Junges Ensemble

 

Dem doppelten schmerzvollen Aufschrei „Mimì“ fügt der Rodolfo in der Bohème-Produktion des Opernhauses von Malmö noch einen weiteren, allerdings unartikulierten Schmerzenslaut hinzu, ehe es sehr schnell dunkel wird auf der Bühne. Dabei hätte man doch gern noch gewusst – und moderne Regie macht daraus oft ein zusätzliches Drama-, wie es weitergeht. Umarmen die Freunde mitfühlend den Trauernden, oder laufen sie entsetzt aus der Dachkammer und lassen ihn allein mit Mimìs Leichnam zurück, oder – und auch das gab es leider schon – flieht auch Rodolfo und der Vorhang senkt sich über der doppelt traurigen Szene einer nun gänzlich verlassenen Mimì? Das alles bleibt dem Zuschauer vorbehalten, obwohl es doch in der Regie von Orpha Phelan recht unorthodox begann mit einer Mimì, die das Verlöschen der Kerze vortäuscht und schnell einmal in Schaunards wohlgefüllten Einkaufsbeutel greift, um eine Packung Schinken zu stibitzen. Die schummelt sie zwar im Verlauf des ersten Akts wieder zurück, doch auch dank der Kostümierung (Leslie Travers) bleibt Mimì in der in der Jetztzeit angesiedelten Tragödie mehr Straßenkind als Blumenstickerin, nimmt leider nicht den heute zur Verfügung stehenden  medizinischen und sozialen Fortschritt für sich in Anspruch und stirbt im 21. Jahrhundert an der Schwindsucht. Da wäre ein Schritt weiter in Bezug auf die Aktualisierung wie bereits vor Jahrzehnten in Macerata mit Rauschgift anstelle von TBC stimmiger gewesen.

Für Regie und Bühnenbild ist nach Aussage des Booklets zur DVD  Paris zur Weihnachtszeit überhaupt nicht romantisch, eher sind Karussells typisch für die Stadt, allerdings nicht die nostalgischen, die man aus französischen Städten kennt, sondern eher raumschiffartige, so die Behausung der vier Freunde, und auch Momus besteht aus zwei Bruchstücken eines solchen. Den Kontrast zur modernen Technik in der Optik bilden zumindest die deutschen Untertitel in einer blumenreichen, pathetischen Sprache, vielleicht der ersten Übersetzung des Librettos und oft die Lächerlichkeit nicht nur streifend.

Die beiden Protagonisten haben schöne Stimmen, die jedoch eher ein leichteres und nicht unbedingt das italienische Fach bedienen sollten. Olesya Golovneva hat eine wunderschön mühelos erreichte Höhe, feine Piani, aber die Sopranstimme zeigt nicht das farbige, schillernde Aufblühen, das man von einer Puccini-Stimme erwartet. Das Gleiche gilt für den Tenor von Joachim Bäckstöm, der sich eher wie ein Tamino als wie ein Rodolfo anhört, dessen Stimme zu hell ist, der allerdings darstellerisch durchaus die Erfüllung für die Partie ist. Auch der Bariton von Vladislav Sulimsky, dessen Marcello in einen grässlichen hellblauen Strampler verpackt ist, könnte mehr Glanz vertragen, klingt einfach zu dumpf, um gänzlich zu überzeugen. Weit besser ist es um den Colline von Miklos Sebestyen bestellt, der ein sehr kultiviertes, stilvolles Mantellied singt. Angemessen trägt Daniel Hällström Schaunards Geschichte vom ermordeten Papageien vor. Maria Fontosh ist vokal eher zart als elegant verführerisch in ihrem Walzer. Die Aufnahmetechnik bevorzugt die Stimmen zuungunsten des Orchesters, dem man aber trotzdem die sichere und puccinierfahrene Hand von Christian Badea anhören kann. Recht dunkel ist durchgehend die Bühne und die Kameraführung nicht immer eine glückliche, besonders im zweiten Akt mit den Choraufnahmen. Die Jugendlichkeit des gesamten Ensembles spricht für die Aufnahme, weniger Stimmfetischisten als junge Opernanfänger bereichernd (Naxos 2.110385). Ingrid Wanja