Verspätetes Geburtstagsgeschenk

Lustig sind die Figürchen, seien es Aida, Rigoletto oder Azucena, die aus dem Zylinder Verdis aufsteigen und sich in der Luft verflüchtigen auf den DVDs, die rund um den 200.Geburtstag des Komponisten unter dem Ttel Tutto Verdi entstanden und zu denen auch I Vespri Siciliani aus dem Parma des Jahres 2010 gehören. Weit weniger bekannt als die oben Genannten sind Arrigo, Elena und Procida, Protagonisten des Aufstands der Sizilianer gegen die Franzosen im 13. Jahrhundert. Das mag einmal daran liegen, dass die Oper ursprünglich in französischer Sprache für Paris komponiert wurde und die Italiener in der Gestalt des starren, ränkesüchtigen Procida nicht gerade positiv erscheinen lässt (und da war man in der Zeit des Risorgimento besonders empfindlich), zum anderen ist besonders die Tenorpartie ungeheuer schwierig zu singen, stellt quantitativ wie qualitativ die höchsten Ansprüche, und Stars wie Gedda oder Domingo scheiterten in jüngerer Zeit an ihr. Auch bei dieser Aufnahme hat man auf das fröhliche Hochzeitslied „La brezza aleggia intorno“ des Arrigo verzichtet, denn nach hochdramatischen Ausbrüchen lässt sich die Stimme kaum auf die unbeschwerte Leichtigkeit des Stücks zurückschrauben. Dabei ist es jammerschade, dass man die Oper selten zu hören und sehen bekommt, denn sie ist eine der musikalisch reichsten und auch vielseitigsten Verdis und die Charaktere sind, in ihren unauflösbaren Konflikten gefangen, höchst interessant. Außerdem ist das Thema ein zeitloses und damit ohne Verbiegungen und Verfälschungen in andere Epochen übertragbar.

Pier Luigi Pizzi entschied sich für die Ansiedlung in der Entstehungszeit und lässt den Revolutionsführer Procida aussehen wie eine Mischung aus Verdi und Marx, ihn zum blutigen Ende die italienische Fahne über dem Leichnam Monfortes schwenken. Wie oft in den letzten Jahren entschied er sich für eine Stilisierung und Minimalisierung, was die Bühne betrifft, mit drei Fischerbooten für die beiden ersten Akte, später für einige Sofas oder einen Altar bei sonst leerer Bühne. Über zwei seitliche Stege können Chor und Solisten aus dem Zuschauerraum auf die Bühne und zurück gelangen, wovon reichlich Gebrauch gemacht wird. Ob damit eine stärkere Einbeziehung des Publikums erreicht wird oder überhaupt beabsichtigt wurde, sei dahin gestellt.

Dass Chor und Orchester in Parma zu Verdis Musik eine ganz besondere Beziehung haben, davon kann man ausgehen. Chordirektor Martino Faggiani und Dirigent Massimo Zanetti gelang es, mit diesen Klangkörpern die Härte, die Düsternis der Musik ebenso zum Klingen zu bringen wie ihre Beschwingtheit, ihre Straffheit, ihr Brio, die besonders in den tänzerischen Abschnitten dominierten.

Als vorzüglich darf man die Solistenriege bezeichnen, keine spektakuläre, aber eine durch und durch ehrliche, sympathische und solide Besetzung mit vier tadellosen Sängern, die uneitel und ohne Starallüren sich hingebungsvoll ihren Figuren widmeten. Leo Nucci machte den facettenreichen Charakter des Montforte mit exemplarischer  vokaler Autorität sicht- und hörbar: mit beispielhaftem Verdigesang generöser Phrasierung und schönem Legato. Daniela Dessì wirkte nobel in der demütigenden Szene des ersten Akts, eindringlich im „in nostra man‘“, ihr Sopran konnte leuchten und in der Höhe aufblühen, der Bolero im letzten Akt elegant federnd Übermut vermitteln. Mitreißend waren durchweg die Duette von Tenor und Bariton auch dank des für einen Verdi-Tenor typischen dunklen Timbres von Fabio Armiliato für den Arrigo, dessen schwierige Partie er ohne Ermüdungserscheinungen mit tragischem Pathos erfüllte. Giacomo Prestia war mit etwas hartem Bass die angemessene Verkörperung für den Procida, ebenso wie Dario Russo für den Bethune, Andrea Matsroni für Vaudemont und Raoul d’Eramo für den Danieli. Für all die vielen, die in absehbarer Zeit keine Gelegenheit haben werden, das Stück auf einer Bühne zu erleben, ist die DVD wärmstens zu empfehlen (Major Unitel Classica 723808).

Ingrid Wanja