„Tristan und Isolde“ in der Steinzeit

Man traut seinen Augen kaum. Das also war Tristan und Isolde 1993 in Tokio als Gastspiel der Deutschen Oper. Das ist zwanzig Jahre her, man meint sich aber in eine Aufführung der 1950er Jahre versetzt. Die Inszenierung stammt von Götz Friedrich, was man kaum glauben kann, das Bühnenbild von Günter Schneider-Siemssen. Tatsächlich leistete die Produktion seit ihrer Berliner Premiere 1980 gute Dienste, bis sie 2011 abgelöst wurde.

Einige der bedeutendsten Wagner-Sänger in ihren großen Partien: Gwyneth Jones war seinerzeit 56 Jahre alt, René Kollo 55, der Höhepunkt ihrer Karriere waren die 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Beide haben ihre besten Jahre hinter sich, ihre Stimme ist sehr unruhig, gelegentlich auch scharf, seine matt, etwas ausgedünnt. Beide singen aber mit Leidenschaft und ehrlicher Hingabe. Textdeutlichkeit war noch eine Selbstverständlichkeit, was sie geradezu exemplarisch im Liebesduett, wo sie allerdings wie Hänsel und Gretel beim Besuch des Sandmännchen wirken, vorführen, das ist passioniertes Singen zweier Könner, das, bei allen Einschränkungen, Bewunderung verlangt. Mit dabei Gerd Feldhoff als erfahrener Kurwenal, der vornehm näselnde Robert Lloyd und als Youngster Hanna Schwarz als Brangäne. Große klare Gesten, direkte Absprachen, eine übersichtlich organisierte Inszenierung zwischen den staubigen Netzen und der Takelage des Schiffes, dem Gestrüpp und den Hecken in Cornwall und den kaputten Mauern und Stufen auf Tristans Burg, viele Nahaufnahmen, viele herunterhängende Mundwinkel. Wer will das noch sehen.

Rolf Fath  

 

Richard Wagner: Tristan und Isolde mit René Kollo (Tristan), Gwyneth Jones (Isolde), Robert Lloyd (König Marke), Gerd Feldhoff (Kurwenal), Peter Edelmann (Melot), Hanna Schwarz (Brangäne) u.a.; Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin; Dirigent: Jíři Kout; Inszenierung: Götz Friedrich ; Bühnenbild : Günther Schneider-Siemssen; Arthaus 108 083 Blu-ray Disc