Macht der Medien

 

„Ätsch, so hättet ihrs wohl gern, aber es kommt ganz anders“, mag sich der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov gedacht haben, als er zu Beginn von Rimski-Korsakovs Oper Die Zarenbraut in der Berliner Staatsoper ein hochromantisches Genrebild aus dem alten Russland minutenlang auf die Zuschauer wirken ließ, ehe es sich als Szene in einem hochmodernen Fernsehstudio entpuppte und alsbald auflöste. An seine Stelle tritt das Vorhaben von postsozialistischen Funktionären, die zur Befriedigung der Sehnsucht des Volkes nach einer Führerfigur einen virtuellen Zaren aus historischen Versatzstücken von Iwan dem Schrecklichen bis Boris Jelzin zusammenfügen, dem eine leibhaftige Zarin zur Seite gestellt werden soll. Die Verlegung in die Jetztzeit ist insofern unproblematisch, als auch im Libretto nur ein kurzes,  phantomhaftes Erscheinen des Zaren vorgesehen ist, es bleibt wie bei den vielen ähnlichen Vorhaben der Aktualisierung bei einer Verspießerung, Verkleinerung und Beliebigkeit der Figuren, die aus ihrem historischen Kontext gerissen werden.

Das gilt für die mit weißem Spitzenkrägelchen und ebensolchen Söckchen (Kostüme: Elena Zaytseva) ausgestattete Zarenbraut ebenso wie für den spiritus rector des Unternehmens, der sich die Kleine mit einem Liebestrank gefügig machen will. Technisch ist das alles bewundernswürdig perfekt gemacht, die Regie ist auch für die Bühne zuständig, und die Personenregie ist durchdacht und gewährt den Sängern wertvolle Hilfestellung beim Glaubwürdigmachen ihrer Rollen. Betroffenheit stellt sich ein, wenn auf den Bildschirmen noch das Bild einer lachenden  Zarenbraut in die Öffentlichkeit ausgestrahlt wird, während in der Realität das Opfer dieser Machenschaften bereits im Studio entseelt zu Boden gesunken ist.

Wohl sind auch in dieser Oper Sopran und Tenor das im Mittelpunkt stehende Liebespaar, in der Aufführung jedoch dominieren durch Darstellungskunst und vokale Leistung Mezzosopran und Bariton. Anita Rachvelishvili scheint bei ihrem Solovorhang selbst überrascht über den Jubel, den sie hervorruft, zu sein, aber sie hat ihn sich mit dem Einsatz einer erotisch klingenden, üppigen und dabei höchst flexiblen Stimme verdient. Überzeugend verkörpert Johannes Martin Kränzle den Verfall des sich über alle moralischen Grenzen hinweg setzenden Machtmenschen zum jämmerlichen Selbstmörder und setzt seinen kraftvollen Bariton ausdrucksstark ein. Olga Peretyatko singt mit frischem, klarem Sopran eine einer Lucia würdige Wahnsinnsszene. Als harmlos braver, recht langweiliger Bürger ist ihr Bräutigam angelegt, den Pavel Cernoch mit slawisch klingendem Tenor singt. Dem Vater verleiht Anatoli Kotscherga jovial dröhnende Klangzüge, im letzten Akt hat er eine sehr anrührende Szene, deren Wirkung auch der Kaffee-Pappbecher in seiner Hand nicht abschwächen kann. Mit ebenmäßigem Bass erfreut Tobias Schabel als Mitverschwörer, Stephan Rügamer singt mit präzis eingesetztem klarem Tenor facettenreich den Arzt Bomelius. Schwer gehbehindert leitet Anna Tomowa-Sintow die Reihe von bereits ins Rentnerdasein abgetauchter ehemaliger Staatsopernsänger ein, die mit den diesjährigen Meistersingern üppig fortgesetzt wurde. Anna Lapkovskaya ist die nicht ganz so mädchenfrische Freundin der Braut Dunyasha. Carola Höhn weiß auch durch nur kurze Auftritte als Petrovna auf sich aufmerksam zu machen.

Besonders viel unverkennbar Russich-Volksliedhaftes hat der Chor zu singen und tut es, einstudiert von Rustam Samedov, unter Einbeziehung beachtlicher schauspielerischer Leistungen. Als wolle er gegen die kühl-perfekte Optik anspielen, lässt Daniel Barenboim die Staatskapelle leidenschaftlich und voller Intensität aufspielen und den Verfremdungseffekt der Szene wegpusten (BelAir BAC 105). Ingrid Wanja