Tod für Giulietta

Ganz jung noch ist die Aufnahme von Offenbachs Les Contes d’Hoffmann aus Barcelona, und sie ist es zwangsläufig, denn sie benutzt die jüngste Fassung der Oper von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck, die sich auf erst vor kurzem gefundenes Material, so für den Giulietta-Akt, und das Zensur-Libretto stützt. Es gibt gesprochene Rezitative, eine abgewandelte Diamanten– oder Spiegel-Arie, den Todesstoß für Giulietta durch Hofmann und eine Arie der Stella am Schluss der Oper, ehe sich die Muse über den be- und trunkenen Dichter beugt. Außerdem steht der Giulietta-Akt wieder am Schluss der drei Episoden. Deutlicher als bei jeder anderen Fassung wird hier, dass sich in Stella alle drei Frauen aus Hofmanns Leben vereinen, was eigentlich eine Besetzung mit einer einzigen Sängerin erforderlich macht, problemlos auch, weil die zusätzliche Musik für Giulietta in der Sopranlage komponiert ist.    

Auf einer eher schlichten Bühne (Chantal Thomas), die im Olympia-Bild von hohen Wänden, im Hause Crespel von Treppen, im Venedig ohne sonstige venezianische Anklänge von schwimmenden Sitzecken bestimmt wird, ergehen sich die Personen in Kostümen der Entstehungszeit (Laurent Pelly). Bescheiden fallen die Staunen erregen sollenden Effekte aus, so ein Kran, der, zunächst unsichtbar, Olympia auf- und abschweben lässt, ein riesiges Negativ eines Fotos der toten Mutter, Treppen, die das Liebespaar Hoffmann-Antonia aufeinander zu und voneinander wegfahren lassen. Die Regie von Laurent Pelly ist angenehm zurückhaltend, respektiert den von Libretto und Musik vorgegebenen Charakter der Personen.

Die überragende Sängerpersönlichkeit ist Laurent Naouri in den vier Bösewichterrollen, eine Mischung zwischen Goebbels, Nosferatu und Satanas persönlich, mit wunderbarer Maske und Mimik, dazu natürlich hochidiomatisch, voller Prägnanz wie Eleganz und dunkler Drohung in der vokalen Darbietung. Neben ihm wirkt der rundliche Hoffmann von Michael Spyres recht unbedarft, mit angenehmem lyrischem Tenor, der in den Höhen angestrengt wirkt, insgesamt zu weich und unkonturiert in der Tongebung. Allerdings hätte die Antonia von Natalie Dessay keinen markanteren Partner vertragen, denn der Sopran klingt für die Partie überzart, und allein die Intensität des Singens lässt die Sängerin noch nicht rollenadäquat erscheinen. Zunächst gewundert hatte man sich über die Besetzung der Giulietta mit dem Sopran Tatiana Pavlovskaya, aber die Figur hat nun mit der zusätzlichen Musik eine andere, für die auch in der Mittellage präsente Stimme geeignete Tessitura. Mit glasklarem, zartem, beweglichem Sopran ist Kathleen Kim die richtige Besetzung für die Puppe Olympia. Sehr elegant ist Michèle Losier als Muse/Nicklausse, die in dieser Fassung aus einem Weinfass steigt und mit leichtem, hellem Mezzo  in allen sonst oft gestrichenen Arien brillieren kann. Eine unerwartet luxuriöse Besetzung ist die des Crespel mit Carlos Chausson. Susana Cordón ist eine recht herbe Stella, Francisco Vas macht viel aus dem Couplet des Frantz, Manel Esteve Madrid ist ein angemessener Spalanzani.

Chor und Orchester Stéphane Denève werden vom Publikum zu recht ganz besonders gefeiert. An dieser überzeugenden Version wird in Zukunft kein Opernhaus mehr vorbei kommen. Eine Schande sind allerdings die deutschen Untertitel, so auch wie das Fehlen jeder Information über die Besetzung hinaus in dem, was Booklet zu nennen man sich scheut (2DVD Erato 4636914 0).

Ingrid Wanja