Solide, gut verdauliche Kost

Obwohl die Kulissen die denkbar schlichtesten sind, sieht man sie gern, obwohl die Sänger verwöhnten Ansprüchen nicht genügen, hört man ihnen aufmerksam zu, und obwohl die Regie von Stefano Vizioli sich auf schlichte Anweisungen für Auftritte und Abgänge, für Mimik und Gestik beschränkt zu haben scheint, ist man schließlich doch zufrieden mit der DVD von Verdis Luisa Miller aus Malmö. Woran das liegt? Wahrscheinlich an jeglichem Fehlen von eitler Selbstdarstellung, aufdringlicher Selbstverwirklichung und zudringlicher Selbstbeweihräucherung. Hier wurde einfach in guter alter Stadttheatermanier einem Libretto und einer Musik vertraut und beides im Dienst an denselben auf die Bühne gebracht.

Wenn nun, um das Unprätentiöse noch auf die Spitze zu treiben, vor und zwischen dem Bühnenspiel gezeigt wird, wie der Federica die Perücke aufgesetzt oder dem Tenor nach seiner Arie die Aqua-Minerale-Flasche zur Erfrischung gereicht wird, dann ist das vielleicht die typisch schwedische „Natürlichkeit“ und für manchen Geschmack zu viel des Guten, aber auch kein besonders störendes Element. Über den kargen Realismus einer Ein-Zimmer-Hütte oder eines Rasenstücks (Cristian Taraborrelli) gehen die in allen Szenen präsenten zwei Riesenhände hinaus, die man zunächst noch für die des vielzitierten Gottes halten mag, bis sie im letzten Akt die armselige Behausung der Millers eingedrückt zu haben scheinen. Hochsymbolisch sollen sie wohl sein, auch wenn sich ihr Sinn nicht voll erschließt, eher der des allmählich sich verdunkelnden Himmels im ersten Akt, wenn Vater Miller düstere Vorahnungen hat. Ganz deutlich aber wird die Absicht der Bühne, über reinen Realismus hinaus zu gehen, wenn sich im Rasenstück ein Riss auftut und Wurm, wie aus einem Abgrund kommend, sich der Geburtstagsgesellschaft nähert. Die Kostüme von Anna Maria Heinreich setzen auf die Directoire-Zeit, zeigen aber auch Brustharnische für die Schergen Walters. Wer für die durchweg schlimmen Perücken verantwortlich ist, wird nicht preisgegeben. Wie die Violetta ist Luisa eine Partie, die mehr als einen Stimmtyp braucht – für die Auftrittsarie und auch später noch an einigen Stellen wird ein Koloratursopran gefordert, spätestens ab „Tu punisci mi, Signore“ ein lirico spinto. Die anmutige Olesya Golovneva ist eigentlich eine hellstimmige Gilda, der die Verzierungen leicht fallen, die innige Piani singen kann, die aber in den Ensembles manchmal untergeht. Viel dolcezza setzt sie im Duett mit dem Vater ein, der mit Vladislav Sulimsky als einem hörbaren Verdi-Kenner besetzt ist. Er singt großzügige Phrasen, hat ein gutes Legato, setzt sogar in seiner ersten Arie eine zusätzliche Höhe ein und singt eine rasante Cabaletta. Zu hell für den Rodolfo klingt Luc Robert, ein gesetzter Herr mittleren Alters. Er hat alle Töne, aber nicht die richtige Stimmfarbe. Fällt das Rezitativ zu „Quando le sere al placido..“ noch recht kläglich aus, so singt er die Arie und die Cabaletta anständig, wenn auch hörbar die letzten Reserven einsetzend. Wenig Italianità kann Taras Shtonda für den Walter aufbringen, der Bass ist stumpf und die Kadenz seiner Arie einfach schrecklich gesungen. Schön eklig ist der sich tatsächlich wie ein solcher krümmende Wurm von Lars Arvidson mit uneinheitlicher vokaler Leistung, neben potenten auch fahle Töne hören lassend. Sehr gut spielt Ivonne Fuchs die zwischen Arroganz und Leidenschaft schwankende Federica und lässt ihr einen weichen, hellen Mezzo zuteil werden. Sehr gut ist der Chor (Elisabeth Boström), einiges Brio und die notwendige Dramatik ohne Sängergefährdung steuert das Orchester unter Michael Güttler bei (Arthaus 101 688).

Ingrid Wanja