Szenische Erstaufführung

 

2016 kam es in Donizettis Geburtstadt Bergamo zur Aufführung von Olivo e Pasquale in Maria Chiara Bertieris Sichtung zeitgenössischer Quellen für eine Version, die Donizetti nach der im Januar 1827 erfolgten Uraufführung am Teatro Valle in Rom für eine im Herbst des gleichen Jahres folgende Aufführung in Neapel erstellte. Unten in der Neustadt fanden im Teatro Donizetti die Aufführungen der Rosmonda d’ Inghilterra statt, die nach konzertanten Voraufführungen im Oktober 2015 in Florenz nun beim Donizetti Festival ihre szenische Abrundung erlebte. Auch sie in einer Fassung, die Alberto Sonzogni nach dem Autograf der Uraufführung 1834 erstellte und nicht in der genehmeren Version, welche Donizetti für eine 1837 geplante Aufführung in Neapel anfertigte, die aus mehreren Gründen nicht stattfand.

Donizettis Rosmonda d’ Inghilterra wurde bei der Uraufführung wohlwollend aufgenommen, fand allerdings kaum Verbreitung und hielt sich nicht mal bis zur Mitte von Donizettis Jahrhundert auf den Spielplänen. Bekannt sind die Opera Rara-Ehrenrettungen von 1975 mit Yvonne Kenny und Ludmilla Andrew sowie zwanzig Jahre später die Aufnahme mit Renée Fleming und Nelly Miricioiu als Rosmonda und Leonora. Allerdings – und das wiederum unterscheidet sie von der Aufführung in Bergamo –  mit einem Finale, das Donizetti für eine andere Aufführung vorsah: mit der Schluss-Cabaletta von Rosmondas Konkurrentin Leonora. Nur so macht die Oper nach den Geflogenheiten der Zeit Sinn. Der abrupte und brutale Schluss, so wie er in Bergamo gespielt wurde (25. November), – Leonora ersticht Rosmonda und schleudert ihrem, von ihr abhängigen Gatten Henry II. die Worte „Sono al fine vendicata… trema, Enrico! Io regno ancor“ entgegen – verstört auch heute noch. Kurzes Schweigen. Kann es das gewesen sein? So war es am 26. Februar 1834, als Rosmonda d’ Inghilterra am Teatro La Pergola in Floren in einer glanzvollen Besetzung mit Fanny Tacchinardi Persiani, der ersten Lucia, und Gilbert Duprez, dem ersten Edgardo im folgenden Jahr, erstmals in Szene ging. Die dritte Hauptpartie sang Anna Del Sere, die die Elisabetta in Maria Stuarda kreierte. In der Überarbeitung als Eleonora di Guienna wäre sie die Hauptfigur gewesen. Leonora ist die farbigere Partie. Donizetti hatte sich auch mit dem Gedanken getragen, den Schluss, also die Cabaletta, dem König zu überlassen.

Fair Rosamund oder Rose of the world, passt so ganz in die Epoche, die sich für englische Romantik begeisterte. Sie ist eine Figur zwischen Historie und Legende. Fakt ist, dass Rosamund de Clifford die Geliebte von Henry II. war (1135-89), der mit Eleonore von Aquitanien verheiratet war. Rosamund war blutjung, als sie 1165 den damals 30jährigen König kennenlernte. Die Affäre wurde bis 1174 geheim gehalten. Zwei Jahre später starb Rosamund. Keine andere Geliebte eines englischen Königs hat die Phantasie der Nachwelt derart angeregt. 1829 war am La Fenice Carlo Coccias Rosmonda mit einem Libretto Felice Romanis herausgekommen (auch Otto Nicolai hatte 1839 einen Enrico II. geschrieben, doch Chemnitz hat seine einstige Nicolai-Offensive eingestellt), auf das Donizetti mangels anderer Alternativen von Romani  zurückgreifen konnte. Er hat gestrafft und ein bisschen geändert, wollte die Hosenrolle des Arturo entfernen, was er nicht tat, und dachte an eine aria finale für den Tenor. Letztlich kam die Oper so heraus, wie beschrieben.

 

Donizettis „Rosmonda d´Inghilterra“ in Bergamo 2016/ Szene/ Foto Rota/ Fondazione Donizetti

In dieser Originalfassung kam sie 2016 in Bergamo in einer durchgehend fesselnden Produktion zur Aufführung, die nun 2017 als DVD von Dynamic vorliegt (37757). Am Ende entluden sich zwar Buhrufe über der Regisseurin – viel österreichisches, deutsches Publikum, das offenbar den bemalten Leinwänden nachtrauert –, doch die hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Auch nicht die Fondazione Donizetti durch einen überzogenen Ausstattungsetat für nur drei szenische Aufführungen in den Ruin getrieben. Regisseurin Paola Rota und ihr Ausstatter Nicolas Bovey halten das englische Geschehen in einem vagen, heutigen Schwarzdunkel mit einer gruselig heulenden Gewitterszene zu Beginn, doch vor allem durch schlichte, atmosphärisch dichte Raumsituationen mit beweglichen Wandteilen, die unterschiedlich weite und enge Räume schaffen und die Bühne seitlich immer neu begrenzen. Sie schaffen Konzentration und Intimität, lassen dem geradezu psychologisch ausgefeilten ariosen Schlagabtausch den Vorrang. Donizettis Epoche ist in den Gewändern der Herren und den wenigen Möbeln gegenwärtig, während Massimo Cantini Parrini die Primadonnen in grandiose Roben steckte, die völlig die sparsame Ausstattung aufwogen.

Jessica Pratt hatte ich zuerst in Wildbad in Rossinis Otello gehört, seit vielen Jahren wird sie mittlerweile in Italien in Partien wie der Lucia geschätzt und entspricht offenbar genau dem Ideal der Uraufführungssängerin, die übrigens in der Lucia gerne Rosmondas „Perchè non ho del vento?“ anstelle von „Quando rapita in estasi“ einschob. Pratt, eine gute erste Sängerin, wirkt durchgehend etwas kalt, glatt, was Donizetti auch an Tacchinardi Persiani bemängelt, ist aber perfekt im kristallinen Cantabile, den sanft dahingleitenden Skalen und Fiorituren, mit der Donizetti die Unschuld der sanften Rosmonda umhüllte. Was sich aus Silben und Worten machen lässt, wie man den Text mit Singenergie auflädt, zeigte Eva Mei – mir war gar nicht bewusst, dass sie noch so aktiv ist – als Leonora mit einer galligen Attacke, wobei es nicht stört, dass einige Töne harsch und grau und unausgeglichen waren, ein Mangel der sich im Lauf der Aufführung legte. Gerne hätte ich die Schluss-Cabaletta mit ihr gehört. Auch Dario Schmunck, der zu Beginn doch sehr nervös und kehlig eng klang, fand im Lauf des Abends zu einer frei leidenschaftlichen Singemphase und gestaltete den Enrico mit höhensicherem, weich leuchtendem Tenor, wunderbarer Artikulation und guter Atemführung. Beider Duett zu Beginn des zweiten Aktes geriet zur beklemmenden Studie über ein Paar, das seine einstige Liebe begraben hat. Rosmondas Vater Clifford sang Nicola Ulivieri mit der nötigen Basswürde, Raffaella Lupinacci war als Arturo, immerhin hat er im zweiten Akt eine eigene Szene und Arie, zufriedenstellend. Sebastiano Rolli leitete Chor und Orchester der Donizetti Oper mit jenem Wissen und  Erfahrung, die nur aus dem intensiven Umgang mit Donizettis ernsten Opern resultiert. Die Saison war damals anlässlich seines 20. Todestages übrigens Gianandrea Gavazzeni gewidmet.   Rolf Fath