Kongeniale Optik zu Büchners Sprache

 

Eine rundum gelungene Produktion von Bergs Wozzeck ist dem Zürcher Opernhaus zu verdanken, wo 2015 Intendant Andreas Homoki die von ihren Gelüsten, Zweifeln und Abhängigkeit getriebenen Figuren zu Marionetten werden lässt, die zwanghaft und wie an Fäden gezogen agieren und reagieren. Es scheint sich um alte Puppen zu handeln, denn die Farbe blättert bereits von den ansonsten weißgeschminkten Gesichtern ab, und auch die Gewänder sind starker Abnutzung unterworfen. Die Kostüme und die Bühne stammen von Michael Levine, der ein faszinierendes hölzernes Theater im Theater geschaffen hat mit dem Effekt immer kleinerer Bühnen, je weiter sich die Personen in den Hintergrund begeben, wie eine unendliche Spiegelung, aus der man nicht entkommen kann. Während die Figuren Menschen sind, die Marionetten zu sein scheinen, ist als einziges das Kind Wozzecks und Maries tatsächlich nur eine holzgeschnitzte Figur, die nur in der letzten Szene, wenn die Kinder zum Tatort laufen , Mensch ist und mit ihnen mitläuft, das hölzerne Ebenbild in trauriger Verlassenheit zurücklassend. Übrigens sind alle diese Kinder kleine Abbilder der Erwachsenen, was den Fatalismus des Stücks noch deutlicher werden lässt, sowie die Tatsache, dass auch schon das Kleinkind eine Uniform wie sein Vater trägt. Die Wahnvorstellungen Wozzecks werden besonders beklemmend, wenn Figuren wie der Doktor oder auch Marie sich vervielfachen, als wollten sie dem Individuum Wozzeck keinen Platz  mehr auf der Bühne lassen.

Hervorragend ist auch die Besetzung. Christian Gerhaher, der das Gehetzte, Ausweglose und Wahnbesessene der Titelfigur exemplarisch darstellt und seinen Gesang, oft auch mit sehr anrührenden Tönen, ganz in den Dienst der Interpretation stellt, ist einfach hervorragend.  Eine Marie mit rotem Zottelhaar und scharfen Soprantönen ist Gun-Brit Barkmin, eine giftsprühende Margret Irène Friedli. Mit auftrumpfendem Tenor gibt Brandon Jovanovich einen präpotenten Tambourmajor, während der Charakertenor von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke die jämmerlichen Visionen des Hauptmanns perfekt wiedergibt. Lars Woldt ist mit dumpfem Bass der von seinen Ideen besessene Doktor, Mauro Peter bringt mit seinem Tenor etwas schüchterne Menschlichkeit auf die Bühne. Chordirektor Jürg Hämmerli hält seine Sänger zu disziplinierter Grobheit an, und Fabio Luisi macht  mit dem Orchester besonders in den Zwischenspielen hörbar, was in der gequälten Seele des unglücklichen Wozzeck  vor sich geht (Accentus Music ACC 20363).  Ingrid Wanja