Ja, ja, das Landleben…

 

Aus der Opéra de Lille kommt eine Aufzeichnung von Mozarts Oper  La finta giardiniera aus dem Jahr 2014, die Erato auf 2 DVDs veröffentlicht hat (46 1664 5 9). David Lescot inszenierte die 1775 uraufgeführte Opera buffa mit leichter Hand im atmosphärischen Bühnenbild von Alwyne de Dardel, das mit seinen Pflanzkübeln, Orangenbäumen und Zypressen eine mediterrane Stimmung einbringt. Für die im Wald spielende Szene im 2. Akt findet er mit kahlen Bäumen und dem fahl scheinenden Mond eine Atmosphäre von gespenstischer Düsternis. Sylvette Dequests Kostüme sind durchweg in Weiß gehalten, nur die bunten Gummistiefel und Handschuhe sowie Basecups setzen ironische Farbtupfer und gegenwartsnahe Akzente.

Die Vorgeschichte der Handlung – eine dramatische Auseinandersetzung des Grafen Belfiore mit seiner Verlobten Violante, die beinahe zu ihrem Tod führt, hätte sie sich nicht, als Gärtnerin Sandrina verkleidet, durch Flucht retten können – zeigt der Regisseur zur Ouvertüre als stumme Szene des jungen Paares. Im 1. Akt wird Sandrina auf dem Landgut des Podestà von ihm leidenschaftlich umworben. Carlo Allemano kann mit dem emphatischen Ton seines Tenors das heiße Verlangen des reifen Mannes überzeugend vermitteln. Als Sandrina lässt Erin Morley einen klangvollen Sopran mit schöner lyrischer Substanz hören. In ihrer feinen Arie von der „Turteltaube“ weiß sie mit innigem Empfinden und delikat getupften Koloraturen zu betören. Der Graf Belfiore trifft auf dem Landgut ein, wo er seine unbekannte Verlobte, die stolze Arminda, treffen soll. Der attraktive Enea Scala singt ihn mit jugendlich-schwärmerischem Tenor und exzellenter strahlender Höhe sowie prahlerisch-exaltiertem, selbstverliebtem Gehabe im Auftritt, Marie-Adeline Henty die Arminda in Reithosen mit aroganter Allüre und dramatisch flammendem Sopran.

Die Verwirrungen erreichen ihren ersten Höhepunkt, als Belfiore in Sandrina fassungslos seine Gräfin Violante erkennt. Auch das zweite Paar der Geschichte ist in Nöten, denn die Kammerzofe Serpetta, in der vergeblichen Hoffnung, den Podestà als Ehemann zu bekommen, weist ihrerseits Sandrinas Cousin Nardo ab. Als dieser glänzt Nikolay Borchev mit prachtvollem, virilem Bassbariton, der die berühmte Arie vom „verliebten Italiener“ vital und raumgreifend ausfüllt. Maria Savastano lässt keine Gelegenheit aus, die Zofe drall und deftig zu porträtieren, verfügt in der Stimme aber auch über feine Soubrettentöne. Und dann gibt es noch Don Ramiro, Freund des Podestà, der sich nach Arminda sehnt, die ihn verlassen hat, was er ihr zu Beginn des 2. Aktes vorwirft, ohne dass sie über ihr Verhalten Reue zeigt. Marie-Claude Chappuis zeichnet die Figur mit resonantem Mezzoklang und eloquentem Vortrag. Ihr Gesang ist erfüllt von jugendlich auftrumpfender Energie wie melancholisch-sehnsuchtsvoller Empfindung. In ihrem Furor wagt sie sogar ausufernde, die Gesangslinie sprengende Töne. Seltsam, dass sie auf dem Cover der DVD-Ausgabe nicht verzeichnet ist, stellt der Ramiro doch eine zentrale Partie des Werkes dar und ist die in der Alte-Musik-Szene renommierte Mezzosopranistin in der recht unbekannten Sängerbesetzung die einzig bekannte Größe. Dennoch weist das Ensemble insgesamt keinen Schwachpunkt auf und überzeugt durch Lebendigkeit und Frische in Gesang und Darstellung – man denke nur an die ausgelassene Spielfreude im turbulenten Finale des 2. Aktes, das der Regisseur in eine geradezu choreografische Form gegossen hat. Diese Besetzung ist ein schlagender Beweis dafür, dass auch ohne Stars große Opernabende möglich sein können.

Besonderes Interesse erweckt die Ausgabe zudem durch die orchestrale Realisierung mit Emmanuelle Haïm an der Spitze ihres Ensembles Le Concert d’Astrée. Die Dirigentin weiß plastische Stimmungen zu malen und dramatische Akzente zu setzen.Unter ihrer Leitung hört man die Musik lebendig und pulsierend mit sublimen Nuancen in der Begleitung der lyrischen Arien. Wenn sich am Ende alle Wirrnisse und Wahnzustände aufgelöst haben und der Podestà drei Paare im Glück vereint, wird das in einem Finale besungen, das Emmanuelle Haïm zu gebührendem Jubel anfeuert. Eine Empfehlung also für alle Freunde des frühen Mozart! Bernd Hoppe