Schwerstarbeit bis zur Erschöpfung

Offensichtlich von den grauen Stelen des Mahnmals zur Erinnerung an die ermordeten Juden Europas in Berlin hat sich Bühnenbildnerin Alison Chitty inspirieren lassen für die Produktion von Verdis Nabucco, die 2013 zunächst in Mailand, im selben Jahr noch in London an Covent Garden gezeigt wurde.  Die werden dann auch schnöde von den Assyrern umgestoßen, die wie ihre jüdischen Widersacher in Kostümen der Nazizeit auftreten., „echt“  bis hin zu den  Krankenkassenbrillen und den Frisuren à la „Entwarnung“. Als Idole wie Baal und Nebengötter fungieren kunstvolle Drahtgestelle, weder deren Zertrümmerung noch der Schlag, der Nabucco zu seinem blasphemischen „Son Dio“ trifft, sind spektakulär, eher schon der echte Sand, der wohl eigens dazu aufgeschüttet wurde, um einmal durch Zaccarias Finger wirkungsvoll zu rinnen. So ähnlich wie bei der berühmten Inszenierung der Traviata durch Henning Brockhaus erhebt sich im Hintergrund ein riesiger Spiegel, auf dem aber nicht nur das Bühnengeschehen, sondern durchaus auch anderes, Grausameres zu sehen ist als auf der Vorderbühne. Zwar bietet sich die Verlegung der Handlung in die Nazizeit an, hat aber auch ihre Tücken, wenn spätestens von der Läuterung des Nabucco an keine Parallelität mehr auszumachen ist. Eine zu platte Übertragung in die Dreißiger/Vierziger vermeidet die Regie von Daniele Abbado auch dadurch, dass die Hebräer nicht idealisiert werden, sondern im Umgang mit Ismaele ebenfalls raue Sitten an den Tag legen.

Besonderes Interesse verdient die Produktion und damit auch die Sony-DVD durch Plácido Domingo, der sich mit dem Nabucco eine weitere Baritonpartie erarbeitete, und von Schwerstarbeit kann wirklich die Rede sein, denn bedingungsloser Einsatz bis zur wahrnehmbaren Erschöpfung  machen für den Zuschauer Hören und Sehen  zum Genuss wie gleichzeitig, wie sie ihnen zur Besorgnis Anlass geben. Wie bereits bei anderen Partien festzustellen, bleibt der Sänger ein Tenor mit baritonaler Mittellage, dessen Tiefe in der neuen Stimmlage hohl klingt. Sein Auftritt ist ein beeindruckender, mit grimmigem Herrscherblick und machtvoll auch in der vokalen Leistung, bis die Prestoteile der Cabaletten ihn in Atemnot bringen und die Endsilben verschlucken lassen. Sein darstellerscher Einsatz ist enorm, die Baritonpartien müssen den Schauspieler im  Sänger, dessen Markenzeichen die darstellerische Intensität ist, viel eher zufriedenstellen als die simpler gestrickten Tenorpartien. In der nüchternen Bühnenumgebung wirkt das Pathos, das er der Figur verleiht,  allerdings manchmal etwas befremdlich, meistens jedoch beeindruckend.  Insgesamt kann man feststellen, dass der Sänger sich zwischen zwei besonders hochkarätigen Partnern durchaus behaupten kann. Die Abigaille von Liudmyla  Monastryrska  ist vokal einfach eine Wucht, mit gänzlich ungefährdeten Intervallsprüngen, mit im Forte wie im Piano immer rund  bleibender Sopranstimme, mit schönen lyrischen Momenten und unangefochten in jeder Stimmlage.  Ihre gleißenden Pianissimi kennzeichnen den Charakter der Figur so, wie am Schluss die schlichte lyrische Klage berührt. Auch der Zaccaria von Vitalij Kowaljow lässt mit mächtiger, aber kultiviert eingesetzter Bassstimme keine Wünsche offen.  Selbst im Prestissimo waltet Präzision, ist die Diktion einwandfrei. Für den Ismaele hat Andrea Carè einen angenehm timbrierten Tenor, der in der Höhe nicht ganz frei klingt. Fenena Marianna  Pizzolato singt ihr Gebet mit warmem, weichem Mezzosopran. Nur noch Stimmreste hat Robert Lloyd für den Priester des Baal, David Butt Philip als Abdallo singt mit frischer Tenorstimme, Dusica Bijelic stützt als Anna. Ein Höchstmaß an Italianità entlockt Nicola Luisotti dem Orchester, nicht weniger engagiert als Italiener singt der Chor unter Renato Balsadonna nicht nur „Va pensiero“ (Sony 88875059359).

Ingrid Wanja