Im Ballettsaal

 

Nicht wenige Kritiker werteten die Neuproduktion von Verdis Oper Les Vêpres siciliennes an der Royal Opera Covent Garden London als den international wichtigsten Beitrag zum Verdi-Jahr 2013. Warner Classics/OPUS ARTE hat sie nun auf zwei DVDs veröffentlicht (0825646164349). Regisseur Stefan Herheim verlegt die Handlung aus Ort und Zeit – Palermo 1282 – in das Jahr und den Schauplatz der Uraufführung: 1855 Paris. Die Grand Opéra, wofür das Werk geschrieben wurde, bildet nun die Kulisse der Handlung, vor allem deren Ballettprobensaal, in welchem bereits zur Ouvertüre die Tänzerinnen in ihren Tutus in klassischen Posen an der Stange stehen, unter ihnen Jean Procida (Erwin Schrott), der mit dem Zeigestock als strenger Ballettmeister fungiert. Die Szenerie erinnert an Degas’ berühmte Pastelle aus der Welt des Balletts. Durchgängig illustrieren diese Tänzerinnen, in weißen oder schwarzen Tutus und zum Teil mit Masken, das Geschehen. Mit seinen Soldaten dringt Gouverneur Guy de Montfort in den Ballettsaal ein und vergewaltigt brutal eine vor Angst schreiende Tänzerin. Gleich darauf sieht man sie als Schwangere, wenig später ihren und Montforts kleinen Sohn, Henri, der sich fortan im Konflikt befindet zwischen der Liebe und Pflicht gegenüber seinem Vater und der Verbundenheit mit den Sizilianern unter Anführung von Jean Procida.

Philipp Fürhofer hat die Ränge des Opernhauses, auf denen die Besatzer postiert sind, bis auf die Bühne fortgeführt, wo die Sizilianer agieren. Der Royal Opera Chorus (Leitung: Renato Balsadonna) singt mit starkem Engagement und expressiver Wucht. Mit vehementer Gewalt herrscht Montfort aus einer Proszeniumsloge über die Italiener. Michael Volle zeichnet ein spannendes Porträt dieses Machtmenschen, auch wenn sein robuster Bariton mit kraftvoller Höhe in der Ausformung der Kantilene seiner Arie Mühe hat. Montfort erinnert sich in dieser Szene an das einstige Verbrechen der Vergewaltigung und erfährt aus einem Brief jener Frau, dass Henri sein Sohn ist. Mit Bryan Hymel gibt es einen neuen Heldentenor im französischen Fach, der die gefürchtete Partie mit furchtloser Attacke und leidenschaftlicher Emphase angeht. Glanzvoll und souverän seine Spitzentöne, von schmerzlichem Pathos erfüllt die große Arie im 4. Akt, schwelgerisch die Zwiegesänge mit Montfort und seiner Geliebten Hélène. Lianna Haroutounian singt sie mit melancholisch umflortem, jugendlich-dramatischem Sopran. In einem spektakulären Trauergewand aus schwarzem Tüll (Gesine Völlm) tritt sie anfangs mit dem abgeschlagenen Haupt ihres von den Franzosen ermordeten Bruders auf, richtet an ihr Volk einen leidenschaftlichen Aufruf zur Freiheit. Die schöne Stimme mit sensiblen, träumerischen Valeurs müsste nur in Mittellage und Tiefe noch an Substanz gewinnen. In der lyrischen Arie im 4. Akt klingt der Sopran mit  schmerzlichem Ton sehr nobel, die Siciliana beim Hochzeitsfest singt sie delikat und vermeidet in ihrem Vortrag gänzlich den Anstrich einer Bravour-Nummer. Der Procida von Erwin Schrott mit recht schlankem, etwas aufgerautem und in der unteren Lage mattem Bass ist ganz Künstlergeschöpf mit Gehrock, Beinprothese und langem grauem Haar. Seine erste Arie trägt er inmitten seiner geliebten Ballerinen vor, die als Sylphiden kostümiert sind, den dramatischen Teil der Nummer jedoch mit Armbewegungen von Tschaikowskys Schwänen illustrieren (Choreografie: André de Jong).

Noch kurioser wirken die an der Ballettstange posierenden Herren mit Rauschebärten, weiten Gehröcken und Zylindern oder beim Hochzeitsfest die Soldaten, die über ihren Uniformen weiße Tutus tragen. Ein effektvoller Einfall ist die Finalszene, wo Procida in großer schwarzer Tüllrobe wie ein Double Hélènes erscheint und scheinbar patriotisch das französische Banner schwingt, wenig später aber damit sizilianische Festgäste niederstreckt und die Fahne schließlich in Flammen aufgehen lässt. Die Totenkopfmaske hatte seine wahren Absichten ohnehin verraten. Das Massaker am Schluss inszeniert Herheim nicht und lässt die Massen an der Rampe in gespenstischem Licht verharren. Befremdlich ist seine (und de Jongs?) Entscheidung, das berühmte Ballett des 3. Aktes Les quatres saisons auf die einzelnen Akte aufzuteilen und damit die musikalische Konzeption des Tableaus aus dem Zusammenhang zu reißen. Immerhin ist man erfreut, das in Aufführungen oft gestrichene Divertissement hier zu hören, zumal Antonio Pappano das Orchestra of the Royal Opera House mit dramatischer Verve, schwelgerischem Aufrauschen und französischem Esprit musizieren lässt.

Der Bonus der Ausgabe bringt zwei Beiträge – The Making of… mit Statements von Antonio Pappano und Stefan Herheim sowie den Sängern Erwin Schrott, Michael Volle, Lianna Haroutounian, Bryan Hymel  sowie The Ballet in Les Vêpres siciliennes, in welchem Herheim über die zentrale Rolle des Balletts in einer Grand opéra spricht.

Bernd Hoppe