Modernes Märchen

 

Ihren Augen nicht trauen mochten vor einigen Jahren die Zuschauer bei der Premiere von Rimski-Korsakovs  Die Zarenbraut in der Staatsoper, als während der Ouvertüre ein märchenhaftes, lebendiges Genrebild mit allem, was einen russischen Winter ausmachen soll, mit Zwiebeltürmen, Troika, Babuschkas und  dicken Pelzmänteln in fröhlicher Buntheit hinter dem Gazevorhang erschien. Aber der Traum von einer traditionellen Aufführung war schnell dahin, denn Regisseur Dmitri Tcherniakov hatte sich wohl nur einen Spaß machen wollen und inszenierte das russische Märchen als die moderne Geschichte von der Manipulation der Volksmassen durch das Fernsehen. Ganz ähnlich verfuhr er 2011 bei der Wiedereröffnung des Bolschoi-Theaters in Moskau nach dessen sieben Jahre gedauert habenden Renovierung mit Ruslan und Ludmila, nur dass er hier mit einer schon einer Karikatur gleichenden überprachtvollen und knallbunten Bühne beginnt, die nicht die Hochzeit der mittelalterlichen Lyudmila mit dem „Recken“ Ruslan darstellt, sondern das Fest eines modernen, neureichen Potentaten, der seiner Tochter eine Hochzeit à la Russe spendiert hat, die auf Video aufgenommen und bereits auf übergroßen Leinwänden mitzuerleben ist. Damit wollte sich wohl Tcherniakov von der Produktion des Mariinski-Theaters in ungebrochener Pracht und mit Anna Netrebko abheben. und man ist tatsächlich froh, wenn der Folklorekitsch ein Ende hat.

Die Geschichte der drei Paare, Ruslans und Lyudmilas, die der Fee Naina und des Zauberers Finn und jene von Ratmir und Gorislava ist hier die dreier psychologischer „Fälle“, der Unfähigkeit zu lieben und der Kraft der Liebe, die dem Titelpaar hilft, alle Widerstände zu überwinden. Ihr Weg führt sie dabei nicht in irgendwelche  Zauberreiche, sondern Ruslan zunächst auf ein Schlachtfeld mit simulierenden Toten, in ein Bordell und schließlich in eine Institution, die halb Luxussanatorium, halb ebensolches Schlafzimmer ist und wo Ruslan seine allerdings ohne Bewusstsein dahinvegetierende Braut wiederfindet. Nicht mit Zauberei, sondern mit einer schnöden Spritze holt Finn Lyudmila wieder ins bewusste Leben zurück, zueinander aber finden Braut und Bräutigam erst durch einen Rückzug aus der wieder Altes Russland feiernden Gesellschaft, nach dem Ablegen der prunkvollen Kleidung (Kostüme Elena Zaytzeva) und nach intensivem Gedankenaustausch. Tcherniakov ist nicht nur für die Regie, sondern auch für die Bühne verantwortlich und macht aus jedem der Bilder eine gelungene Herausforderung für die Theaterwerkstätten und bietet so stets den Augen etwas, wenn Ermüdung während der sehr langen Arien, aus denen die fast vier Stunden währende Oper im Wesentlichen besteht, droht.  Die Ballettnummern werden eher ins Groteske gezogen, als dass sie verlockend und verführerisch sind. Daran können selbst einige Splitterfasernackte, die über die Bühne turnen, nichts ändern.

Sehr ordentlich ist die Besetzung mit teilweise auch im Westen bekannten Sängern, so mit Charles Workman als Strippenzieher Finn/Bayan mit kultiviertem Tenor und überragender Bühnenpräsenz. Nicht nur als Carmen hatte sich Elena Zaremba einen Namen gemacht, die die zur Liebe unfähige Naina spielt und einen durchaus noch intakten Mezzosopran für sie einsetzen kann. Eigentlich für einen Alt gedacht ist die Partie des Ratmir, der hier von einem Countertenor gesungen wird. Yuri Minenko hat eine überaus erotisch klingende, farbenreiche Stimme, die sehr elegant geführt wird.  Im Westen als Alex Penda bekannt ist Alexandrina Pendatchanska, die mit ausgesprochen schön timbriertem Sopran die zunächst verstoßene Gorislava ist. Recht ungefüge klingt die Stimme von Almas Svilpa als Farlaf, die von Alexandre Polkovnikov ist wegen der extremen Verstärkung für den Head kaum zu beurteilen. Ein sicherlich verdienter Sänger ist Vladimir Ognovenko als Vater Svetosar. Ungewöhnlich ist die Bassbaritonstimme für den jugendlichen Liebhaber Ruslan, den Mikhail Petrenko heldisch auftrumpfen lässt. Albina Shagimuratova ist als Lyudmila nicht mehr ganz jung, aber die Stimme ist klar und frisch, sicher in den Koloraturen und in der Höhe, mit leichten Schärfen in der Höhe, aber auch feinen Piani. Vladimir Jurowski, jetzt Dirigent des RSO als Nachfolger von Marek Janowski, führt das Orchester des Bolschoi sicher durch die Festaufführung. Etwas wundern muss man sich darüber, dass die DVD erst jetzt erscheint (BelAir BAC 120). Ingrid Wanja