L´eterna Zilio bionda

 

Zwischen den Wohnblocks und Kirchenfassaden brennen Feuer, lagern des Nachts mehrere Leute. Es sind, auch wenn sie so aussehen, nicht die zingari aus dem Trovatore, denn im Teatro del Maggio in Florenz spielt man Pietro Mascagnis Cavalleria Rusticana, weshalb die Jugendlich unter den Decken hervorkriechen und andächtig Turiddus Sicliana lauschen, die Angelo Villari so geschmeidig singt, dass es sich lohnt genauer hinzuhören. Villari, der in Wexford 2015 Mascagnis Guglielmo Ratcliff gesungen hatte, ist fast schon ein erfahrender Mascagni-Interpret; das Duett mit Santuzza legt er mit der nötigen Emphase, leidenschaftlichen Diktion und großzügigen Höhen an und der Abschied von der Mutter gelingt ihm mit elastischen Bögen und viel Ausdruck.

In ihrer halb symbolischen, halb realistischen Erzählung der sizilianischen Bauerngeschichte bauen Luigi Di Gangi und Ugo Giacomazzi immer wieder bedeutungsvoll über die Bühne huschende Gestalten ein, die der schwarz gekleideten Leidensgestalt der Santuzza gleichen, die sich im dunklen Morgengrauen neben das Feuer legt. Oder der Mamma Lucia, im langen Arbeitsmantel und schwarzen Pumps, die ständig nach dem Rechten schaut und mit den anderen Frauen die Wäsche in den Zubern auswringt. Die ewigblonde Elena Zilio ist von unverminderter Präsenz, gibt der Lucia eine mädchenhafte und flinke Jugendlichkeit, ist so schaffig und ständig beschäftigt und viel zugewandter als die verknöcherte Alte, die man gemeinhin erlebt, dass man ihr konzentriert zusieht. Auch nach einem halben Jahrhundert, in dem sie sich auf allen italienischen Bühnen unentbehrlich machte, bietet sie noch feste Töne, die zwar Altersrunzeln, aber auch Charakter bekommen haben.

Alle tragen in dieser 1940er-Jahre-Tristesse und Armut braun- graue Kutten; viel Armeleute-Neorealismo, doch ohne Finesse, und vor Federica Parolinis Häuserfronten und auf der von ihr stufig gestaffelten Fläche auf der breiten Bühne etwas verloren. Di Gangi und Giacomazzi zeigen auch, wie finstere Osterbräuche – man denkt an die Masken der alemannischen Fastnacht – mit heidnischen Fratzengestalten in ärmlichen städtischen Randzonen überlebt haben, bleiben ansonsten durchwegs konventionell.

Devid Cecconi singt einen deftigen Alfio, der in der Höhe noch ein bisschen mehr Durchschlagskraft vertragen würde. Alexia Voulgaridou ist von Haus aus keine Santuzza, aber eine interessante und kluge Sängerin, die die Rebellin mit leicht auseinanderdriftenden Lagen singt, mit opaken Tiefen, Unsicherheiten und Unruhe in der Mittellage, aber viel Willen und Nerv und durchaus ausdrucksvoll in der hohen Lage. Marina Ogii macht viel aus dem Luder Lola und dem Schrei „hanno ammazzato Compare Turiddu“. Valerio Galli dirigiert mit Geschmack, nicht nur im Vorspiel und Intermezzo sinfonico, betonte den drängenden musikalischen Fluss und realisiert mit Orchestra e Coro del Maggio Musicale Fiorentino eine Aufführung, wie man sie von dem Haus füglich erwarten darf, das sich diese im Februar 2019 in Florenz gezeigte Produktion mit dem Teatro Carlo Felice in Genua teilt. Die Kopplung mit Offenbachs Un mari à la porte von 1859, die auf der DVD nicht enthalten ist (Dynamic DVD 57843, CD S57843) war ein Zugeständnis an das Offenbach-Jahr und dem Wunsch geschuldet, das Thema der Eifersucht in seinen tragischen wie komischen Momenten und einer sowohl leicht spritzigen wie glutvoll veristischen Musik zu zeigen.  Rolf Fath