Ungewöhnlich: Kasarova & Kaufmann

Alles noch viel schlimmer, als es ohnehin schon ist in Bizets Carmen, lässt es die Regie von Matthias Hartmann im Opernhaus Zürich 2008 erscheinen, wenn der trotz allem bedauernswerte Zuniga nicht nur vorübergehend kampfunfähig gemacht wird, sondern man ihm gleich die Kehle durchschneidet, wenn die Soldaten nicht nur recht zudringlich sind, sondern Micaela gleich das Kleid vom Leib reißen, wenn Carmen bereits beim Liebesgetändel an die Schmugglerkollegen Zeichen gibt, sie habe José nun bald „herumgekriegt“, und wenn Don José so ziemlich der dämlichste Idiot ist, der je eine Opernbühne betreten hat. Im ersten Akt  kommt er mit kleinem Plastikventilator, Krankenkassenbrille, Brotbüchse, zu viel  Gel im Haar sowie Pornoheften für die Kameraden unter dem Arm und so blöd daher, dass er nicht einmal einen Kuss auf Micaelas Wange platzieren kann. Zu seiner Ehre sei gesagt, dass er sich züchtig dem Lösen von Kreuzworträtseln  widmet. So ist der künstliche Hund, der auf dem Souffleurkasten liegt und wedeln und ein Ohr einknicken kann, noch die mit Abstand sympathischste Erscheinung des ersten Akts, sieht man von der armen Micaela ab, die nun Don José im Unterrock entgegen treten muss. Spanisches Kolorit wird erfolgreich dadurch vermieden, dass nur Bier getrunken und Stierkampf nur in einem kleinen Fernseher gesehen wird. Die Bühne von Volker Hintermeier scheint inspiriert von Wieland Wagner, eine kreisrunde Scheibe, auf die im ersten Akt eine Tür heruntergelassen wird, Stühle für den 2., ein von den Schmugglern ausgebreiteter Kunstrasen und ein Stromleitungsmast für den dritten sowie ein sehr schöner Olivenbaum für den vierten Akt.Diese sparsamen Symbole lassen der Phantasie freien Raum – ein glücklicher Einfall. Und in den letzten drei Akten ist Jonas Kaufmann wieder so schön, wie ihn sich die Zuschauerinnen wünschen. DDR-Kittelschürzen dagegen hat Su Bühler den Zigeunerinnen verpasst, und auch Carmen darf selbst zum Stierkampf nur ein schlichtes Sommerkleidchen tragen.

Die Titelfigur findet in Vesselina Kasarova eine ungewöhnliche Interpretin; nix schwarze Locken wehen lassen,  Hüften schwenken, Kopf in den Nacken werfen. Da wird höchstens einmal das Becken vorgeschoben, ansonsten scheint sie lasziv eher für sich selbst als für die sie umgierenden Männer zu singen, ist äußerlich eigentlich eher unscheinbar selbst im Tanz im Lichtkegel. Verführerisch ist ihr ebenmäßiges Singen, die Bruststimme, die im Kartenterzett und Schlussduett raffiniert eingesetzt wird, der chansonhafte Ton von Habanera und Seguidilla. Die Micaela von Isabel Rey ist äußerlich ganz der Beschreibung samt Zöpfen und blauem Rock entsprechend, vokal unterstreicht sie das Mädchenhafte mit leichten Problemen in der Höhe. Jonas Kaufmann phrasiert generös, singt die Blumenarie, wie der Komponist es wollte, und ist auch sonst dem Piano und Pianissmo hold, allerdings in der von ihm gewohnten hauchigen Art. In den dramatischen Momenten wie dem dritten Akt überzeugen Kraft und Schönheit der Stimme abstrichlos. Michele Pertusi ist einer der wenigen Escamillos, die weder oben noch unten in der heiklen Partie schwächeln, er singt viril und vollmundig, zudem mit reicher Agogik. Die kleineren Partien sind sämtlich rollendeckend besetzt. Der Chor, auch und besonders der quirlige Kinderchor unter Ernst Raffelsberger machen ihre Sache vorzüglich, schlank federnd führt Franz Welser-Möst das Orchester mit einer Vorliebe für Kontraste durch die Partitur. Eine interessante und, was die akustische Seite betrifft, vorzügliche Aufnahme erwartet den Betrachter/Hörer (DECCA Blu-ray 074 3882).

Ingrid Wanja