Stimmungsvolle Optik

Eine glückliche Hand hatte Regisseur Gilbert Deflo bei der Inszenierung von Verdis Rigoletto 2008 im Zürcher Opernhaus, als er die Handlung in einer großbürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts spielen ließ, die im ersten Akt ein üppiges Renaissance-Fest feiert. So braucht der Zuschauer nicht auf prachtvolle historische Kostüme (William Orlandi), barbusige Damen und ein skurriles Ballett zu verzichten, und das Sujet, Herrscherwillkür und die Hochschätzung der Jungfräulichkeit, wird auch im neuen historischen Rahmen nicht ad absurdum geführt. Bis ins letzte Detail, so das der Uhrenkette und des Vatermörderkragens wie Bratenrocks, ersteht die ehrenwerte Gesellschaft vor dem Auge des Betrachters, und für den letzten Akt hat Orlandi einen wundervollen Hintergrundprospekt mit dem im über dem Mincio aufsteigenden Nebel versinkenden Mantua geschaffen. Vor „Caro nome“ fällt überraschenderweise der Vorhang und öffnet sich wieder, um den Blick auf eine Gilda wie ein von einem gotischen Rahmen umfasstes, schwebendes Heiligenbild freizugeben. Dies und vieles andere mehr verrät die glückliche Gabe der für die Optik Verantwortlichen, Schönheit und Ausdrucksintensität miteinander zu verbinden, worüber man natürlich nördlich der Alpen besonders dankbar sein muss.

Am Dirigentenpult steht mit Nello Santi einer der besten Verdi-Kenner unter den Kapellmeistern, deren einer im besten Sinne des Wortes er seit Jahrzehnten und besonders an diesem Opernhaus war. Er entwickelt mit dem Orchester ungeheuer viel Brio, viel federnde Italianità, dazu ein hingebungsvolles Eingehen auf die Sängersolisten. Der Herrenchor steht dem Orchester in nichts nach, auch er weiß jedes Umtata zu vermeiden.

Ein aufeinander eingespieltes Vater-Tochter-Paar sind Leo Nucci als Rigoletto und Elena Mosuϛ als Gilda, die in der Arena di Verona nie um ein Bis der „Vendetta“ herumkamen. In Zürich gibt es das natürlich nicht, aber ein eher noch intensiveres Zusammenspiel auf kleinerem Raum. Der Bariton vereint eine große stimmliche Leistung der dramatischen Stimme, die zu generöser Phrasierung, perfektem Legato und reicher Agogik fähig ist, mit einem nuancenreichen Mienenspiel zwischen Häme und Zärtlichkeit, Angst und Rachsucht, die keinem Schauspieler ausdrucksvoller zur Verfügung stünden. Der Rigoletto dürfte die Rolle seines Lebens sein. La Mosuϛ hat die deliziöse Leichtigkeit der Koloraturen, die nie Selbstzweck, sondern Ausdruck der Seligkeit erster Liebe zu sein scheinen, mit dem schönen Glockenton in der Höhe von „Tutte le feste“ und viel dolcezza bis hin zum unverrückbaren „sempre“. Piotr Beczala vermittelt die Wesenlosigkeit des Duca überzeugend, seine vokale Leistung einschließlich der exponierten Höhen ist korrekt, für „Quest‘ e quella“ und „La donna è mobile“ fehlt es der feinen Tenorstimme etwas an Brillanz, am besten gelingt das lyrische „Parmi veder le lacrime“. Für die Maddalena zu unschuldig wirkt Katharina Peetz, deren leichter Mezzo angenehm, aber nicht besonders sinnlich klingt. Gar nicht dem Klischee entspricht der unvergessene Laszlo Polgar als hocheleganter, für diese Schwester reichlich betagter Sparafucile. Rolf Haunstein ist ein überaus imponierender Monterone, Martina Welschenbach lässt als frischstimmiger Paggio aufhorchen. Wer eine Produktion schätzt, in der Optik, darstellerische, orchestrale und vokale Interpretation dem Werk gerecht werden, kann sich über diese Aufnahme freuen (Arthaus Blu-ray 108 057).

Ingrid Wanja