Tutto Puccini – der Bonus macht´s

Nicht nur ein passendes Motto gewählt und die entsprechenden DVDs in eine Box gesteckt hat Arthaus mit seinen Puccini-Aufnahmen, sondern eine Riesenkassette mit wertvollem Begleitmaterial in Form eines umfangreichen dreisprachigen Buches mit allen Opern Puccinis in Produktionen zwischen 1983 und 2008 herausgegeben, dazu noch als Bonus Suor Angelica und Gianni Schicchi aus dem Wien von 1959 und 1960, allerdings in Schwarz-Weiß und wie damals üblich in deutscher Sprache. Das Buch enthält eine Vielzahl wertvoller Fotos, seien es Komponistenportraits, solche von Familienmitgliedern und Freunden, der Domizile Puccinis oder Aufnahmen der Produktionen, die auf Blu-ray verewigt sind. Der Biographie Dieter Schicklings ist ein Aufsatz mit dem Titel „Giacomo Puccini-eine Annäherung“ entnommen, „Giacomo Puccini und Lucca“ und ausführliche Abhandlungen über alle Opern von Le Villi bis Turandot schließen sich an und beschränken sich nicht auf eine allerdings auch vorhandene Inhaltsangabe. Vor den Besetzungslisten und der Auflistung der Tracks befindet sich noch ein „Dokumente großer Sängerdarsteller“ betitelter Aufsatz.

De Aufnahmen stammen aus der Scala (Manon Lescaut, Madama Butterfly), aus San Francisco (La Bohéme) aus Wien (Turandot), aus der Arena di Verona (Tosca), aus Turin (Edgar), Venedig (La Rondine), Modena (Il Trittico), aus den Termi der Villa Adriana in Tivoli in der Nähe von Rom (Le Villi), und natürlich dürfen die Puccini-Festspiele von Torre del Lago nicht fehlen (La Fanciulla del West).

Einen nur halb professionellen Charakter zeigen Le Villi, weniger das Orchestra Mediterranea unter Tamás Pál oder der Chor und das Ballett, dafür umso mehr die Optik, die sich auf die Ausnutzung der Suggestion des Ortes beschränkt, oder die Sänger. Besonders der Bariton genügt keinen professionellen Ansprüchen, eher schon tun dies Albert Monteserrat als Roberto und Halla Margret als Anna.

Schon etwas mehr Auswahl an würdigen Aufnahmen gibt es von Edgar, den Lorenzo Mariani  in die Entstehungszeit verlegt hat, mit stimmungsvoller Bühne, den Soldaten in der Uniform der berühmten Penne Nere, einer Wucht von Tigrana, der Julia Gertseva Temperament und verführerische Stimme eineCarmen verleiht, mit einer Fidelia, die in Amarilli Nizza mit etwas anonymem Sopran ebenfalls eine angemessene Verkörperung findet (mehr als für die Suor Angelica mit zu wenig Wärme, als Lauretta mit zu wenig Koketterie in der Stimme und als Giorgetta mit zu bescheidener Erotik). José Cura ist der unglückliche Edgar und zeigt zehn Jahre nach seinem phantastischen Des Grieux an der Scala, wo der Tenor trotz aller Dunkleheit Glanz hat und geschmeidig ist, wie stumpf eine Stimme im Verlauf weniger Jahre werden kann.

Liliana Cavani und Riccardo Muti haben die dritte Puccini-Oper zu verantworten. Die Besetzung ist vorzüglich mit dem auch optisch idealen Des Grieux, einer selbst im ersten Akt überzeugenden Maria Guleghina als Manon, dem allerdings wie fast immer zu sehr Brunnenvergifter mit sprödem Barton seinendem Lucio Gallo und keinem Geringeren als Marco Berti als Edmondo. Das ist eine tolle Aufführung!

puccini arthausEs folgt La Bohéme aus SanFrancisco mit bereits recht ältlichen Protagonisten ,als da sind Luciano Pavarotti als Rodolfo und nicht in allerbester Verfasung, Mirella Freni als vokal untadelige Mimi, Nicolai Ghiaurov als würdigem Colline, Sandra Pacetti als wenig pariserische Musetta und Gino Quilico als wendigem Marcello farbigen Stimmmaterials. Italo Taja tapert in zwei Rollen durch die Szene. Francesca Zambelli erntet viel Applaus für das Bühnenbild des zweiten Akts.

Tosca in der Arena lässt Hollywood vor Neid erblassen, denn Hugo de Ana liebt das Kollossale, Prächtige und Glänzende, und das Publikum der Arena sicherlich auch. Kanonen werden nicht nur nach der Flucht Angelottis abgefeuert, die Geistlichkeit ist zahlreich und in Prachtgewändern vertreten. Fiorenza Cedolins, seltsamerweise in Deutschland kaum bekannt, ist eine vorzügliche Tosca, die keinerlei Zugeständnisse an open air macht, sondern differenziert singt und spielt, Marcelo Alvarez ist ein annehmbarer Cavaradossi, Ruggero Raimnondi darstellerisch unnachahmlich gut und vokal die in den letzten Jahren übliche Zumutung. Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 2006.

Die älterste Produktion ist die Butterfly aus dem Jahre 1986 und sie ist auch die beste. Lorin Maazel zaubert mit dem Scala-Orchester mild exotische Stimmungen, die von Keita Asari geschaffene Optik ist „authentisch“ ohne den geringsten Hauch von Kitsch. An Yasuko Hayashi kam damals kein großes Opernhaus vorbei, sie singt die Titelpartie voller Wärme, Zartheit, aber wo notwendig auch mit dramatischem Nachdruck. Einen schönen Mezzo setzt Hak-Nam Kim für die Suzuki ein, Peter Dvorsky ist ein erstklassiger Pinkerton, und der sonst nicht allzu häufig dokumentierte Giorgio Zancanaro ist als tadelloser Sharpless zu erleben. Anna Caterina Antonacci begann hier ihre Karriere als Kate Pinkerton.

In einer Frühfassung des Bernsteinzimmers scheint Minnie Saloon  und Hütte in der Fanciulla del West aus Torre del Lago angesiedelt zu haben. Dort lässt man gern Bildhauer an der Szene mitwirken, und so sieht es mit den Riesen-Saurier-Knochen auch in der Produktion von Ivan Stefanutti aus. In der klotzigen Szenerie können sich jedoch die Protagonisten gut behaupten. Daniela Dessì reitet tapfer auf lammfrommem Rappen zur Rettung ihres Dick Johnson Fabio Armiliato herbei, und beide sind gestandene Sänger, wenn auch unübersehbar mit Verstärker ausgerüstet. Ganz in seinem Bösewicht-Element ist Lucio Gallo als Jack Rance, und in dieser Partie stört die unüberhörbare Härte des Baritons auch weniger. Alberto Veronesi hält alles, was sich auf der Bühne tummelt und im Orchestergraben sitzt, zusammen.

Aus Venedig stammt La Rondine in der Regie von Graham Vick, der die Handlung der Verismo-Traviata in die Fünfziger verlegt, die Pariser Halbwelt in tolle Designerroben kleidet und 2008 die musikalisch nicht nur im „Sogno di Doretta“ untadelige Fiorenza Cedolins reichlich damenhaft erscheinen lässt. Ein rechtes Landei mit angenehmem lyrischem Tenor ist Fernado Portari als Ruggero, soubrettig Sandra Pastrana als Lisette und mit schütterem Operettentenor begabt Emanuele Giannino als Prunier. Die Bühne ist für die Rahmenakte elegantissimo, für den mittleren Akt quietschbunt. Alles ist sehr unterhaltsam und wirft die Frage auf, warum das Stück nicht öfter gespielt wird.

Was gute alte Bühnendekoration ist, beweist das Teatro Comunale di Modena mit seiner Aufführung des Trittico in einem wunderbar ausgeleuchteten Tabarro, kühler Marmorpracht in Suor Angelica und einem  auch und besonders in den Kostümen witzigen Fiorentiner Saal allerdings nicht der Dante-Zeit, sondern der Entstehungszeit des Werks für Gianni Schicchi. Über Amarilli Nizza in allen drei Sopranrollen wurde bereits etwas gesagt, zweimal trifft der Betrachter auf Alberto Mastromarino, einen wackeren, wandlungsfähigen Bariton, dreimal auf Annamaria Chiuri, eine eher schneidend scharfe als durch Mezzodunkel überwältigende Zia Principessa. Die Tenöre sind annehmbar, aber nicht besonders bemerkenswert, der Gesamteindruck von Optik und Musizieren unter Julian Reynolds ist ein sehr positiver.

Wer kennt nicht die Turandot aus Wien mit Marton, Carreras und Ricciarelli. Lorin Maazel lässt die Musik glitzern, funkeln und schlichtweg überwältigen. Glitzerglanz und viel Buntheit herrschen auch auf der Bühne, aber eher der zirkusähnlichen Art als von feinem Geschmack. Aber die Sänger sind natürlich eine Wucht. La Ricciarelli mit herrlichem Timbre und viel Innigkeit. Carreras sich mit dem Kalaf auf Grenzgebiet bewegend, aber welche Stimmfarben kann er aufbieten. Etwas geheimnisvoller könnte man sich die Titelpartie vorstellen, die Eva Marton vokal keine Probleme bereitet, die aber etwas mehr Hysterie und etwas weniger gesunde Direktheit vertragen könnte.

Sena Jurinac als Schwester Angelika im Wiener Film von 1959/OBA

Sena Jurinac als Schwester Angelika im Wiener Film von 1959/OBA

Über die technischen Qualitäten des Bonus sollte man nicht meckern, denn immerhin verschafft er dem Hörer die Begegnung mit Sena Jurinac und Elisabeth Höngen in der Suora und mit Erich Kunz im Schicchi. 1959 stellten die Fernsehsender, so auch der ORF, noch eigene Opernproduktionen her, und kein geringeres Orchester als die Wiener Philharmoniker sind die Begleiter in Schwester Angelica, die natürlich in deutscher Sprache gesungen wird, was den heutigen Hörer so irritiert, wie es die italienische bei dem damaligen getan hätte. Die Regie von Hermann Lanske ließ sogar ein Eselchen zu, auf dessen Rücken die Schwestern ihre Bettelbeute ins Kloster bringen. Viel Trockeneis wird zur Erzeugung von Nebel aufgewendet, obwohl das graue Bild das nicht „nötig“ hätte. Jeder Spott verbietet sich allerdings über die Leistung der Solisten, die allesamt sehr gute bis herausragende Leistungen bieten. Obwohl ihre Stimmkrise mit Entfernung von Stimmbandknötchen gerade ein Jahr her war, begeistert Sena Jurinac mit hingebungsvoller Darstellung und einem zwar weichen, aber durchschlagskräftigen Sopran, expressivem Gesang, der nie dessen pure Schönheit beeinträchtigt, zwar nicht mit einer besonders bemerkenswert aufblühenden Höhe, dafür aber leuchtenden Farben besonders auch in der Mittellage und einem unanfechtbarem Ebenmaß des so schönen wie unverwechselbaren Timbres. Elisabeth Höngen ist eine angsteinjagende Principessa wie ein kalter Marmorblock, deren Unnahbarkeit noch dadurch verstärkt erscheint, dass sie zweimal die Hände nach der zusammengebrochenen Angelica ausstreckt, um sie dann wie angewidert zurückzuziehen. Was in anderen Partien bei der Mezzosopranistin manchmal störte, das deklamatorische Singen, erweist sich hier als willkommenes Mittel zur Charakterisierung, sogar das heftig gerollte R. Gianni Schicchi ist eine Aufführung der Volksoper Wien, wie die Suor dirigiert von Argeo Quadri, der nichts dafür kann, dass das Orchester wie das in einem alten Schwarzweißfilm klingt. Das Liebespaar verfügt über gute Stimmen, singt aber Puccini so, als handele es sich um Operette, der Star der Aufführung ist Erich Kunz in der Titelpartie.

Man besitzt diesen Karton voller Puccini von Arthaus gern selbst, kann ihn sich aber auch gut als Geschenk für besondere Anlässe vorstellen (Weihnachten naht).

Ingrid Wanja