie wird weggebracht. Die barocke Theatermaschinerie kommt hier zum wirkungsvollen Einsatz – turmhohe Wellen im Hintergrund lassen das Furcht erregende Ungeheuer mit aufgerissenem, Zähne fletschendem Maul auftauchen. Phédre mit gelöstem Haar, die sich tödlich verwundet hat, gesteht Thésée, dass Hippolyte unschuldig ist – noch einmal Gelegenheit für Connolly, mit flammender Expressivität Schmerz, Reue und Verzweiflung tönende Gestalt zu geben. Bevor sich im letzten Akt auch Thésée tötet, erfährt er von Neptune, dass Hippolyte durch Fürsprache der Diane von seinen Verletzungen genesen sei. Er segnet seinen Sohn und stirbt. Aricie aber wird mit Hippolyte auf ewig vereint. Degout hat hier gleichfalls eine letzte Szene von bezwingender Eindringlichkeit. Den Schmerz des Vaters, der  seinen Sohn nicht wiedersehen wird, formuliert er bewegend. Danach wandelt sich die Szene für das lieto fine: Zephire bringen Hippolyte herbei, der mit Aricie ein heiteres Duo singt, während der Chor eine liebliche Musette intoniert. Die letzte Ariette („Rossignols amoureux“), von der Flöte reizend verziert, ist eigentlich einer Schäferin zugedacht, wird aber hier von Amour übernommen, und Azzaretti kann nun mit lieblichen Koloraturen entzücken. Das letzte Wort hat Diane, die Hippolyte zum neuen Herrscher krönt, was der Chor und die Tänzer mit drei Gavotten preisen.

Zur optischen Pracht der Aufführung korrespondiert die musikalische, denn Emmanuelle Haïm mit ihrem Ensemble Le Concert d’Astrée ist der Garant für ein stilvolles Musizieren mit sicherem Gespür für Rhythmus und Melos, delikate Stimmungen und gespannten, federnden Drive mit rasanten Steigerungen. Besonders die farbig instrumentierten Tänze (wie der Marsch am Ende des  Prologue, die Airs des Matelots und Rigaudons im 3. Akt) oder die plastische Ausmalung der Naturgewalten (wie Donner und Sturm) gelingen ihr ungemein wirkungsvoll. Das Pariser Publikum honoriert diese Sternstunde aus dem Geist des barocken Theaters gebührend enthusiastisch.

Bernd Hoppe

PS.: Weitere Rezensionen von aktuellen Rameau-Einspielungen folgen.

 

Rameau á Paris 2014: Lucienne Bréval als Phèdre in "Hippolyte et Aricie", tragédie lyrique Lucienne Bréval tenant le rôle de Phèdre Photographie de Paul Boyer à l’occasion de la reprise à l’Opéra dans la mise en scène de Paul Stuart, 1908 BnF, Bibliothèque-musée de l’Opéra

Rameau á Paris 2014: Lucienne Bréval als Phédre in „Hippolyte et Aricie“, Photographie de Paul Boyer à l’occasion de la reprise à l’Opéra dans la mise en scène de Paul Stuart, 1908´BnF, Bibliothèque-musée de l’Opéra

Dazu passt auch die Ankündigung der Bibliothèque National in Paris zu einer Ausstellung (16 décembre 2014 – 8 mars 2015 in der Bibliothèque nationale de France I Bibliothèque – musée de l’Opéra, Palais Garnier – Paris 9e) in Rameaus-Jubililäumsjahr:  La Bibliothèque nationale de France célèbre le 250 ème anniversaire de la mort de Jean-Philippe Rameau (1683-1764), théoricien de l’harmonie, génial compositeur pour le clavecin et l’opéra. L’exposition présentée à la Bibliothèque – musée de l’Opéra met en lumière l’oeuvre lyrique de Rameau, rendant ainsi hommage à celui qui fut l’une des personnalités musicales et intellectuelles les plus célébrées en France au siècle des Lumières. Après quarante ans comme maître organiste en province, Jean-Philippe Rameau (1683 -1764) part à la conquête de Paris où il s’impose, tant par sa réflexion théorique que par son génie musical, désormais consacré à l’opéra. De 1733 à son décès, en1764, il compose une vingtaine d’oeuvres scéniques destinées à la Cour comme à l’Académie royale de musique, communément appelée Opéra. Il explore tous les genres (la tragédie lyrique, l’opéra-ballet, l’acte de ballet, la pastorale héroïque…), orchestre ses oeuvres avec hardiesse et acquiert une renommée jamais démentie.

Rameau á Paris 2014: "Hippolyte et Aricie", tragédie lyrique Joseph Porphyre Pinchon André Gresse dans le rôle de Pluton Encre et aquarelle : maquette de costume pour la reprise à l’Opéra dans la mise en scène de Paul Stuart, 1908 BnF, Bibliothèque-musée de l’Opéra

Rameau á Paris 2014: „Hippolyte et Aricie“, tragédie lyrique Joseph Porphyre Pinchon/ André Gresse dans le rôle de Pluton/ Encre et aquarelle : maquette de costume pour la reprise à l’Opéra dans la mise en scène de Paul Stuart, 1908 BnF, Bibliothèque-musée de l’Opéra

Grâce aux traces laissées par les représentations, de la création d’Hippolyte et Aricie en 1733 à la dernière reprise de cet opéra au Palais Garnier en 2012, l’exposition confronte, côté coulisses et côté scène, la fabrique d’un spectacle au XVIIIe siècle et les redécouvertes, depuis le début du XXe siècle, des chefs-d’oeuvre que Rameau destine à la scène. De l’écriture à la représentation L’exposition présente les manuscrits autographes, les épreuves corrigées et les sources imprimées ou gravées conservés à la BnF, permettant de revenir sur la genèse et la diffusion des oeuvres du compositeur comme sur sa collaboration avec ses différents librettistes. De rares maquettes de décors détenues par le Centre des monuments nationaux et des dessins de décors et de costumes sélectionnés parmi les collection de la Bibliothèque-musée de l’Opéra laissent imagine le faste des mises en scène de l’Opéra et des théâtres de cour. Les interprètes, vedettes du chant ou de la danse, sont présentés au travers de portraits soigneusement peints ou rapidement croqués. Enfin, des vues de spectacles et quelques pièces d’archives comme les billets ou affiches permettent d’évoquer un public qui s’habitue peu à peu à la modernité d’écriture du compositeur. Du « Purgatoire » à la lumière L’exposition s’attache également à montrer comment Rameau est sorti du purgatoire dans lequel il était placé depuis le début du XIXe siècle, grâce à la publication complète de son oeuvre par les éditions Durand, sous la direction du compositeur Camille Saint-Saëns, grâce aussi, à partir des années 1970, à la « vague baroque » qui a donné un nouveau souffle à l’étude et à l’interprétation de la musique ancienne. Ce sont les chefs-d’oeuvre repris à l’Opéra de Paris aux XXe et XXIe siècles qui structurent cette évocation : Hippolyte et Aricie (productions de 1908, 1985, 1996 et 2012), Castor et Pollux (1918), Les Indes galantes (1952), Platée (1977 et 1999), Dardanus (1980) et Les Boréades (2003). Partitions, livrets, dessins, maquettes, tableaux, costumes et photographies montrent à quel point ces différentes reprises reflètent des choix esthétiques et des convictions riches et variées. Ces documents témoignent aussi des moyens de plus en plus perfectionnés utilisés par la mise en scène, soit dans la lignée de la reconstitution historique soit dans celle de l’innovation la plus audacieuse, mais qui tous servent et magnifient la musique de Rameau (Publication: Rameau et la scène, Mathias Auclair, Elisabeth Giuliani, 216 pages, 143 illustrations, 39 euros, Éditions de la BnF)