Später Klassenkampf

 

Was sich das Regieteam dabei gedacht hat, Massenets Don Quichotte (im Personenverzeichnis Quixote, sic!) zwischen sich expressionistisch einander zuneigenden Hochhäusern spielen und den Ritter von der traurigen Gestalt nebst Sancho Panza auf Segway-Rollern über die dazwischen ausgelegten Stege, die auf einem Bücherhaufen lagern, sausen zu lassen, ist unerfindlich. Bevölkert wird die Bühne von in Schwarz gekleideten Maskenmännern (Kostüme und Bühnenbild Yoanna Manoledaki), die durch einen Bilderrahmen schauen, den sie sich später über die Schulter hängen, auch mal mit einem Blumentopf und einer Bier- oder Weinflasche verzieren. Man assoziiert mit Wallstreet und Kapitalismuskritik, die aber nach dem ersten Akt wieder eingestellt wird. Eher nachzuvollziehen ist die Verlegung des dritten Akts in eine Spielbank, denkt man an den Uraufführungsort Monte Carlo. Der letzte Akt mit der Sterbeszene ist dann furchtbar kitschig anzusehen, wenn auf einem sich gen Himmel bewegenden Katafalk, von weißen Riesenbändern bekränzt, der Titelheld seine letzte Arie singt. Vom melancholischen Charme des Werks ist in der Sofioter Optik nichts auszumachen, da helfen auch kein Pegasus am Sternenhimmel, keine Schmetterlingsstandarten und keine  Windmühlenflügel wie Hammer und Sichel (Kommunismuskritik?). Unentschlossenheit scheint die Regie von Plamen Kartaloff geprägt zu haben, und auch das Orchester unter Francesco Rosa findet nur sporadisch zur melancholischen, subtilen Eleganz des Spätwerks des französischen Komponisten.

Die beiden Protagonisten sind so kostümiert, dass sie aus der Bebilderung einer Erstausgabe des Cervantes-Romans stammen könnten, doch ist durch die „Modernität“ der restlichen Optik der Abstand zwischen dem der Vergangenheit verhafteten Ritter und der Zeit, die er nicht mehr und die ihn nicht versteht, allzu groß geworden, als dass eine Spannung zwischen beiden entstehen könnte.

Orlin Anastasov ist ein gestandener Sänger, der an ersten Häusern gastiert, aber diese Partie ist die seine nicht. Der Bass hört sich zu slawisch an, die Emission nicht geschmeidig , der Gesang nicht fließend genug, Sfumaturen sind seine Sache nicht und doch so wichtig für diese Musik. Am besten gelingt dem Sänger das Gebet am Schluss der Oper. Einen Bariton satterer Farben hat Namensvetter Ventseslav Anastasov für den treuen Begleiter. Die Stimme wird flexibler geführt, urkomisch ist die Frauenbeschimpfung im zweiten Akt, anrührend „O mon maitre“ im Schlussakt. Einen herben Mezzo, der zur Aufmachung, halb Domina, halb Puffmutter, passt, setzt Tsveta Sarambelieva für die Dulcinea ein, vokaler Charme kommt bei ihr etwas zu kurz, die Höhe ist grell, nur im „Ne pensons qu’au plaisir d’aimer“ kann sie wirklich gefallen. Aus der Masse der Comprimari ragt mit angenehmem Tenor Plamen Papazikov als Juan  heraus. Dynamic macht den DVD-Betrachter oft mit selten gespielten Opern auch aus eher an der Opernperipherie liegenden Häusern bekannt, was sich diesmal nicht gelohnt hat (Dynamic 33733). Ingrid Wanja