Puppen-Zauber

 

Einen zauberhaften Händel-Rinaldo aus Halle hat Arthaus als Blu-ray veröffentlicht, der Händel- wie Barock- als auch Marionettenfreunde glücklich machen kann, denn die Sänger sind allesamt in den Orchestergraben verbannt, während die Bühne den Puppen des Mailänder Marionetten-Theaters Carlo Colla e Figli vorbehalten ist, das es seit über 200 Jahren gibt und das die Tradition, Opern mit kleinem Orchester von dreizehn Musikern, einigen Sängern und den eigentlichen, stummen Stars als sogenannte „Puppen-Scala“ bis heute fortführt. Bis zu fünf Brücken führen in die Bühnentiefe, so dass auch Landschaften, Seefahrten, in unserem Fall die Stadt Jerusalem, auf die Bühne gebracht werden können, Schlachten geschlagen werden und die Zauberin Armida mit ihrem Drachengespann wie von weit herkommend vor den Augen der staunenden Zuschauer erscheinen kann. So gut wie alle erfolgreichen Opern wurden bald von den Puppentheatern nachgespielt, manchmal hatten sie sogar zuerst hier einen so großen Erfolg, dass sie auf die eigentliche Opernbühne zurückkehrten. Die Marionetten der Mailänder können die Arme und Köpfe bewegen und mit dem Mund scheinbar singen, was die Illusion perfekt macht. Der Umgang mit den Puppen ist augenscheinlich ein work in progress, denn die Almirena hat auf den Fotos im Booklet noch blonde, auf der Bühne jedoch schwarze Haare. Um den Eindruck von Bühnentiefe zu verstärken, setzt man neben den großen Marionetten im Hintergrund kleinere ein und kann so auch das Zurücklegen von Entfernungen deutlich machen, so bei den schwimmenden Nixen im Gefolge von Armida. Kreuzritter wie die Krieger des Königs von Jerusalem sind sehr individuell gestaltet und die Schlacht, die sie austragen, ist ein Puppenspielermeisterwerk. Die Zauber-Oper wird nicht wie in vielen neueren Inszenierungen entzaubert, sondern sehr ernst genommen.

Begleitet werden Die Sänger von der Lautten Compagney Berlin, die 1984 von Wolfgang Katschner gegründet wurde und die sich eines Klassik-Echos und des Rheingau Musik Preises rühmen kann. Ihr Interesse gilt besonders dem Musiktheater, speziell Händel, dessen Serse sogar in Neuseeland begeistert gefeiert wurde, stand bereits auf dem Programm. In der vorliegenden Aufnahme erzeugt die Kompagnie ein sehr authentisches Klangbild barocker Musik. Ab und zu wandert die Kamera zu den Sängern in den Orchestergraben. Es sind dies Antonio Giovannini als Rinaldo mit angenehm timbriertem Altus, der allen Ansprüchen an Virtuosität gerecht wird, so in „Abbruccio, avvampo e fremo“ oder in „Or la tromba“. Armida ist Gesche Geier mit herbem, interessant klingendem Sopran, der

empfindsam in „Ah!crudel“, sich aber auch nachdrücklich wie in „Vo‘ far guerra“ anhören kann. Einen sehr zarten Sopran setzt Marie Friederike Schöder für die Almirena ein, mit feinem Schmerzenslaut wird das berühmte „Lascia ch’io pianga“ gesungen, aber die Stimme kann auch zu verhuscht klingen. Etwas gewichtiger könnte man sich den Goffredo von Yosemeh Adjei vorstellen, doch die Stimme ist angenehm geschmeidig. Der Altus von Owen Willetts hingen verleiht dem Äußerungen des Eustazio einen ausdrucksvollen Klang. Die beiden dunklen Stimmen gehören Florian Götz als auch vokal etwas raubeinigem Argante und Cornelius Uhle als milderem Mago cristiano. Dem opulenten Barock-Theater längst vergangener Zeiten braucht man, wenn man diese Blu-ray besitzt, nicht mehr nachzutrauern (Arthaus 108125). Ingrid Wanja