Wirres Konzept

 

Im November 2015 hatte am Theater an der Wien eine neue Produktion von Richard Wagners Oper Der fliegende Holländer Premiere, die jetzt bei Naxos als DVD herausgekommen ist. In Vorgesprächen und Interviews wurde vom Regisseur Olivier Py wortreich herausgestellt, dass es sich um die pausenlose Originalfassung handele. Diese war 1841 von Wagner in Paris fertiggestellt worden und wurde zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt. Er hatte sie der Berliner Hofoper angeboten, die jedoch nicht positiv reagiert hatte. Die Unterschiede zur Fassung der Uraufführung in Dresden im Januar 1843 sind marginal: Die Geschehnisse an Land wurden von der schottischen an die norwegische Küste verlegt, aus dem Seefahrer Donald wurde Daland, aus dem Jäger Georg Erik. Auf Wunsch von Wilhelmine Schröder-Devrient, der Sängerin der Senta, wurde die Ballade um einen Ganzton nach unten verlegt, was zu einigen Schwierigkeiten führte, weil Wagner Celli und Fagotte an die unterste Grenze ihres Tonumfangs geführt hatte, insoweit also Änderungen über bloße Transposition hinaus vornehmen musste.

Erst  zur Wiener Erstaufführung 1864 gab es gravierendere Änderungen, indem u.a. das  zu Konzerten in Zürich 1860 die Ouvertüre abschließende „Erlösungsmotiv“ – wegen der erstmals dem Instrumentarium hinzugefügte Harfe auch Tristan-Schluss genannt – nach Wagners Bestimmung nun auch am Ende der Oper gespielt werden sollte. Dass die „Originalfassung“ ohne Pause gespielt wurde, ist inzwischen nichts Besonderes mehr, weil das schon lange allgemein üblich ist.

Nun aber zur reichlich umstrittenen Inszenierung in Wien, die Fragen über Fragen aufwirft: Das beginnt sogleich bei der Unsitte, die Ouvertüre zu bespielen, indem auf der linken Seite ein Schminktisch aufgebaut ist, an dem ein Mann sich das Gesicht schwärzt. Soll das ein Hinweis darauf sein, dass es sich wieder einmal um „Theater im Theater“ handeln sollte? Im Folgenden gibt es dazu keine weiteren Indizien. Wie sich später herausstellt, ist der Mann mit schwarzem Gesicht der Tänzer Pavel Strasil, der den Satan darstellt und immer wieder über die Bühne streift, ob es passt oder nicht. Der Regisseur kann sich dabei auf mindestens zwei Zitate berufen: Donald im 1.Akt: „Wer baut auf Wind, baut auf Satans Erbarmen“ und Holländer im großen Duett mit Senta: „Ein schlagend Herz ließ ach! mir Satans Tücke“. Der Steuermann bringt seinem Mädchen, das bei seinem Lied erscheint, kein „goldenes Band“ mit, sondern eine afrikanische Maske (Zitat: „aus dem Mohrenland“). Fragwürdig ist auch die Nackte, die in einem Bett liegt, wenn Donald seine Tochter anpreist. Und das geht so weiter mit nur teilweise Verständlichem bis zu dem riesigen Totenschädel zum Schluss des 2. Aktes und die drei tanzenden Skelette bei den Chören im 3.Akt. Weiteres aus dem wirren Konzept erspare ich mir. Die großen, verwitterten Schiffsplanken, mit denen Wände und auch ein Schiffsbug in dauernder Bewegung angedeutet werden, mögen auf der Bühne eindrucksvoll gewirkt haben, auf dem heimatlichen Bildschirm verliert sich das weitgehend (Ausstattung: Pierre-André Weitz).

Positiv ist festzustellen, dass die Sängerdarsteller nicht durch unangemessene Regieeinfälle gestört werden. Aber insgesamt ist die musikalische Verwirklichung leider auch nicht zufriedenstellend. Les Musiciens du Louvre, nicht gerade als Wagner-Spezialisten bekannt, lassen sich von ihrem Chef Marc Minkowski bei Intonationstrübungen der Hörner oftmals zu sehr lautem Musizieren animieren, was zu manchem Forcieren auf der Bühne nötigt, was bekanntlich der Stimmführung nicht gut tut. Der Arnold Schoenberg Chor klingt zerfasert und wirkt irgendwie bemüht. Dem dramatischen Bariton des Holländer-erfahrenen Samuel Youn fehlt es diesmal an Prägnanz; er flüchtet sich einige Male ins Rufen, ohne dass man das als Stilmittel goutieren könnte. Ähnlich geht es zeitweise dem ebenso wie der Holländer gekleideten Donald  von Lars Woldt, der sonst ein treffendes Rollenporträt liefert. Die Schwedin Ingela Brimberg als Senta verfügt über einen in allen Lagen ausgeglichenen, tragfähigen Sopran, mit dem sie allerdings in den oberen Regionen vielfach eine Spur zu tief singt. Uneingeschränkt gefällt Bernard Richter als Georg mit schön auf Linie geführtem, einigen Glanz verbreitenden Tenor.  Schönstimmig singt Manuel Günther den Steuermann, Ann-Beth Solvang ist eine solide Mary.

Wieder einmal kann man feststellen, dass nicht jede Produktion auf die Silberscheibe gebannt werden muss, wenngleich es sich rein musikalisch um eine der wenigen verfügbaren Erstfassungen der Oper handelt – vielleicht wäre da eine CD besser gewesen… (NAXOS 2.1106.37). Gerhard Eckels