Vom Vivaldi-Festival Turin

 

Vom Vivaldi-Festival im Teatro Regio Turin stammt ein Mitschnitt des Dramma per musica L’incoronazione di Dario vom April dieses Jahres, den DYNAMIC auf zwei DVDs veröffentlicht hat (37794). Die Firma schließt damit zwar keine Lücke im Vivaldi-Katalog, bietet aber eine interessante Alternative zur (kompletteren) Aufnahme von naïve aus dem Jahre 2013, wenn auch fünf der acht Turiner Solisten ihre Partien bereits auf dieser CD dokumentiert haben.  Das Stück, das im antiken Persien spielt, hatte seine Premiere in der Karnevalsaison 1717 im Teatro Sant’Angelo von Venedig und weist die im Barockgenre gängigen Machtkämpfe um den Thron sowie Verwirrungen und Eifersüchteleien in verwickelten Liebesbeziehungen auf.

Es beginnt mit der Erscheinung von Cyrus’ Geist, der den beiden verwaisten Prinzessinnen Statira und Argene gebietet, ihre Trauer um den verstorbenen Vater zu beenden. Leo Muscato inszeniert im Bühnenbild von Mitgliedern der Accademia Albertina di Belle Arti di Torino, die auch die Kostüme entwarfen. Da sieht man einen Mix aus eleganten Roben für die beiden Schwestern, allerdings bald auch gelbe Schutzanzüge, Bauhelme und Armeekleidung. Und es wechseln dekorative, reich ornamentierte Interieurs mit Industrieschauplätzen.

Mit Ottavio Dantone, der bereits die naïve-Einspielung geleitet hatte, steht ein ausgewiesener Vivaldi-Spezialist am Pult des Orchestra Teatro Regio Torino. Er lässt schon in der Sinfonia die rhythmische Verve hören, welche die ganze Aufführung bestimmt. Das Klangbild ist von eleganter Melodik, akzentuiert und kontastreich. Die geschätzte Sara Mingardo verleiht der sanften Statira mit warmen und dunklen Tönen sympathischen, wenn auch etwas mütterlichen  Umriss. Hoffnungslos in sie verliebt ist Niceno (Riccardo Novaro mit klangvoll-virilem Bariton ist ein Trumpf der Besetzung.). Auch die jüngere, intrigante Schwester Argene ist für einen Alt komponiert. Delphine Galou kann den Altersunterschied mit ihrem frischen und sinnlichen Timbre plastisch verdeutlichen. In „Fermo scoglio in mezzo al mare“, eine der typischen Sturm-Arien des Barock, welche seelischen Aufruhr versinnbildlichen, kann sie gleichermaßen mit Expression wie Bravour punkten. Beide fühlen sich zu Dario hingezogen, der wiederum von Alinda an sein Eheversprechen erinnert wird. Er nimmt ihr allerdings jede Hoffnung, da er einzig auf den Thron reflektiere. Roberta Mameli gibt sie mit lieblichem, in der Höhe leuchtendem Sopran, der zu ihrer „Vogel“-Arie „Io son quell’ augelletto“ ideal korrespondiert.

Darios Rivalen um die Macht sind Oronte (Lucia Cirillo mit resolutem Mezzo von furioser Attacke, gelegentlich auch heulendem Ton, der aber im rasenden „Ferri, ceppi“ des 3. Aktes großen Effekt macht) und Arpago (die renommierte Sopranistin Veronica Cangemi, die bei der CD-Aufnahme nicht dabei war, mit mittlerweile ältlichem Klang). Neu besetzt in Turin ist auch die Amme Flora mit der resoluten Altistin Romina Tomasoni. Schließlich stellt sich mit Carlo Allemano, dessen Tenor sehr reif und etwas dumpf klingt, zudem Mühe mit dem Fluss der Koloraturen hat, auch ein neuer Titelheld vor. Das nimmt seiner aufgewühlten Arie „Col furor“ am Ende des 2. Aktes einiges an Wirkung. Harmonisch mischt sich seine Stimme mit der Sara Mingardos im beschwingten Duett „Pur t’abbraccio“, welches das lieto fine einleitet. Mit majestätischen Klängen feiern alle den neuen Herrscher Dario und seine Gemahlin Statira. Bernd Hoppe