Jung und frisch

 

Zwei Altmeister an Regie- und Dirigentenpult, eine Schar junger Musiker auf der Bühne und im Orchestergraben sind das Erfolgsrezept für Mozarts Zauberflöte an der Mailänder Scala im Dezember 2016, jetzt als DVD erhältlich. Peter Stein mutet dem üblicherweise ungeduldigen italienischen Publikum die umfangreichen gesprochenen Teile des Werkes ungekürzt  zu, ist wunderbar inkorrekt, was Frauenfeindlichkeit und Rassismus und dazu noch Blackfacing angeht, und traut so dem Publikum dankenswerter Weise zu, historisch  denken zu können. Videodirektor Roberto Maria Grassi führt den Zuschauer während der Ouvertüre hinter die Kulissen und gewährt ihm einen Einblick in das aufgeregte, aber zielstrebige Treiben hinter dem Vorhang, eher dieser sich hebt und den Blick frei gibt auf märchenhafte Kulissen, teilweise inspiriert durch die Zeichnungen von Max Slevogt, eine giftgrüne Schlange und nettere Tiere und auch sonst knallige Farben, farbenfrohe Luftschlösser für die Drei Knaben oder ägyptisch Anmutendes ( Szene Ferdinand Woegenbauer).  Die Kostüme von Anna Maria Heinreich sind geschmackvoll und kleidsam, abgesehen von denen des ersten Auftritts für die Drei Damen mit strammen Waden und kurzen Röcken. Für Feuer- und Wasserprobe wird mit sparsamen Mitteln auf die Phantasie der Zuschauer gebaut.

Die Solisten sind wie die Orchestermitglieder sämtlich Teilnehmer einer Masterclass der Accademia del Teatro alla Scala. Bereits sehr viel szenische Würde besitzt der Sarastro von Martin Summer, der  einen markanten, dunklen Bass hören lässt, dem nur der allertiefste Ton noch etwas zu matt gerät. Yasmin Özkan hat für die Königin die eiseskalten, spitzigen hohen Töne, die Mittellage ist noch ausbaufähig wie auch die Bühnenpräsenz. Einen optisch attraktiven und akustisch bereits schon recht heldischen Tamino singt Martin Piskorski, während Fatma Said eine sehr hübsche Pamina ist, die vokal nicht ganz den Hörgewohnheiten, da eher mit leicht herb timbrierter Stimme begabt, entspricht, die aber durch eine vorzügliche Phrasierung besticht. Einen dialektfreien Papageno ohne Anbiederung beim Publikum spielt sehr witzig und singt zunehmend sonor Till von Orlowsky, bei dem man rätselt, ob die markant schnabelartige Nase Natur oder Maske ist. Gut harmonieren die drei Damen Elissa Huber, Kristin Sveinsdottir und Mareike Jankowski miteinander, die Drei Knaben kommen von den Wiltener Sängerknaben. Sascha Emanuel Kramer ist pechschwarz als Monostatos mit durchdringendem Charaktertenor.

So frisch, schwungvoll und klar strukturiert wie auf dieser DVD hat man das Werk lange nicht gehört: Verdienst von Dirigent Ádám Fischer, der aus seinen Studenten wahre Professionisten gemacht hat (C-Major Classics 740408). Ingrid Wanja