Kein großer Wurf

Nun ist die Neuinszenierung des Rheingold, mit dem der Ring des Nibelungen an der Mailänder Scala 2010 eröffnet wurde, auch als Blu-ray Disc erschienen. In Zusammenarbeit mit der Eastman Ballet Company Antwerpen zeichnet der Belgier Guy Cassiers für Regie und Bühnenbild verantwortlich, ohne ein überzeugendes Konzept erkennen zu lassen; alles bleibt irgendwie unentschieden und zwiespältig. Die Szenerie lebt allein durch die raffinierten filmischen Überblendungen; dazu kommen inhaltlich nicht immer erhellende choreographische Begleitung und Verdopplung, teilweise auch durch bewegliche Schattenrisse (Choreographie: Sidi Larbi Cherkaoui). Den Protagonisten bleibt da wenig Gestalterisches übrig; meist stehen sie beziehungslos umeinander herum. Zu Beginn planschen die Rheintöchter (schön ausgeglichen, wenn auch mit Höhen-Schärfen bei Aga Mikolaj, weniger bei Maria Gortsevskaya und der volltimbrierten Marina Prudenskaya) im Wasser, das den Bühnenboden bedeckt; über sie hinweg wabern grüne Wellen, und später glitzert die Gold-Wand in flachen Ziegeln. In den folgenden Szenen läuft das Wasser nicht gänzlich ab, sodass sich die Sängerinnen und Sänger auf Stegen bewegen müssen. Etwas mehr ist dann in Nibelheim los, wo in rötlich-schwarzem Licht die Tanz-Compagnie u.a. Tarnhelm, Wurm und Kröte darstellen darf. Merkwürdig mutet es an, dass es keinen Ring gibt, sondern stattdessen einen silbrigen Zauberhandschuh. Auch die ahistorischen Kostüme mit Hinweisen auf das 19. Jahrhundert  (Tim van Steenbergen) lassen ein schlüssiges Konzept der Inszenierung nicht erkennen. Erstmals gab 2010 René Pape den Wotan im „Rheingold“, was vielleicht erklärt, dass er in den forte-Höhen des Anfangs manche Unsauberkeiten zuließ. Ansonsten beeindruckt er durch klugen, stets gut nachvollziehbaren Einsatz seines großvolumigen Bassbaritons. Stephan Rügamer setzt seinen Tenor pointiert ein, der für Loge aber zu leichtgewichtig wirkt. Der überaus flexible Bassbariton von Johannes Martin Kränzle ist für die Partie des Alberich wie gemacht; stets textverständlich gelingt ihm imponierend der dämonisch-dramatische Ring-Fluch. Mit zu erwartender Mezzo-Autorität ist Doris Soffel eine Fricka der Extra-Klasse; schön blüht der Sopran von Anna Samuil (Freia) auf. Die beiden Riesen sind von Statur und Stimme sehr unterschiedlich: Bewährt gibt Kwangchul Youn mit sonorem Bass den mit fast lyrischer Klage aufwartenden Fasolt, während der junge finnische Hüne Timo Riihonen als Fafner allzu blass bleibt. Balsamisch strömt der charaktervolle Alt der wie auf einer Säule hochgefahrenen Erda von Anna Larsson dahin. Wenig polternd ist Jan Buchwald Donner, schönstimmig und brav Marco Jentzsch Froh und prägnant deklamierend Wolfgang Ablinger-Sperrhacke Mime. Souverän leitet Daniel Barenboim das in allen Bereichen zuverlässig mitgehende Orchester der Scala; viele instrumentale Einzelheiten werden ebenso wie die vielen dynamischen Abstufungen sorgfältig herausgearbeitet, ohne den Blick aufs Ganze zu verlieren.

 Gerhard Eckels

 

Richard Wagner: Rheingold  mit René Pape (Wotan), Doris Soffel (Fricka), Johannes Martin Kränzle (Alberich), Stephan Rügamer (Loge), Kwangchul Youn (Fasolt), Anna Larsson (Erda) u.a.;  Orchester der Mailänder Scala; Dirigent: Daniel Barenboim; Inszenierung: Guy Cassiers; Bühnenbild : Enrico Bagnoli; Arthaus 108 090 Blu-ray Disc