Sanfte Trauerarbeit

 

Noch bevor die Oper beginnt, betritt ein Mann die Bühne, ein Fischer mit Gummistiefeln und Wetterjacke, setzt einen leuchtenden, runden Lampion ab und beginnt zu rauchen. Ein zweiter Mann tritt hinzu, dann ein Paar, und auch eine kindsgroße Roboterfigur („Sie befinden sich in der sicheren Zone“) in Begleitung eines Mannes. Weitere Menschen kommen auf die von Itaru Sugiyami (den Namen findet man nur klitzeklein ganz hinten im Beiheft) mit einer Plexiglasscheibe, Steg und Stelen, darüber elf Leuchtröhren, karg eingerichtete Bühne. Alle legen ihre Kugellampions ab. Man hört das Rauschen des Meeres. Eine enervierende Ruhe, die durch das Rollen eines Gongs und heftige, immer aggressiver und rauer werdende Schlaggeräusche beendet wird. Die Menschen gedenken der Toten. Der Roboter plappert von dem Tsunami. „Die Nacht ist ohne Mond“ singt der Chor. Ein Notturno, dessen bezaubernder Gestus nicht wiederkehrt. Betroffenheit. „Ein Requiem to Fukushima“ heißt die Dokumentation, welche die Aufzeichnung von Toshio Hosokawas Stilles Meer ergänzt, deren Uraufführung Kent Nagano im Januar 2016 an der Hamburg Oper dirigierte (DVD EuroArts 2072998). Der Name „Fukushima“ wird im Text übrigens nie erwähnt.

 „Seid gegrüßt“ singt Claudia, die hierhergekommen ist, weil sie ihren Mann Takashi und ihren Sohn Max verloren hat. „Claudia, Du bist hier?“, fragt Haruko, die Schwester von Claudias Mann und weist darauf hin, „Stephan ist gekommen. Der Vater von Max“. Seit sie mit ihrem gemeinsamen Sohn Max nach Japan gegangen ist, hat Claudia jeglichen Kontakt zu ihrem früheren Geliebten verloren. Anlässlich der „O-higan“-Zeremonie“, bei der die Dorfbewohner Laternen aufs Meer setzen und der Toten gedenken, ist er nach Japan gekommen, um Claudia zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. Unterstützt wird der nüchterne Mann aus dem Westen, dessen Singen oft in Sprechen übergeht, was angesichts Bejun Mehtas edlem Countertenor schade ist, wobei Mehta nichtdestotrotz das sensibles Porträt liefert, von Haruko, die Claudia ein gemeinsames Nō-Stück zur Trauerbewältigung vorschlägt. Doch Claudia kann sich mit dem Tod des Sohnes nicht abfinden.

Das Libretto von Hannah Dübgen auf der Basis eines Originaltextes von Oriza Hirata ist von kantiger Zeichenhaftigkeit und spröder Einfalt, was ebenso auf Hiratas steife Inszenierung dieser Reise ins Innere zutrifft. Das ist mir alles zu bedeutungsschwanger und tief, zu spirituell und trauerfein. Origineller, aber nicht aufregender, ist die Musik des 1955 geborenen, erfolgreichsten Komponisten Japans, Toshio Hosokawa, der u.a. ab Mitte der 1970er Jahre in Berlin bei Isang Yun studierte und westliche und japanische Musik zusammenführen möchte. In seiner vierten Oper – u.a. nach Hanjo 2004 in Aix-en-Provence und Matsukae 2011 in Brüssel – gelingt ihm das mit wellenartig oszillierenden und ätherischen Tönen, mit sanften Streicherteppichen und im Gegensatz dazu dunkel dröhnenden Bläserattacken und Trommlern in der Taiko-Tradition nur zum Teil. Dem japanisch-westlichen Brückenschlag in diesem oratorienhaften Werk ist auch das „Theater auf dem Theater“ mit dem Nō-Stück, in dem eine Mutter ihr totes Kind sucht, geschuldet – man denkt an Brittens Curlew River. Großes Musiktheater ist das nicht. Kent Nagano, das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und die Vokalsolisten Hamburg machen das Beste aus dem 90minütigen Auftragswerk. Die Besetzung ist ausgezeichnet: die Koloratursopranistin Susanne Elmark setzt sich mit großer Eindringlichkeit für die dem Wahnsinn nahe Claudia ein, Mihoko Fujimura, deren pastosen Alt man noch aus Bayreuth in Erinnerung hatte, ist die Haruko, Viktor Rud gibt den Hiroto und Marek Gasztecki den Fischer.  Rolf Fath