Rundum gelungen

 

Ein gutes Gespür für den eigentlichen Titelhelden in der fünften Wiederaufnahme von Gounods Faust in der Regie von David McVicar 2019 am Opernhaus von Covent Garden hat bewiesen, wer die Entscheidung über das Cover der Bluray fällte. Nicht Faust, sondern Mephisto ist auf ihm zu sehen, und tatsächlich domimiert Erwin Schrott den gesamten Abend bühnenbeherrschend in einer unnachahmlichen Mischung aus Brutalität, Eleganz und Zynismus und dazu auch noch vokal alle Schattierungen der Figur von der geschmeidig-höhnisch klingenden Serenade über das prägnante Chanson vom Goldenen Kalb bis hin zur  dröhnenden Verdammung Marguerites ausfüllend. Mit sich auf den Zuschauer übertragender Freude tummelt er sich im atmosphärereichen Bühnenbild von Charles Edwards, das links einen mittelalterlich anmutenden Straßenzug mit Marguerites Haus, rechts eine Kirchenfront, die sich öffnen kann, zeigt, im Hintergrund einen Vorhang, der sich zuweilen zu weiteren Schauplätzen wie dem Studierzimmer oder der Walpurgisnacht öffnen kann. Angesiedelt ist die Handlung im Frankreich der Entstehungszeit der Oper, es werden viele Trikoloren geschwungen und Marthe Schwertlein wie Marguerite tragen Kostüme mit ausgeprägtem Cul de Paris. Choreograph Michael Keegan-Dolan zauberte nicht nur eine phantastische Walpurgisnacht voller brutaler Romantik und romantischer Brutalität, sondern auch schon  zum „Blumenwalzer“ ein „Cabaret L’Enfer“, so dass man sich bei Offenbach wähnt. Die Lichtregie von Paule Constable tut ein Übriges, den Zuschauer zu verzaubern. Alles in allem ist das eine der unterhaltsamsten und einfallsreichsten Produktionen, die man in den letzten Jahren zu sehen bekam, die zudem, wenn sie sich nicht strikt an das Original hält, die Gesamtstimmung nicht konterkariert, ganz im Gegenteil.

Vom überragenden Mephistophélès Erwin Schrotts war bereits die Rede. Neben ihm muss jeder Faust blass erscheinen, so auch Michael Fabiano, der besonders, wenn er im Frack auftritt, noch mehr wirkt, als beschränke er sich auf eine konzertante Aufführung. Im ersten Bild erscheint sein recht anonym klingender Tenor flach, die gesamte Figur auch weiterhin eher belanglos. Vokal kann er etwas mit einer schönen Fermate aus „Je t’aime“  gewinnen, sein Salut wird sehr anständig gesungen, ihm wird auch eine der wenigen Unzumutbarkeiten der Regie mit einem Schuss Heroin vor dem Duell verordnet. Eingesprungen für die ursprünglich vorgesehene Diana Damrau war Irina Lungu, der die blonden Locken des deutschen Gretchens besser stehen als weiland Angela Gheorghiu, die sowohl den König von Thule wie die Juwelenarie schön einbettet in das Gesamtgeschehen, weitgespannte Bögen singt, dramatisch und nie schrill den Schluss bewältigt, für den sie einen wunderbaren Klang wie nicht mehr von dieser Welt hat. Optisch imposanter als vokal ist die Marthe von Carole Wilson, gleichermaßen im lyrischen Gebet wie in der fulminanten Duellszene weiß Stéphane Degout den Valentin zu einer Hauptrolle zu machen, mit hellem, ebenmäßigem Mezzo singt Marta Fontanals-Simmons den sympathischen Siebel. Das Ballett leistet von klassisch bis teuflisch-modern Erstaunliches, der Chor lässt Kulissen und Herzen erzittern, das Orchester unter Dan Ettinger sorgt für eine angenehme Ausgewogenheit zwischen Bühne und Graben. Das ist opulentes, dralles, packendes Musiktheater, das von der ersten bis zur letzten Minute der langen, aber nicht lang erscheinenden dreieinhalb Stunden zu faszinieren weiß (Opus arte  BD7285D). Ingrid Wanja