Und wieder mal…

Besonders sicher scheint sich Tatjana Gürbaca ihres Regiekonzepts für Verdis Rigoletto in Zürich nicht gewesen zu sein (philharmonia.rec), sonst hätte es nicht gegen Ende des Dramas eine Wendung um 180 Grad gegeben, d.h. von der sattsam bekannten „realistischen“ Büromöbel-grauer Anzug-Optik zu einem unverhofft eintretenden Surrealismus, der sich Gilda verdoppeln und nur ihr Ebenbild in den Armen des Vaters sterben lässt. Dazu kam der  nüchterne Büromenschen suggeriert habende Chor nun mit Pappkronen und teils Unterhemden, teils kostbaren Umhängen zum Summen auf die Bühne und entführte die „echte“ Gilda wer weiß wohin. Dazwischen gab es allerlei bereits aus anderen Produktionen anderer Regisseure Bekanntes wie Die Reise nach Jerusalem als grausames Spiel (bereits im Berliner Nabucco zu bewundern), Luftballons oder aufgeblasene Kondome als Kunstbrüste für la Contessa Ceprano (schon mal bei Salome gesehen) oder eine Geschenkpackung mit Tüll-Fummel für Gilda (bekommt sie im Berliner Rigoletto): sie sind bereits täglich Brot auf Opernbühnen. Allmählich scheint sich der Einfallsreichtum der Regisseure in puncto Verballhornung von Opern zu erschöpfen, und selbst der Eimer Blut, mit dem ein Chormitglied hilfreich Sparafucile zur Hand geht, ist so neu nicht. Ob die Tatsache, dass die echte Gilda ihre Todeswunde auf der linken, die „falsche“ sie auf der rechten Seite hat, die Zuschauer zum Nachdenken anregen soll, wird leider nicht deutlich. Klaus Grünberg hat in das Einheitsbühnenbild einen Riesentisch gestellt mit vielen Bürostühlen, die vor dem letzten Akt Sparafucile und Maddalena mühsam wegräumen müssen. Der Vielzwecktisch dient zum Essen (Nutella auf Toast) und Schlafen für Gilda, zum Schweben für sie nebst Duca, für Konferenzen (sinnvoll!) und als Gefängnis für Monterone, als Versteck für den Duca und für vieles andere mehr. Die Kostüme von Silke Willrett sind von ausgesuchter Hässlichkeit, so ein fliederfarbenes Leopardenmuster  für Maddalena, zitronenfarbene Bermudas für den Duca, Grasgrünes für Giovanna und Grelles in Rot und Blau für Gilda. Diese ist hier ein rundlicher Teenager, und was bei Gilda normalerweise reizende Naivität ist, wirkt bei dieser Rollenauffassung einfach dümm- und dämlich. Bei einer ständig Kaugummi aufblasenden und Gala lesenden Gouvernante allerdings nur ein folgerichtiges Erziehungsergebnis. Trotzdem ist es ein besonders hässlicher Zug des Duca, dass er Gilda, wenn sie ihn bei seinem Rendezvous mit Maddalena bedrängt, ein paar Geldscheine in die Hand drückt.

Wenn man überhaupt bereit ist, sich die Produktion bis zum bitteren Ende anzusehen, dann liegt das vor allem erst einmal an dem vorzüglichen Rigoletto von George Petean, der mit einem farbigen, höhensicheren, allen dramatischen Impulsen gewachsenen Bariton eine erstklassige Besetzung ist, von einer Eindringlichkeit des Singens, die sich nicht nur in einem endlos erscheinenden „Pietà“ äußert, sondern in großzügiger Phrasierung und schönem Legato. Vom Typ her ein idealer Duca ist Saimir Pirgu, ein südländischer Macho, dessen Tenor die helle Brillanz für die Rolle hat, allerdings geschmeidiger sein könnte, um eine ideale Interpretation zu garantieren. Eine feine, kristallklare Höhe hat Aleksandra Kurzak für die Gilda, in der Mittellage wird der Sopran ausdruckslos, und „Caro nome“ passt besser zu ihrer Stimme als das „Vendetta“-Duett mit ihrem Vater. Stoisch und damit angemessen verkörpert Andrea Mastroni mit dunklem Bass den Sparafucile, anonym bleibt Judith Schmid als Maddalena. In welchen Kreisen sich diese beiden bewegen, ist unschwer zu erkennen, bei dem Duca und seinem Hofnarren lässt sich das nicht so  leicht klären: Banker, Mafiosi, Politiker von heute und hier und überall, halt Leute von „da oben“, wie sie dem Feindbild sich modern gebender Regie entsprechen und mit der x-ten Wiederholung so unendlich langweilig geworden sind. Chor und Orchester sind vorzüglich, Fabio Luisi der Garant für sensible Sängerführung, ein angenehmes, aber unaufregendes Hörerlebnis ist garantiert (PHR 0203).

Ingrid Wanja