Royale Schnipsel

 

Zwei Veröffentlichungen aus den 1990er Jahren legt OPUS ARTE wieder auf und fasst sie in einem Schuber mit dem Titel Gala Performances zusammen (OA 1229 BD, 2 DVD). Die erste stammt von 1993 und hieß im Original Gala Tribute to Tchaikovsky, fand der Abend in Londons führendem Opernhaus doch aus Anlass des 100. Todestages von Tschaikowsky statt. Nunmehr ist die Ausgabe recht allgemein mit Opera & Ballet favourites bezeichnet. Einige der Top-Stars jener Zeit aus Oper und Ballett sind hier auf der Bühne versammelt. Den Sängerreigen eröffnen Plácido Domingo und der Cellist Christopher Vanderspar mit einer emphatisch vorgetragenen Romanze des russischen Komponisten. Später ist er noch mit Lenskis „Kuda“-Arie aus Eugen Onegin zu hören, die er in der Balance hält zwischen träumerischem Nachsinnen und leidenschaftlichem Aufbegehren. Kiri Te Kanawa startet mit einer melancholischen, delikat interpretierten Vocalise von Rachmaninow. Dagegen nimmt sich ihr zweiter Beitrag, Musettas „Quando me’n vo“ aus Puccinis La bohème, in einem Tschaikowsky-Programm recht seltsam aus, wenn auch die spektakuläre Robe und die strömende Stimme Eindruck machen. Anna Tomowa-Sintow sorgt als weitere Sopranistin mit Lisas Arie aus Pique Dame für einen Höhepunkt des Programms. Die Bulgarin hat die Partie nie auf der Bühne verkörpert und diese dramatische Arie daraus nur wenige Male im Konzert gesungen. Verehrer der Sängerin werden diesen stimmungsvollen Auftritt daher besonders zu schätzen wissen. Die tiefen Männerstimmen sind mit Dmitri Hvorostovsky und Paata Burchuladze vertreten. Der Bariton singt sehr kultiviert die empfindsame Arie des Jeletzki aus Pique Dame und das leidenschaftliche Lied des Venezianischen Kaufmannes aus Rimsky-Korsakows Sadko, der Bass mit schwarzem Timbre die des Königs aus Jolanthe sowie mit großem Pathos das Lied des Warägischen Kaufmannes. The Orchestra of the Royal Opera House unter Edward Downes sorgt für den schwungvollen orchestralen Auftakt mit dem Tanz der Komödianten aus The Snow Maiden.

Die Tänzer-Elite wird angeführt von Darcey Bussell, Principal de Royal Ballet, die im Tchaikovsky pas de deux von George Balanchine mit Zoltán Solymosi als sprungstarkem Partner in aristokratischer Eleganz und bestechender technischer Bravour brilliert. Im Grand pas de deux aus dem Nussknacker gefallen mit eleganter Allüre Leanne Benjamin und Tetsuya Kumakawa. Eines von Kenneth MacMillans großen Handlungsballetten heißt Anastasia, wofür der Choreograf Musik Tschaikowskys nutzte. Viviana Durante und Bruce Sansom zeigen daraus einen technisch sehr anspruchsvollen Pas de deux. Natürlich darf auch ein Ausschnitt aus Dornröschen nicht fehlen, den Lesley Collier und Irek Mukhamedow zeigen. Der Ball bei Madame Larina aus dem Eugen Onegin bildet den gebührend festlichen Abschluss dieser sehr vielseitigen Gala, die gleichermaßen Opern- wie Ballettliebhaber erfreuen kann.

 

Die Gala von 1996 mit dem Titel Great Opera Arias (ursprünglich bei EMI: The Gold & Silver Gala) sieht Plácido Domingo im Zentrum, der solistisch oder mit verschiedenen Partnern zu hören ist. Mit Robert Lloyd singt er zu Beginn des Programms, vom Orchestra of the Royal Opera House unter Asher Fisch begleitet, den Prolog aus Gounods Faust. Der Tenor klingt reif und vibrierend, scheint diesem Fach entwachsen, was auch die Arie „O souverain“ aus Massenets Le  Cid bestätigt. Die erste seiner drei Partnerinnen bei diesem Konzert ist Susan Graham beim Duett „La cì darem“ aus Mozarts Don Giovanni. Für den Sänger ist das eine ebenso seltsame Wahl wie das Duett Nemorino/Adina aus Donizetts L’elisir d’amore mit der bezaubernden Leontina Vaduva – für beide Rollen ist seine Stimme nicht mehr elastisch genug. Auch der Titelheld in Mascagnis L’amico Fritz könnte jugendlicher klingen, aber das mit Verónica Villarroel vorgetragene Kirschenduett gehört in seiner schwelgerischen Emphase zu den besten Nummern.

Mit Angela Gheorghiu und Roberto Alagna (those were the days!) treten weitere Stars auf. Beide singen das Duett Micaela/Don José aus Bizets Carmen, die Sopranistin die hinreißende Arie„Muzica“ aus Teodor Grigorius Valurile Dunarii und der Tenor die Arie „Rachel, quand du Seigneur“ aus Halévys La Juive sowie die Canzone „Tu ca nun chiagne“ von de Curtis. Sie klingt in der unteren Lage etwas matt, flutet aber in der oberen betörend; er ist in Bestform und glänzt mit strahlenden Spitzentönen. Erwähnt werden muss der Bariton Dwayne Croft, der Valentins „Avant de quitter“ aus dem Faust mit sinnlichem Timbre, blendender Höhe und schöner Linie vorträgt.

Am Ende greift Domingo noch zum Taktstock und dirigiert mit dem Orchester des Opernhauses Lehárs Walzer Gold und Silber als stimmungsvolles Finale der Gala, illustriert mit Fotos der Rollen, die der Tenor am Royal Opera House London verkörperte. Bernd Hoppe