Mal wieder Mafiöses

 

Hat man sich damit abgefunden, dass heutige Regisseure das geistige Vermögen des Publikums als so geringfügig einschätzen, dass es nicht in der Lage ist zu erkennen, was sich aus den Geschehnissen der Vergangenheit mit welchem Profit für das eigene Leben herausfiltern lässt, dann kann man sich mit Christof Loys Lesart von Bellinis I Capuleti e i Montecchi durchaus anfreunden. Er verlegt die Handlung aus dem Renaissance-Verona in das Milieu, in dem Der Pate spielt, wobei die Maske bei der Herrichtung von Padre Capellio das Ihre tut, und auf einer Drehbühne gelangt man von einem sparsam und ungemütlich möblierten Zimmer ins das andere, wobei auch das auf Opernbühnen so beliebte Waschbecken nicht ausgespart wird (Szene und Kostüme Christian Schmidt). An diesem spielt dann auch eine Szene, die vermuten lässt, dass Giulietta von ihrem Vater missbraucht wurde. Sie ist übrigens in allen Lebensaltern vertreten, auch noch als vergrämte alte Dame, der Tod an der Seite von Romeo ist ihr nicht vergönnt. Dieser hat einen stummen Gefährten an der Seite, der auch manchmal eigenmächtig handelt, wenn er Giulietta das Wasser zum Gift reicht, sieht aus, wie man sich den schönen Tadzio denkt, scheint mal Engel, mal la morte stessa zu sein und dürfte auf der DVD noch mehr nerven als im Sommer 2015 im Zürcher Opernhaus, denn die offensichtlich in ihn verliebte Kamera holt ihn immer wieder dominierend ins Bild. Die Chormassen sind nicht aufgeteilt in Guelfi und Ghibellini, sondern in Kapitalisten oder Mafiosi, die hämisch-lüstern lachen, wenn davon die Rede ist, dass Tebaldo die traurige Giulietta wohl trösten würde,  und in weitaus edlere Proletarier, die wissen, was der Anstand verlangt und darüber hinaus äußerst mitfühlend sind. Da konnte sich die Regie wohl nicht zwischen sozialkritisch und surrealistisch entscheiden. Bemerkenswert ist, dass es keinerlei Videos gibt.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Besetzung. Joyce DiDonato gibt einen feurigen Romeo mit vollem, rundem Mezzoton, nicht beeinträchtigt durch die Ausflüge ins Sopranfach, mit viel Stilgefühl für die unendliche Melodie, voller Emphase im „Se Romeo t’uccise un figlio“, mit rasanter Cabaletta und schönem Schwellton auf „Deserto“. Eingesprungen als Giulietta war Olga Kulchynska, gerade 24 Jahre alt und sehr zart und mädchenhaft. Der Sopran mit perfektem Sitz hat ab und zu Schärfen in der Höhe, aber der leichte Tonansatz, die Klarheit und Reinheit der Stimme, in die die Sängerin viel Melancholie legen kann, sind eine wahre Freude. Durchaus mithalten kann der Tebaldo von Benjamin Bernheim mit hellem tenore di grazia und einer Tophöhe. Roberto Lorenzi hat einen angenehmen Bariton für den Lorenzo, Alexei Botnarciuc ist ein raustimmiger Capellio.

Ein ganz großes Plus der Aufnahme ist die Orchesterleitung durch Fabio Lusi, der nicht nur ein höchst sensibler Begleiter ist, sondern der unter Beweis stellt, dass auch im Belcanto das Orchester mehr ist als Unterstützung der Stimmen, und der den elegischen Ton des Werks vollkommen trifft (DVD accentus music ACC20353). Ingrid Wanja