Geriatrische Pluderhose

Eine in sich stimmige, unbarmherzig konsequente, teils urkomische, teils poetische Regiearbeit hatte Philipp Stölzl zu Beginn der vergangenen Spielzeit in der Berliner Staatsoper abgeliefert, voller origineller Einfälle, überbordend von immer neuen Überraschungen für das staunende Publikum  und konsequent  überkandidelt. Über einen so großen Einfallsreichtum, den Einsatz so raffinierter technischer Mittel hätte man nicht nur staunen, sondern auch glücklich und begeistert sein können, hätte es sich bei der Inszenierung nicht um Verdis Il Trovatore gehandelt, der erbarmungslos der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Anzunehmen ist, dass die Legitimation für Stück- und Publikumsveräppelung in der so weit verbreiteten wie falschen Meinung liegen könnte, das Stück habe die unlogischste und lächerlichste aller möglichen Opernhandlungen, obwohl kaum ein Libretto so bemüht ist, die Zusammenhänge deutlich zu machen wie eben dieses mit den Rückblicken von Ferrando und Azucena.

Nicht glücklich gewesen sein mag die Regie mit der Besetzung des Luna durch Plácido Domingo, der wie Anna Netrebko mit der Leonora sein Rollendebüt in der Baritonpartie gab und sich weder in der Kostümierung noch in der Darstellung den Intentionen des Produktionsteams beugen mochte, so ein Fremdkörper im Ensemble blieb, das sich anscheinend willig der Forderung nach allerlei Verrenkungen, Grimassieren und  Karikieren herkömmlicher Operngestik fügte.

Nicht verschwiegen werden soll, dass die DVD, auf dem häuslichen Fernseher betrachtet, besser goutierbar ist,  als es das Live-Erlebnis war, denn die verfremdende Distanz, die das Medium herstellt, hilft dem Zuschauer, Comic- und Commedia-dell‘-Arte-Elemente auch in den tragischsten Momenten  zu tolerieren. Die Aufzeichnung ist auf keinen Fall die der Premiere, sondern wahrscheinlich aus mehreren Vorstellungen stammend, denn das Regieteam stellt sich nicht dem Urteil des Publikums, der Applaus für Daniel Barenboim und das Orchester fällt verhaltener aus als erinnerlich, und Plácido Domingo zeigt weniger Probleme, was Kurzatmigkeit und das Bedürfnis nach Anlehnung an Kulissenteile betrifft. Seine Stimme klingt nicht besonders baritonal, aber kraftvoll, in „Il balen del suo sorriso“ mit schönem Legato geführt, und sein Spiel ist engagiert wie eh und je.  Anna Netrebko ist trotz der scheußlichen Perücke wunderschön anzusehen und singt tadellos, alle Schwierigkeiten der Partie ohne erkennbare Mühe meisternd, wenn auch, wohl durch die Optik bedingt, nicht besonders berührend. Wacker schlägt sich Einspringer Gaston Rivero als Manrico eher der lyrischen Passagen als des tenoralen Auftrumpfens.  Adrian Sampetrean verhilft dem Ferrando eher zu Basseindringlichkeit als zum auch zur Partie gehörenden  wendigen Brio.  Die abgerundetste gesangliche  Leistung zeigt Marina Prudenskaja als trotz Struwwelpeterfrisur und Colombinenröckchen  würdige Azucena. Eher gemächlich und in der Lautstärke zurückhaltend zeigt sich das Orchester, der Chor  unter Martin Wright gibt sich weitaus energischer. Die phantasiereichen Videos stammen von fettFilm. Zum Kennenlernen der Oper sollte man zu einer anderen Aufführung greifen, um zu erfahren, was es so alles gibt und was möglich ist auf der Opernbühne, leistet die DVD Erhellendes – und die beiden Damen sind Spitze (DG 00440 073 5132).

Ingrid Wanja