Sex & Crime Im Dreierpack

 

Monteverdi 3 x Poppea nennt sich eine Neuveröffentlichung von EuroArts, welche das Melodramma des Komponisten in zweifacher Aufführung sowie  eine choreografische Deutung des Stoffes von Christian Spuck beim Gauthier Dance Stuttgart von 2013 vereint (206318, 3 DVD). Letztere wurde hier bereits besprochen.

DVD 1 bringt eine Aufzeichnung aus der Norwegischen Nationaloper Oslo aus dem Jahre 2010 in der Regie von Ole Anders Tandberg. Der Mitschnitt ist von Bedeutung wegen der Mitwirkung des polnischen Sopranisten Jacek Laszczkowski als Nerone, der in dieser Partie auch an der Hamburgischen Staatsoper aufgetreten war und dafür von der Opernwelt zum Sänger des Jahres erkoren wurde. Da der Pole mittlerweile das Fach gewechselt hat und nur noch in Helden- oder Charaktertenorpartien auftritt, ist dieses Dokument umso wertvoller. Inszenierungsbedingt wirkt er hier nicht so lasziv, zuweilen gar verzerrt zu einer jämmerlichen Karikatur, hysterisch aufgedreht, zappelnd, extrem lüstern in seinen sexuellen Begierden. Gesanglich aber ist er erneut  phänomenal in seiner hysterisch auffahrenden Emphase, den furiosen Ausbrüchen in der Höhe und den betörenden Schmeicheleien, mit denen er Poppea zu umgarnen versucht. Diese ist mit Brigitte Christensen hochrangig  besetzt, deren dunkel getönter, sinnlicher Sopran lockend und verführerisch klingt. Das macht ihr erstes Duett mit Nerone, in welchem es auch körperlich drastisch zugeht, zu einem frühen Höhepunkt der Aufführung. Und natürlich sorgen die beiden Protagonisten mit dem hinreißenden Schlussduett „Pur ti miro“ für ein finales vokales Glanzlicht. Auch in den weiteren Partien sind beste Kräfte aufgeboten. Ein jugendlich-attraktiver Ottone ist Tim Mead, dessen Counter von angenehmem Timbre bis in die obere Lage ausgeglichen wirkt. In seiner Eifersucht auf Nerone, der in der Gunst Poppeas siegt, lässt er aber auch energisch-aggressive Töne hören. Grandios ist Patricia Bardon als Ottavia, die ihre hausfrauliche Erscheinung durch ihren markanten Mezzo vergessen macht, der über Pathos und eindringliche Suggestivkraft verfügt, was ihrem Auftritt „Disprezzata regina!“ zu starker Wirkung verhilft. Reich ausgeprägt ist die Tiefe, und rasenden Ausdruck nimmt die Stimme beim Gedenken an ihren Gatten in Poppeas Armen an. Beklemmend ist ihr Abschied „Addio Roma“ mit dem stockenden Beginn und der existentiellen Steigerung. Bei der Arnalta, Poppeas Amme, hat die Maske gar nicht erst versucht, eine Frau vorzutäuschen. Emiliano Gonzales-Toro ist ein gestandener Mann, der sich offenbar in Frauenkleidern wohler fühlt. Der Spanier lässt einen charaktervollen Tenor mit prägnanter Diktion und Biss, aber auch kosenden Tönen in seinem Schlaflied für Poppea hören. Und herrlich kostet Arnalta den Triumph aus, ihre Herrin als Kaiserin von Rom zu sehen. Bei deren Amme, der Nutrice, die in Gestalt von Tone Kruse als skurriles älteres Mütterchen mit Handkorb erscheint, rätselt man dagegen lange, ob das ein Charakteralt oder eine Travestiebesetzung ist. Ihr Gesang von stark androgynem Ton lebt von praller Vitalität – ein glänzender Auftritt der norwegischen Altistin. Jugendliche Klänge bringen Marita Solberg mit frischem Sopran als Drusilla, das Hausmädchen mit weißer Schürze (Kostüme: Maria Geber), und David Fielder als Page Valetto mit buffoneskem Tenor ein. Ein Mann in den besten Jahren ist der Philosoph Seneca (Giovanni Battista Parodi mit tiefem, etwas brummigem Bass), obwohl er mühsam am Stock geht. Mutete die Inszenierung auf einer gebogenen Scheibe (Erlend Birkeland) zunächst wie ein Schwarz/Weiß-Film an (mit nur wenigen roten Farbtupfern wie einem Blumenstrauß oder einem Lippenpaar), wandelt sich die Ästhetik der Aufführung im Moment von Senecas verordnetem Selbstmord total. Wenn er sich mit der Rasierklinge die Pulsadern öffnet, spritzt das Blut in Fontänen und färbt seine Kleidung und die Hände rot. Wenn Nerone und sein erotischer Gespiele Lucano (männlich reizvoll: Magnus Staveland) sich dann noch an dem Leichnam vergehen und sich in Ekstase in seinem Blut wälzen, wird die Aufführung zur perversen Orgie, die an die Ausstattungen des Wieners Hermann Nitsch denken lässt. Das bleibt so bis zum Schluss, denn wenn Ottavia erst ihre treue  Amme und dann sich selbst ersticht, ist wieder Gelegenheit für ein ausgiebiges Blutbad, in welchem sich Nerone und Poppea genüsslich wälzen und zu ihrem finalen Duett noch alle Höflinge und ihr Personal brutal abschlachten.

Am Pult des Orchestra of the Norwegian National Opera steht mit Alessandro de Marchi ein in der Alten Musik erprobter Spezialist. Er verhilft der Aufführung zu prallem Leben durch das Spiel von reicher Agogik und rhythmisch-tänzerischem Drive. In den Zwischenmusiken mutet das Spiel der Instrumente in ihren freien, dem Jazz nahen Improvisationen ungemein heutig an.

 

Zu „Poppea“: Kathleen Kuhlmann als Ottavia in der Schwetzinger Aufführung/ Foto youtube

17 Jahre früher wurde eine Festspielaufführung aus Schwetzingen dokumentiert, die auf DVD 2 zu sehen ist. Nach der Osloer Regie-Entgleisung ist Michael Hampes streng stilisierte Inszenierung eine Erholung, auch wenn die von Graziano Gregori erdachten Ledermonturen, Waffen und Helme eher aus unserem Jahrhundert stammen. Mit ihm zeichnete der Regisseur auch für die sparsame, fast abstrakte Bühne verantwortlich. Spielfläche ist die Erdkugel, die hinten von geätzten Metallplatten begrenzt wird und mit sparsamem Mobiliar ausgestattet ist.

Auch hier versammeln sich Spitzenkräfte zu einer ausgewogenen Besetzung. In der Titelrolle nimmt Patricia Schumann mit attraktiver Erscheinung und flexiblem Sopran, der über vielfältige Farben und Nuancen verfügt, für sich ein. Der Nerone ist hier mit einem Tenor besetzt – eine heute nicht mehr übliche Praxis. Auch klingt Richard Crofts kultivierte Stimme für die Figur zu „normal“ und gepflegt, einfach nicht neurotisch genug. Aber sein Tenor ist im maskulin-heldischen Timbre und technisch von erster Qualität. Eine Luxusbesetzung ist Jeffrey Gall mit seinem männlich-sinnlichen Counter als Ottone. Fabelhaft  klingt die Höhe, imposant die Tiefe. Ganz in Schwarz, wie eine Göttin, mit ausgebreiteten Armen auf dem Thron sitzend, fährt Ottavia aus der Tiefe empor – ein effektvoller Auftritt, den Kathleen  Kuhlmann zu nutzen weiß. Ihre Kaiserin ist von erhabener Schönheit – in Erscheinung wie Stimme –, hat Autorität und ernstes Pathos, die Deklamation ist streng und eindringlich. Mühsam und stockend formuliert sie die ersten Worte ihres Abschieds von Rom, bis sie sich zu rasenden Ausbrüchen steigert – eine Szene von würdevoller Größe. Harry Peeters als Seneca ist ein seriöser Herr voller Würde und mit reichem Basspotential. Seine Sterbeszene ist in ihrer erhabenen Schlichtheit von bewegender Eindringlichkeit.

Köstlich in der drallen Erscheinung, energischen Aura und mimischen Beredsamkeit ist Curtis Rayam als Arnalta, der aber auch einen reich timbrierten Tenor mit betörenden Nuancen im Schlaflied hören lässt. Ein Kabinettstück bietet auch Dominique Visse mit Nickelbrille und Korkenzieherlöckchen als ausgemergelte Nutrice mit meckernder Stimme. Dass er in der Besetzungsliste des Booklets nicht aufgeführt wird, hat er nicht verdient. Auch in dieser Aufführung sorgen Drusilla (Darla Brooks) und Valetto (hier mit der Sopranistin Etsuko Kanoh besetzt) für leichtfüßiges Spiel und beschwingte Klänge.

Die Fassung für diese Aufführung erstellte René Jacobs, der zu den Pionieren der Alte-Musik-Bewegung zählt und auch am Pult des Concerto Köln steht. Im Vergleich zu De Marchi ist sein Klangbild weicher und runder, mehr auf Schönheit und Ausgeglichenheit bedacht, aber dennoch von starkem rhythmischem Duktus. Insgesamt ist die Aufführung in Schwetzingen vielleicht die gültigere, weil sie auf szenische Exzesse verzichtet, ohne verstaubt zu wirken und das musikalische Niveau herausragend ist. Gut, dass man hier nicht die Qual der Wahl hat und sich für eine der beiden Versionen mit ihren jeweiligen Meriten entscheiden muss (Foto oben: Jeffrey Gall, hier als Ruggiero in Vivaldis „Orlando furioso“ 1990 in San Francisco/ youtube) . Bernd Hoppe