Reformationsbeitrag aus Finnland

 

Wäre sie nicht bereits 2004 n Wittenberg gezeigt worden, hätte die Luther-Oper des finnischen Komponisten Kari Tikka unbedingt zu den Feierlichkeiten anlässlich des 500. Jahrestages des Thesenanschlags an die Schlosskirche aufgeführt werden müssen, denn sie verbindet auf exemplarische Weise das Mysterienspiel mit der Biographie des Reformators, die moderne, aber mittelalterlichen Gesängen nachempfundene Musik mit den Chorälen Martin Luthers und macht die Zuschauer zugleich zu Publikum und Gemeinde, die jeweils zum Szenenende in die von den Solisten angestimmten Melodien einstimmt.

In zwei Akten und sieben Szenen berichtet das Stück, eingerahmt von dem vom Teufel angeführten Totentanz von Sünde, Gesetz, Hölle und Tod, von den wichtigsten Ereignissen im Leben Martin Luthers. Das Ringen um den rechten Glauben, die Auseinandersetzungen mit von Eck,  Erasmus von Rotterdam und Thomas Müntzer, der Auftritt auf dem Reichstag zu Worms, die Bibelübersetzung auf der Wartburg, die Heirat mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora und der Bauernkrieg  ziehen am Auge des Zuschauers vorbei. Dabei nimmt der Teufel allerhand unterschiedliche Gestalt an, so die von Papst und sogar Christus, aber auch aller Widersacher Luthers. Bis in die Gegenwart dauert die Auseinandersetzung um den wahren Glauben, denn in der Schlussszene mischen sich unter die mittelalterlich Gewandeten auch Pfarrer in moderner Kleidung.

Obwohl man zunächst etwas irritiert durch die eher asketische Erscheinung des Luther, gesungen von Esa Ruuttunen, ist, zieht einen die Oper immer mehr in ihren Bann, denn der Ex-Pfarrer weiß mit einem sonoren Bariton und mit seinem leidenschaftlichen Spiel nicht nur zu interessieren, sondern zu ergreifen und macht den Zuschauer zum Teil der um Sein oder Nichtsein gehenden Handlung. Etwas zu alt für die junge Katharina ist Eeva-Liisa Saarinen, für die reife hat sie das frauliche Aussehen und einen warmen Mezzosopran. Ihre Mitstreiterin für ein erfülltes Leben ist Ave von Schönfeld, der Maria Wirkkala einen leuchtenden Sopran, besonders im „Ein feste Burg“ verleiht. Eine schillernde Figur ist der Teufel in vielerlei Gestalt von Lassi Virtanen, der einen gar nicht schönen, aber höchst eindrucksvollen, Angst einflößenden Charaktertenor allen seinen Figuren zuteil werden lässt. Aki Alamikkotervo verkörpert unter anderem Karl V. und Melanchthon jeweils unverwechselbar, Andrus Mitt Friedrich den Weisen u.a. ebenfalls eindrucksvoll.

Die Oper wurde 2000 in der Felsenkirche Temppeliankio Helsinki uraufgeführt, enthält das bekannte „Gnadenlied“ des Komponisten, der auch als Dirigent dem New Young Chamber Orchestra vorsteht,  während Mitlibrettist Jussi Tapola Regie führte. Sehr eindrucksvoll sind die Kostüme von Anna Kontek, die auch für das schlichte, aber zweckmäßige Bühnenbild verantwortlich ist. Die DVD ist eine Aufzeichnung der Uraufführung, die wohl wegen des Jahrestags der Reformation wieder auf den Markt gebracht wurde , aber durchaus als zeit- und ereignisgemäße Aufführung angesehen werden kann (Ondine ODV 4001). Ingrid Wanja