In memoriam Daniela Dessì

 

Man könnte sich beim Erleben von Giordanos Fedora in der Aufführung des Teatro Carlo Felice aus Genua mit der Bewunderung der sängerischen und schauspielerischen Leistung des Protagonistenpaars Daniela Dessì und Fabio Armiliato begnügen, liefe es einem bei der Schlussszene nicht heiß und kalt den Rücken hinunter. Nur Monate danach musste das auch im Privaten miteinander verbundene Paar eine ähnlich tragische Situation erleben, als der Sopran einem wohl besonders tückischen, schnell zum Tode führenden Krebsleiden erlag und der Tenor in einer besonders durch seinen Anteil daran bewegenden Trauerfeier in Brescia Abschied von seiner Lebensgefährtin nehmen musste. Das kann man natürlich nicht ausblenden, wenn man die Blu-ray von dieser wohl letzten gemeinsamen Arbeit sieht und hört, in der nichts von dem drohenden Verhängnis zu spüren, wohl aber die vollkommene Harmonie des Paares auch im künstlerischen Bereich zu spüren ist.

Natürlich geht auch an der italienischen Opernwelt das Gespenst der modernen Regie nicht spurlos vorüber, aber, wie auch hier in der Regie von Rosetta Cucchi, in der milderen, den Kern des Stücks nicht berührenden Art, wenn der alte Loris, ziemlich heruntergekommen, seitwärts an einem Tischchen sitzend und in einem Fotoalbum blätternd, sich nicht recht zwischen Wodka(?)flasche, Teetasse und Pistol entscheiden mag und hinter einer die gesamte Rückseite ausfüllenden Glaswand mehr oder weniger Schlimmes geschieht, im ersten Akt nur Passanten durch den Schnee taumeln, vor dem zweiten Kriegsszenen aus dem Ersten Weltkrieg stattfinden und schließlich zum Zwischenspiel auf die Melodie von „Amor ti vieta“ ein Portrait der Zarenfamilie den Hintergrund beherrscht, was insofern überhaupt keinen Sinn macht, als das Stück in den Achtzigern des 19. Jahrhunderts spielt, also die fünf jüngeren Komponenten derselben noch gar nicht geboren waren. So bleibt es also bei einem rührenden, weil gänzlich sinnlosen Versuch, auch modern zu sein, und da er nicht weiter stört, wird er gern verziehen. Die Szenerie von Tiziano Santi wirkt durch die Glaswand recht kühl, dazu im Gegensatz stehen die historischen Einrichtungsgegenstände bis hin zu den alten Fotos auf Wladimiros Schreibtisch. Die Kostüme von Claudia Pernigotti wurden von den Damen sicherlich gern getragen, die weiße zaristische, mit Orden bestückte Uniform allerdings, die der von der russischen Polizei gesuchte Loris in Paris trägt, ist völlig fehl am Platze, auch wenn sie dem Tenor gut steht.

Valerio Galli, ein noch junger Dirigent, versucht das wie Tosca auf einem Drama von Sardou fußende Stück nicht künstlich zu verfeinern, sondern geht orchestral dankenswerterweise in die Vollen.

Um das Protagonistenpaar versammelt sich ein Ensemble von soliden Sängern, so mit dem sonoren Bariton von Alfonso Antoniozzi, der das Chanson „Ecco la Russa“ geschmackvoll vorträgt, der Soubrette Daria Kovalenko, die nicht nur mit dem Couplet von La Vedova Clicquot als Olga alle Klischees ihres Fachs bedient, sogar dem Urgestein Luigi Roni als immer noch basspotentem Cirillo. Etwas mehr Sexappeal hätte man sich von dem umschwärmten Klavierstar Lazinski gewünscht, als ihn Sirio Restani aufbieten kann. Unangenehm dumpf klingt die Stimme von Roberto Maietta als Polizeiagent Cretch.

Nach den vielen schönstimmigen, aber optisch allzu biederen Fedoras von Mirella Freni, die sowohl Domingo als Carreras an ihrer Seite hatte, ist Daniela Dessì optisch eine Traumbesetzung, weiß kostbare Roben in Szene zu setzen und ungezügelte Leidenschaft über die Bühnenrampe zu bringen. Zwar hat die Stimme ein auch für diese Verismopartie sehr ausgeprägtes Vibrato, aber bei den vielen temperamentvollen, dramatischen Ausbrüchen, die dem Sopran abverlangt werden, stört das nicht so sehr, und diese, so wie der Racheschwur, bringen sie nie in Verlegenheit. Fabio Armiliato singt ein dunkel glühendes „Amor ti vieta“, bringt den Hörer zu einem wohligen Erschauern in „la mia viltà“ und ist durchweg akustisch und optisch so präsent, dass man merkt, dass die Partie sich nicht auf den einen Ohrwurm reduzieren lässt. Mit dieser Aufnahme hat  das nun leider getrennte Paar seiner Liebe und seiner künstlerischen Zusammenarbeit ein schönes Denkmal gesetzt (Blu-ray Dynamic 57772). Ingrid Wanja