Künstlerisch hochwertig

 

Jedes Mal interessant ist es, festzustellen, wie mehr oder weniger gut es Produktionsteams im Sferisterio von Macerata gelingt, mit den unmöglichen Bühnenmaßen – eine unendliche Breite und eine extrem schmale Tiefe – fertig zu werden. Für Verdis Otello, nach langer Zeit 2016 einmal wieder im Programm, ist es Regisseur  und Bühnenbildner Paco Azorín perfekt gelungen, auch wenn die Bühne für das Festival Castell de Peralada entworfen wurde. Nicht nur Videoprojektionen, so von Meer und Himmel, erweisen sich wie gewohnt als hilfreich, stellen allerdings den Video-Direktor vor die heikle Entscheidung, ob ihm die Totale oder das Heranrücken der Solisten an den Videobetrachter wichtiger ist. Dem wird nur ein kurzer Blick auf den brennenden Löwen von Venedig, aber ein längerer auf die sanft vom Wind bewegte Salice gestattet. Allerdings die Shakespeare-Sonette, die beim Wechsel von Akt zu Akt an die hohen Wände geworfen wurden, bleiben ihm vorenthalten. Mit drei verschiebbaren Schrägen wird die Riesenwand weitgehend verdeckt, ihre Beweglichkeit ermöglicht außerdem das Schaffen intimerer Räume wie des Schlafzimmers im letzten Akt.

Verständlich ist die Eifersucht Otellos insofern, als nicht nur Cassio, der zu Beginn schützend den Arm um Desdemona legt, sondern auch Rodrigo und dazu noch sechs höchst attraktive Dämonen im Dienste Jagos einen für ihn herben Kontrast zur eigenen Beleibtheit und dem fortgeschrittenen Alter bilden. Sie beleben die riesige Bühne natürlich ungemein, machen sich aber auch stückentstellend bemerkbar, wenn zum Beispiel im letzten Akt einer der Ihren Desdemona mit dem fazzoletto zu erdrosseln versucht, ehe  Otello sie mit dem Kopfkissen erstickt. Ihr ständiges Umlauern der Solisten, ihr Eingreifen in die Handlung, ihre tänzerischen und akrobatischen Bewegungen beleben sie Bühne und erzeugen eine so bedrückende wie verführerische Atmosphäre. Kostümbildnerin Ana Garay, phatasievoll in der Kostümierung Otellos, hat zudem die allgemeine Düsternis noch durch die schwarzen Kostüme und die Masken des Chors im dritten Akt zu unterstreichen vermocht. Dieser, der seit Jahren bewährte Coro Lirico Marchigiano „Vincenzo Bellini“, klingt unter Gian Luca Paolucci gewaltig, während die Voci Bianche doch akustisch recht schüchtern bleiben. Das Orchestra Regionale delle Marche unter Riccardo Frizza ist eher zurückhaltend, als dominierend gestaltend, worüber die Sänger nicht böse gewesen sein werden.

Stuart Neill hatte man zu Beginn seiner Laufbahn eher in Richtung Rossini-Otello marschieren sehen, für den Verdis hat er eine inzwischen dramatisch gewordene Stimme, die durch und durch tenoral ist, ohne das baritonale Fundament, das man von anderen Otellos kennt. Darstellerisch ist er ein Totalausfall, was bei dieser Partie natürlich besonders schmerzlich ist, und auch sein Gesang ist recht eintönig, abgesehen von der Klage im 3. Akt und einem durch Mark und Bein gehenden „Oh gioia“. Eine sehr anrührende, vokal noch sehr lyrische Desdemona ist Jessica Nuccio, deren Sopran jung und frisch klingt, in der Höhe aufblühen kann und im Forte mit weniger Vibrato auskommen könnte. Sie phrasiert sehr schön und   weiß ein heikles Stück wie „A terra“ geschickt aus dem Piano heraus zu entwickeln und zu diesem zurückzuführen. Ein erfahrener Jago ist Roberto Frontali mit kraftvollem Credo, das in eine furchterregend grelle Lache mündet, und mit fein nuancierender Traumerzählung. Eine Luxusbesetzung ist der Cassio von Davide Giusti mt schönem, lyrischem Tenor. Eine sichere Stütze in den Ensembles gibt die Emilia von Tamta Tarieli ab. Insgesamt zeugt die Produktion davon, dass Macerata ein Festival ist, bei dem man keinerlei Abstriche machen muss, was die künstlerische Qualität der Aufführungen angeht (DVD Dynamic 37767). Ingrid Wanja