Pezzi Milanese, Folge 1

 

Die Goldenen Jahre sind immer die vergangenen. Wann genau sie waren, liegt im Auge des Betrachters. Im Fall einer Zusammenstellung mit Probenbeobachtungen und Gesprächen, die der Journalist Enzo Biagi (1920-200) an der Mailänder Scala vornahm, sind es die 80er Jahre, beginnend mit Claudio Abbados erstem Wagner, dem Lohengrin zur Inaugurazione im Dezember 1981. Eine Boccanegra-Sitzprobe mit Freni, Cappuccilli, Ghiaurov und Luchetti schließt sich an, ein bisschen Falstaff (1982, Maazel/ Strehler), wegen der Freni, und schließlich der Aufbau des hölzernen Pferdes aus Les troyens (1982) inklusive eines Gesprächs mit Luca Ronconi, „einer der besten Regisseure der mittleren Generation“, der meint, dass die Scala nie ein Haus der Routine sei, und dazu ein paar Takte vom Beginn mit Georges Prȇtre am Pult. Größtenteils vornehmlich Fernseh-Schnipsel, die weder sorgfältig ausgewählt noch besonders erhellend sind, die dem Zuschauer erklären, dass Lohengrin von Wagner und Freni „eine bedeutende Sängerin“ ist (DVD Dynamic 37728). Vieles aus diesen Goldenen Jahren habe ich gesehen, was dennoch das Interesse an dem Sammelsurium aus Proben-Ausschnitten und Statements nicht steigern kann.

Teatro alle Scala, The Golden Years, Vol. 2 gibt´s auch schon

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Biagi stellt schlichte, dennoch nicht dumme Fragen, entlockt der Freni die Aussage, dass man an Misserfolgen wächst (natürlich das Debakel mit La Traviata 1964) und Erfolg für sie so etwas wie innere Ausgeglichenheit bedeute. Viel interessanter sind drei, leider nicht sehr umfangreichen Interviews mit der hoheitsvollen Giulietta Simionato, die in jenen Jahren bei ihren regelmäßigen Scala-Besuchen in ihrer Loge wie eine Königin bejubelt wurde und die Biagi von ihrer Santuzza erzählt (mit grobkörnigen 60er Jahre Probenauschnitten mit Franco Corelli) und davon dass Toscanini die Oper „brutta“ fand, vor allem aber mit Mario del Monaco und Giuseppe di Stefano. Del Monaco besucht er in seiner Villa Lancenigo in der Nähe von Treviso. Biagis Hinweis auf Gloria Swansons Villa in Sunset Boulevard bewahrheitet sich geradezu gespenstisch, wenn die Kamera durch den Park und die Innenräume der Villa schweift. Der Tenor – 427 mal hat er den Otello gesungen – erzählt lebendig und anregend, mit der Autorität eines alten Granden, natürlich gibt es heute keinen zweiten del Monaco, natürlich können an der Metropolitan alle singen, weil man dort mit den Noten umgeht, wie es den Sängern gefällt. Zweimal hört man genau hin, dann nämlich, wenn del Monaco über Erfolg und die Abhängigkeit von dieser Droge spricht und wenn er von seiner letzten Aufführung berichtet und dem damit verbundenen Schmerz, als der Vorhang zum letzten Mal fiel; dieser Schmerz, den er offenbar nie verwunden hat, wird noch in diesem Gespräch fast körperlich spürbar. Mario del Monaco starb im Herbst 1982. Nach dem sorgfältig in Szene gesetzten del Monaco wirkt der sieben Jahre jüngere Giuseppe di Stefano wie ein Rentner aus der Bar nebenan. Anders, aber nicht weniger interessant als del Monaco beleuchtet er die Frau und Sängerin Maria Callas (zu der auch Antonino Votto einige dezidierte Sätze beisteuert); die Erfolge Pavarottis in den USA beschreibt er als typisches amerikanisches Phänomen. Von Simionato, del Monaco und di Stefano hätte man gerne noch mehr gehört.    R. F.