Mozart nach Racine

 

In Racines Alexandriner muss man sich erst mal einlesen. Eine Truppe von Schauspielern und Sängern hat sich in ein Theater geflüchtet. In Mänteln und Pullovern. Leicht heruntergekommen, gezeichnet von den Kriegsjahren. Draußen herrschen Verwüstung und Kriegszerstörung. Auf der Bühne finden sie eine Theatersituation vor, davor mehrere Reihen mit Theatersesseln, Stühle und Tische. Beim Lesen des Stückes springt sofort der Funke über, denn Patricia Petibon, die sich ohnehin rasch als eines der Zentren des dreistündigen Opernabends erweisen wird, stürzt sich mit dem Furor einer geborenen Primadonna, die endlich wieder ihrem Metier nachgehen kann, in die Arien der Aspasia. Unversehens sind wir mitten in der Oper Mitridate, Re di Ponto, die der 14jährige Mozart 1770 während seiner ersten Italien-Reise am Teatro Regio Ducale in Mailand zur Uraufführung gebracht hatte. Den Text hatte ihm Vittorio Amedeo Cigna-Santi geschrieben, der 30 Jahre als Hausdichter an Turins Teatro Regio wirkte. Mozarts erste Seria wird nicht eben häufig aufgeführt. Eigentlich sehr selten. Doch ist man bei jedem Hören erstaunt, wie ingeniös sich der Komponisten-Teenie in die papierene Geschichte von Mitridate, Re di Ponto einfühlte, der seine beiden Söhne auf etwas fiese Weise auf die Probe stellt. Koloraturen, Virtuosität und Emotionen um Vater- und Bruderliebe, Verrat, Ehre und … Während eines Feldzugs lässt Mitridate seine Verlobte Aspasia in der Obhut seiner Söhne Sifare und Farnace zurück, die er bald glauben lässt, er sei im Feld gefallen. Beide gestehen Aspasia ihre Liebe. Aspasia fühlt sich stärker zum guten Sifare hingezogen. Der intrigante Farnace versucht, nachdem bekannt wurde, dass Mitridate keineswegs gefallen ist, die Rückkehr des Vaters zu vereiteln.

So überaus engagiert, temperamentvoll und zupackend sich die Sänger in ihre Partien werfen, dirigiert auch Emmanuelle Haïm. Schnell ist man mitten in der Handlung, im Hin und Her der Frauen, die in heftigen Leidensgesten ihre Pein verkünden oder Uniformen tragen, weil sie Männer spielen. Für die Produktion am Théâtre des Champs-Elysées hatte man Clément Hervieu-Léger – Unterzeile: de la Comédie-Française – verpflichtet, der den leidenschaftlichen Mozart-Ton der Dirigentin mit dem edlen Faltenwurf Racines umkleiden sollte. Die Akteure schleppen Kostüme und Stoffe auf die Bühne, von denen sich alle ständig bedienen dürfen. Hervieu-Léger und sein Bühnenbildner Eric Ruf – dazu dann noch die für die Nachkriegsgarderobe zuständige Caroline de Vivaise – schufen für die im Februar 2016 stattgefundene Aufführungen einen aparten Ausgangsrahmen (Erato 2 DVD 0190295851750, Beiheft nur in französischer Sprache, was denken sich denn die Produzenten dabei??? Vive l´Europe uni!). Zu fesseln vermag der Regisseur mit diesem schön anzusehenden, letztlich banalen Spiel im Spiel, das weder Racine noch Mozart richtig zu vergegenwärtigen vermag, nicht. Das gelingt der manchmal etwas zu hyperaktiven und nervösen Emmmanuelle Haïm und ihrem Concert d’ Astrée, die sich im Lauf der drei langen Akte etwas entspannen, besser. Vor allem dem ausgezeichneten Ensemble mit Petibon als gestochen scharf artikulierender und mit reichen Farben singender Aspasia, die in keinem Moment klein und eng klingt, sondern den barocken Seria-Gestus überzeugend trifft. Myrtò Papatanasiu ist als Sifare etwas kurz in der Höhe, doch hinreichend bewegend in „Lungi da te, mio bene“, Sabine Devieilhe ist als stimmgewandte, in der Mittellage auffallend füllige und in der Höhe kristallin funkelnde Ismene Mitridates Mitbringsel aus dem Krieg und zugleich Farnaces Verlobte, ausgezeichnet. Ebenso der dunkle, technisch sattelfeste Counter Christophe Dumaux als böser Farnace. Viele werden den Mitschnitt wegen Michael Spyres haben wollen, der Höhen und Tiefen der Partie im wahrsten Sinn des Wortes ausleuchtet und mit eindrucksvoller Lyrik und dramatischer Attacke fasziniert. An manchen Stellen, nicht nur in der Höhe, scheint er sich mit dieser Partie nicht ganz wohl zu fühlen, was der durch sein theatralisches Temperament aber gut kompensiert.  Rolf Fath