Im Dreierpack

 

Resteverwertung aus den Anfängen einer großen Karriere: „Best Wishes from Cecilia Bartoli“ nennt sich eine DVD-Box von ARTHAUS (109177) mit drei Operngesamtaufnahmen, im Einführungstext betitelt als „Coloratura-Classics of Italian Opera“. Das trifft auf Mozarts Don Giovanni freilich nur bedingt zu. In der Aufnahme aus dem Opernhaus Zürich 2001 singt Cecilia Bartoli die Donna Elvira neben Isabel Rey als Donna Anna, Rodney Gilfrey als Don Giovanni, Roberto Saccà als Don Ottavio, László Polgár als Leporello, Liliana Nikiteanu als Zerlina, Oliver Widmer als Masetto und Matti Salminen als Commendatore. Die Inszenierung von Jürgen Flimm in der stimmigen Bühnengestaltung von Erich Wonder dirigiert Nikolaus Harnoncourt mit der von ihm bekannten Schärfe und Dramatik, aber auch manch ungewohnter Tempowahl. In der Titelrolle imponiert Gilfrey mit viriler Aura und gleichermaßen auftrumpfender wie kosender Stimme. Isabel Reys Donna Anna ist etwas leichtgewichtig und anonym im Timbre, nimmt ihre erste Arie ungewöhnlich introvertiert mit dem Ergebnis larmoyanter Wirkung. „Non mi dir“ gelingt ihr mit melancholischer Tönung und flüssiger Koloratur besser. Keineswegs verzärtelt klingt der Ottavio von Saccà, der „Dalla sua pace“ mit Kultur und Empfindung formt, aber nie säuselt. In „Il mio tesoro“ kann er seine männlich klingenden Koloraturen hören lassen. Nikiteanu mit reizvollem Sopran und Widmer mit munterem, auch resolutem Bariton geben ein jugendliches Hochzeitspaar. Die Aufzeichnung erinnert auch an den früh verstorbenen Ungarn Polgár, der einen gar nicht tumben Leporello gibt, die Partie sehr differenziert angeht und eine vielschichtige Registerarie vorträgt. Salminen klingt bereits hier verquollen und dröhnend. Bartoli treibt die Hysterie der Elvira auf die Spitze, was ihre Darstellung die Groteske streifen lässt. Auch stimmlich zischt und faucht sie schon in ihrem ersten Auftritt, steigert den keuschenden Furor sogar noch in „Ah! fuggi il traditor!“. Natürlich gibt sie auch das Rezitativ „In quali eccessi“ und die Arie „Mi tradì quell’ alma“ als Ausdruck eines seelischen Ausnahmezustandes, gesanglich allerdings bravourös. Die Veröffentlichung ist nicht zuletzt ein wertvolles Dokument des kürzlich verstorbenen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt.

Die älteste Produktion dieser Veröffentlichung ist Rossinis Il barbiere di Siviglia von den Schwetzinger Festspielen 1988 mit der Bartoli als Rosina – eine ihrer ersten Rollen, mit der sie ein Jahr zuvor im Rahmen der 750-Jahrfeier Berlins an der Komischen Oper debütiert hatte. Der Barbiere war auch die erste CD-Gesamtaufnahme (1989) bei ihrer Stammfirma Decca, der sie bis heute verbunden ist. In Schwetzingen sind der charismatische Gino Quilico in der Titelrolle, David Kuebler als Almaviva, Carlos Feller als Bartolo und Robert Lloyd als Basilio ihre Partner. Die Inszenierung von Michael Hampe am Pult des Radio-Sinfonie-Orchesters Stuttgart dirigiert Gabriele Ferro. Die Aufzeichnung fängt Bartolis Mezzo in seiner ganzen Frische und Unverstelltheit ein, ist deshalb ein wichtiges Zeugnis in der Diskographie der Sängerin.

Jüngstes Dokument ist Rossinis Il turco in Italia von 2002, ebenfalls aus dem Opernhaus Zürich. Mit der Fiorilla  belegt es den Wechsel der Italienerin ins Sopranfach, wie er sich schon zwei Jahre zuvor am selben Ort mit der Fiordiligi in Così fan tutte angekündigt hatte. Im Turco, inszeniert von Cesare Lievi in Comic-Manier, ausgestattet von Tullio Pericoli im Pop-Art-Stil und dirigiert von Franz Welser-Möst, sind Ruggero Raimondi als Selim mit dröhnendem Bass, Paolo Rumetz als Don Geronio mit reifem Bassbariton, Oliver Widmer als Prosdocimo mit trockenem Bariton sowie Reinoldo Macias als Narciso mit flexiblem und schwärmerischem Tenor auf der Szene. Cecilia Bartoli rattert in der Auftrittskavatine durch die Koloraturen, erinnert im munteren Fluss der Töne in den Duetten mit Geronio und Selim an ihre Rosina, scheut sich auch nicht vor keifenden Lauten. Virtuos tupft sie die Noten im Quintett des 2. Aktes und macht ihre große Finalarie zum vokalen Höhepunkt der Aufführung – „Squallida veste e bruna“ mit inniger Lyrik und „Caro padre/L’infelice“ mit bravouröser Stimmführung. Sie hat viel Spaß  an der Rolle und gibt sie mit feiner Ironie.

Die Kassette, auf der La Bartoli lächelt wie eine gute Fee aus dem Märchenbuch, ist ein schönes Geschenk für alle Verehrer der Künstlerin und natürlich auch für Freunde der Musik Rossinis und Mozarts.Bernd Hoppe