Vermächtnis

 

Hoffen wir, dass der liebestrunkene Calaf nicht ebenso enttäuscht und erstaunt war wie der Zuschauer, als Turandot (bei der Mailänder Expo 2015ihres raffinerten Kopfschmucks beraubt wurde, denn die kurzen, verständlicherweise nach zwei anstrengenden Akten verschwitzt am Kopf klebenden Haare verwundern doch sehr bei den sonst so und das meistens mit Erfolg auf Attraktivität bedachten Italienern. Die Regie von Nikolaus Lehnhoff hatte das Ihre dazu getan und es der Maske schwer gemacht, indem sie die Sängerin auch dann, wenn sie eigentlich nichts auf der Bühne zu suchen hatte, so rast- wie sinnlos über dieselbe laufen ließ. Bis zur Entschleierung  hatte der Auftritt von Nina Stemme pures Entzücken hervorgerufen, denn ihre vokale Leistung war einfach bewundernswert: eine große, warme, runde, höhensichere und nie, auch nicht bei den extremsten Höhen, scharf werdende Stimme aus einem Guss und bis zum Schluss ohne jede Ermüdungserscheinung. So ohne jede Sorge um die Sopranstimme hatte man bisher nur der Turandot von Birgit Nilsson gelauscht. Ebenso gefeiert vom Mailänder Publikum wurde die Liù von Maria Agresta und das zurecht und nicht nur aus falsch verstandenem Patriotismus. Die Sängerin hat eine wunderbar leicht ansprechende Stimme, die zu den feinsten schwebenden Piani fähig ist und spielte virtuos mit Crescendi und Decrescendi. Beide Damen wetteiferten um ein besonders feines l’amore“. Optisch attraktiv zeigte sich der Calaf von Aleksandrs Antonenko, der mit einem soliden, robusten und höhensicheren Tenor, nicht aber mit besonderer Poesie überzeugen konnte und dessen manchmal allzu selbstzufriedener Gesichtsausdruck ihn nicht sympathischer machte. Immerhin sprach es für ihn, dass er seinen Mantel sorgsam über die tote Liu legte. Einen schlanken, gut konturierten Bass setzte Alexander Tsymbalyuk für den Timur ein, den angemessen schütteren Charaktertenor hatte Carlo Bosi für den Altoum. Bemerkenswert gute Stimmen hatten Ping (Angelo Veccia), Pang (Roberto Covatta) und Pong (Blagoj Nacoski). Gianluca Breda sang einen sehr sonoren Mandarin.

Die für die Eröffnung der Mailänder Expo 2015 aus Amsterdam übernommene Produktion ist die letzte Arbeit des deutschen Regisseurs, der ziemlich viel szenischen Leerlauf zulässt, aus den Auftritten der drei Maschere wenig macht und die Sänger sich oft selbst überlässt. Raimund Bauer wählte für die Bühne die Farben Rot, Weiß und Schwarz, für den dritten Akt tritt Blau als Farbe der Nacht hinzu. Die Bühne verzichtet auf jedwede Chinoiserie, sieht eher aus wie die Tribüne bei einem Massenaufmarsch. Die Kostüme von Andrea Schmidt-Fütterer sind für weibliche wie männliche Choristen neuzeitliche Straßenanzüge und Stasi-Schlapphüte, für das Liebespaar Glitzerschwarz und für Liù Unschuldsweiß. Die Masse erscheint durch Halbmasken, die noch durch Vollmasken ergänzt werden können, gesichts- und eigenschafslos. Phantastisch ist das schwarze Prunkkostüm von Turandot. Geometrische Schwarz-Weiß-Muster zieren die Kostüme der drei Masken. Seltsam ist das rote Abwehrgerät, das Turandot mit sich herumträgt: es erinnert an zum Auffinden von Wasservorkommen geeignete Wünschelruten.

Neben den beiden Damen Starqualitäten hat der Chor unter Bruno Casoni. Heimkehrer Riccardo Chailly lässt es aus dem Orchestergraben üppiger erklingen, als die Bühne es wahrhaben will. Die Schlussfassung von Luciano Berio ließ er als organische Fortsetzung der Puccini-Partitur erklingen (DVD DECCA 074 3937)Ingrid Wanja