Zähes am See

Wummernde, flirrende Bässe, kantiger Orchesterzugriff, das Richtige für einen „evil place, that kills men“, wie der bärtige Aguirre hinausbellt, der Ennis del Mar und Jack Twist als Schaafhirte anheuert. „What about a beer“ schlägt Jack dem Partner vor, und schon fährt vor dem grauen Bergpanorama eine grün angeleuchteter Bartresen hoch, wie von Edward Hopper höchstpersönlich in die Einöde gesetzt. Lässig lehnen sich Jack und Ennis, dessen Gesicht im scharfen Schatten seines Cowboyhuts kaum zu erkennen ist, ein Daumen in den Jeanstaschen vergraben, in der anderen die Bierflasche, an. Die Bar versenkt sich wieder, nachdem Hilary Summers mit ballender Stimme die Wirtin gegeben hat. Schafherden wandern auf den Videos im Hintergrund von links oben nach rechts unten, dann von links unten nach rechts oben. Es ist ein karges Leben. Ennis baut sein Zelt auf, dann tut es ihm Jack gleich, Ennis zündet ein Feuer an, es gibt „canned spaghetti“ („Spaghetti aus der Dose“, Untertitel nur auf Englisch, Französisch und Spanisch), Ennis ist wortkarg, nimmt aber seinen Hut ab und wird philosophisch, „pretty lonesome down here“. Und Jack, dessen Zelt in Greifweite daneben steht, singt, „I can see his fire. Wish I would down there“. Die Musik von Charles Wuorinen hat sich inzwischen beruhigt und untermalt Jacks Gedanken mit feineren Tönen, bevor sich beim Morgenanbruch wieder ruppiges, aggressives Schlagwerk auffährt. Um Abwechslung ins Einerlei zu bringen, geht Ennis in die Berge, während Jack unten im Tal Wacht hält. Zweifellos etwas holzschnittartig, sowohl in Charles Wuorinens handwerklich gediegener Musik, mit der er auf Anregung von Gerard Mortier, dem diese Aufführung gewidmet ist, Brokeback Mountain mit gut gemeinter, zäher Musik umgab, als auch in Ivo Van Hove werkdienlich karger, im Einfangen provinzieller Enge genauer Inszenierung, die trotz der fast allgegenwärtigen Videosequenzen (Tal Yarden) erst gar nicht versucht, mit der Erzählung von Annie Proulx oder dem Oscar gekrönten Film von Ang Lee aus dem Jahr 2005 Schritt zu halten.

„Ice in my veins“ murmelt Ennis, als er nach einer gemeinsam geleerten Schnapsflasche vor Jacks Zelt übernachtet, „got in here“ ruft Jack, kurze Begegnung, schnell Licht aus. „Who am I now“, fragt sich Ennis am folgenden Morgen; „it was more than quick sex“ hält Jack fest. Bald trennen sich beide, heiraten, werden Väter, begegnen sich wieder. Trockener Sprechgesang in der Wohnküche oder im Büro mit den Ehefrauen – Hannah Esther Minutillo als Lureen und Heather Buck als Alma – prominente Einwürfe von Jane Henschel als Jacks Mutter, entspannte Begegnungen in Motels oder am Brokeback Mountain: die Oper plätschert dahin wie die Klavierläufe, wie der Bergsee im Hintergrund.

Die Uraufführung am Teatro Real im Februar 2014 war ein verhaltener Erfolg. Möglicherweise verhilft die DVD, die das Spiel des Baritons Daniel Okulitch als Ennis und des Tenors Tom Randle als Jack und ihre verhaltenen Liebe dicht einfängt, zu einem besseren Eindruck. Die Oper besteht aus zwei Akten mit jeweils elf Szenen, die bei einer Gesamtspieldauer von gut zwei Stunden, recht knapp ausfallen und eine filmisches Tempo erlauben, doch trotz aller gut gemeinten Bemühungen, hämmernder klingelnder Orchestereinwürfe und aller lyrischen Delikatesse, trotz der bewegenden Story stellt sich wenig Rührung ein. Da hätte ein Puccini her gemusst (DVD BelAir BAC111).

Rolf Fath