Händel kompakt aus Glyndebourne

 

OPUS ARTE hat in einem Schuber drei Händel-Aufführungen vom Glyndebourne Festival – jeweils mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment – zusammengefasst (OA 1225 BD, 5 DVD). Sie alle sind in ihrer Ästhetik mehr oder weniger dem modernen Regietheater verpflichtet. Das älteste Dokument ist die Inszenierung von Giulio Cesare aus dem Jahre 2005 mit einer illustren Besetzung – angeführt von Sarah Connolly als Titelheld in schnittiger roter Uniform. Zu ihrer androgynen Erscheinung und Ausstrahlung passt der energisch-resolute Mezzo ideal. Mit rasendem Furor formuliert sie die Koloraturen in „Empio, dirò tu sei“, charmant ertönt der Flirt mit der vermeintlichen Lydia, „Non è si vago e bello“. Hintergründig und individuell verziert wird die Jagdarie gesungen. Ein Kabinettstück ist „Se in fiorito“ mit der begleitenden Solovioline auf der Bühne und den von Connolly meisterhaft imitierten Vogelstimmen. Rasant und mit stupender Virtuosität werden die Koloraturen in „Al lampo dell’armi“ abgespult, während die letzte Arie, „Aure, deh, per pietá“, einen ergreifenden tragischen Umriss bekommt.

Ihr steht in Danielle de Niese eine kokette Cleopatra mit hocherotischer Ausstrahlung und attraktiven körperlichen Reizen zur Seite. Neben der Virtuosität ihres Gesangs besticht die körperliche Agilität, welche der Regisseur genutzt hat, um ihre Auftritte geradezu choreografisch zu inszenieren. „V’adoro pupille“ hat den schmeichelnd verführerischen Ton, „Venere bella“ die raffinierte Koketterie, „Se pietà“ und „Piangerò“ den empfindsam klagenden Gestus. Alle Register ihrer Virtuosität zieht sie in der triumphierenden letzten Arie, „Da tempeste“, um sich danach im Schlussduett, „Caro! Bella!“, mit Cesare in schönster Harmonie zu vereinen. Sesto erscheint wie ein englischer Internatsschüler und ist hier nicht mit einem Counter besetzt, sondern mit der herb klingenden Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager. „Sveglatemi nel core“ singt sie mit Aplomb, „Cara speme“ mit sehnsuchtsvollem Ausdruck, „L’angue offeso“ mir Furor. Ein Trumpf der Besetzung ist Patricia Bardon mit sattem Alt als Cornelia. Mit pastosen Tönen erklingt die Trauerarie, von großer Würde erfüllt ist die Szene an der Urne ihres Gatten und das Herz bewegende Duett mit Sesto, „Son nata a lagrimar“, ist auch hier ein vokaler wie emotionaler Höhepunkt. So etwas wie ein Abonnement auf die Rolle des Tolomeo hat Christophe Dumaux, der hier in der Maske des bayerischen Königs Ludwig auftritt, einen Hang zur Travestie hat und mit seinem so sinnlichen wie furiosen Counter große Wirkung macht. Die Besetzung ergänzt Christopher Maltman als Achilla mit virilem Bariton, der in „Tu sei il cor“ und „Dal fulgor di questa spada“ grimmig auftrumpft. William Christie leitet das OAE mit kundiger und erfahrener Hand, begleitet die Sänger inspirierend und sorgt in den orchestralen Nummern, wie der Sinfonia bellica und der Marcia im Finale, für swingende Effekte. David McVicar verwendet auf der reizvollen Guckkastenbühne Elemente des barocken Theaters und schafft mit seiner schlüssigen Personenführung einen unterhaltsamen Opernabend, wozu auch die einfallsreiche und flotte Choreografie von beiträgt.

 

Sechs Jahre später zeigte das Festival den Rinaldo (leicht gekürzt) in einer Deutung von Robert Carsen und der Ausstattung von Gideon Davey. Das Geschehen ist in einem Klassenzimmer angesiedelt, wo der Knabe Rinaldo träumt, einst ein Held zu sein. In diesem nüchternen Schauplatz treiben auch die Schüler in englischen Internatsuniformen ihr Unwesen, bis die gestrenge Lehrerin in Gestalt der Armida sie zur Räson bringt. Bald aber tauchen sie alle ein in die historischen Figuren. In der Titelrolle lässt Sonia Prina ihren gewöhnungsbedürftig herben Mezzosopran hören, der auch dem berühmten „Cara sposa“ – trotz aller Expressivität – die ausgeglichene Linie schuldig bleibt. Auch bei den Hits  „Venti, turbini, prestate“ und „Or la tromba“ holpert es bei den Koloraturgirlanden. Da sorgt ihr Auftritt hoch zu Rad in der Luft für mehr Effekt als der Gesang. Anett Fritsch als blond bezopfte Almirena erfreut mit jugendlich-klarem Sopran. Die liebliche „Vöglein“-Arie weiß sie zart zu tupfen, beim Schlager „Lascia ch’io pianga“, wo sich die Szene in einen Krankensaal verwandelt hat, mit starker Empfindung zu berühren und am Ende bei „Bel piacere“ gebührend zu jubeln. Varduhi Abrahamyan setzt als Goffredo mit sinnlich vibrierendem Mezzo ein sängerisches Glanzlicht  Luca Pisaroni ist ein viril auftrumpfender Argante, Brenda Rae die etwas hellstimmige, aber fulminant rasende und mit körperlichen Reizen nicht geizende Armida. Tim Mead, mittlerweile ein Counterstar, wurde damals noch mit der kleineren Rolle des Eustazio betraut, die er beachtlich ausfüllt. Als Mago tritt mit William Towers ein weiterer kompetenter Countertenor auf. Seine Arie „Andate, o forti“ wird ironisch untermalt, wenn sich Internatsknaben vor ihren Spinden zu Mädchen umkleiden und dann in ihren Röcken auf Armidas punkiges Furiengefolge losgehen. Das reizvoll wiegende Duett der beiden Sirenen ist witzig inszeniert und wird von Charlotte Beament und Rebecca van den Berg solide gesungen. Hier dirigiert das klein besetzte Orchester mit Ottavio Dantone gleichfalls ein Spezialist der Alten Musik. Armidas ersten Auftritt leitet er Affekt betont ein, wie er überhaupt ihre Szenen sehr wirkungsvoll ausbreitet. Auch die anderen Sänger profitieren von seiner reichen Agogik. Grandios sind die orchestralen Nummern – Ouverture, Sinfonia, Marcia, Battaglia – formuliert.

 

Die jüngste Aufzeichnung stammt aus dem Jahre 2015 und gilt dem dramatischen Oratorium Saul, das in einer gekürzten szenischen Version von Barrie Kosky gezeigt wird. Otto Pichler, dem Regisseur bei vielen seiner Produktionen an der Berliner Komischen Oper als einfallsreicher Choreograf verbunden, sorgt auch hier für witzig-turbulente Einlagen. Die alttestamentarische Geschichte um den Untergang des israelischen Königs Saul und seines Sohnes Jonathan sowie seine Ablösung durch David wird von der Ausstatterin Katrin Lea Tag zunächst in einem schrill bunten, pseudobarocken, später ganz spartanischen Rahmen und von Kosky mit schier unerschöpflicher Phantasie erzählt. Als wilder Titelheld imponiert Christopher Purves mit großem körperlichem Einsatz und sonorem, ausladendem Bass, der naturalistische Ausbrüche nicht scheut. Iestyn Davies ist der sensible Davis mit klangvollem, weichem Counter, der das Air „O Lord, whose mercies numberless“ mit schwebendem Ton berührend formt und bei „Your words“ die Koloraturen perlen lässt. Paul Appleby singt den Jonathan mit klarem, reich timbriertem Tenor. Mit Lucy Crowe als energisch auffahrender Merab und Sophie Bevan als lieblicher Michal sind die beiden Sopranpartien des Werkes sehr kontrastierend besetzt. Als bizarre Witch of Endor mit langem Bart und Riesenbrüsten lässt John GrahamHall einen reifen Charaktertenor hören. Ivor Bolton dirigiert mit straffem Zugriff, grandioser Prachtentfaltung  und dynamischer Differenzierung, bringt den musikalischen Reichtum des Werkes zu stärkster Wirkung. Dem Glyndebourne Chorus (Jeremy Bines) fällt darin der Hauptanteil zu mit solchen Perlen wie „How excellent the name“, „Mourn, Israel“ und „Gird on thy sword“, die er mit beeindruckender Präzision und Leuchtkraft vorträgt.

Die Ausgabe ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Händel-Pflege in  Glyndebourne in einem Zeitraum von zehn Jahren. Bernd Hoppe