Die Gunst der Stunde nutzend…

Seien es DVDs aus ein und demselben Opernhaus wie Wien oder Mailand, eines Dirigenten wie Riccardo Muti oder nun einer Sängerin, nämlich Anna Netrebkos, Boxen mit drei oder vier Opernaufführungen widmen sich der Resteverwertung oder sollen darüber hinweg täuschen, dass es nicht viel Neues auf den Markt zu werfen gibt. Die schöne Russin/Österreicherin ziert in gülden majestätischem, schulterfreiem  Gewand die Box mit drei ihrer Salzburger Produktionen: La Traviata, Le Nozze di Figaro und La Bohéme.  Es ist interessant, die Entwicklung ihrer Stimme zu verfolgen, wozu unbedingt der Salzburger Trovatore gehören würde, den es noch nicht, wohl aber das Berliner Rollendebüt als Leonora  als Einzel-DVD gibt.

Die Traviata aus dem Jahre 2005 ist hinreichend bekannt: sie machte aus dem Alfredo von Rolando Villazón als Alfredo und der Netrebko als Violetta ein neues „Traumpaar der Oper“, prägte sich durch die riesige unbarmherzige Uhr, das riesige Sofa und das rote Kleidchen der Titelheldin ebenso ein wie durch den Gesang der drei Protagonisten, zu denen auch Thomas Hampson als Padre Germont gehörte. Carlo Rizzi war am Dirigentenpult der Wiener Philharmoniker der Garant für Italianità, Willy Decker für die so konsequente wie überzeugende Inszenierung verantwortlich.

Ein Jahr danach war La Netrebko die Susanna in Claus Guths humorloser Produktion von Mozarts Figaro in den trostlosen Bühnenbildern von Christian Schmidt, der auch für langweilige Schwarz-Weiß-Kostüme unkleidamer Art gesorgt hatte. Der geflügelte Amor, der durch die Inszenierung geistert, ist zwar ein reizender Bursche,was er aber anzettelt, ist reichlich trist, auch tote oder lebende Raben oder welkes Laub, mögen sie noch so symbolträchtig sein, tragen nicht zur Erheiterung bei und der Fast-Einheits-Schauplatz Treppenhaus erst recht nicht. Die Frage, wie ein Conte in zeitversetzter Umgebung das ius primae noctis durchsetzen will oder die Überstellung des Pagen zur Armee, stellt man sich als gewiefter Operngänger erst gar nicht. Anna Netrebko bleibt wie ihr Partner Ildebrando D’Arcangelo (trotz zeitweiser Brille) ein optischer Lichtpunkt, vokal gibt es durch Christine Schäfer (Cherubino), Dorothea Röschmann (Contesssa), Marie McLaughlin (eine gar nicht altjüngferliche Marcellina) und den Conte von Bo Skovhus viel Schönes zu bewundern. Letzterer allerdings muss sich als verklemmter Möchte-gern-Don-Juan präsentieren. Mit eben diesem Figaro (da ganz ohne Brille) und der Susanna von Diana Damrau gibt es eine weit erfreulichere Inszenierung aus der Scala auf dem Markt.  Da schneidet man auch beim Wort „felice“ keine Grimassen, die zeigen sollen, dass dies keine opera buffa ist, sondern von der Unfähigkeit, felice zu sein, handelt.  Nikolaus Harnoncourt und die Wiener Philharmoniker hält das nicht davon ab, originären Mozart zu spielen.

Eine Brille ist man eher als vom Figaro vom Rodolfo der Bohème gewohnt, die in der Inszenierung von Damiano Michieletto unter einer Art Brücke haust, unter der man jedoch Miete zahlen muss. Paolo Fanti hat sie ebenso entworfen wie für den dritten Akt den Imbisswagen, eine Art Späti auf Rädern, der schließt, wenn der Morgen anbricht. Die Für-fast-Clochards angemessenen Kostüme stammen von Carla Teti, die Mimi zur koksenden Punkerin werden lässt, die jedem der Freunde zu Heiligabend schnell noch eine Portion des weißen Pulvers ins Champagnerglas schüttet. Ähnliches gab es vor Jahrzehnten schon einmal zum Missfallen des Publikums in Macerata. Grellbunt und aggressiv gerät das Weihnachtsbild, der Stadtplan von Paris und kleine Pariser Häuser als Sitzgelegenheiten sind sehr putzig. Unübersehbar prangen die Notfallnummern auf dem Hintergrundprospekt- warum ruft man da nicht schnell einmal an, statt umständlich selbst eine Medizin zu mixen? Anna Netrebko ist und bleibt bis zuletzt das blühende Leben, singt wunderschön, auch im sich fahlen Erinnern der Motive aus dem ersten Akt, wenn auch nicht mit einer unverkennbaren Puccinistimme melancholischer olcezza. Piotr Beczala ist ein tadelloser Sänger, italienische Glut ist allerdings nicht in seinem Tenor zu hören. Die drei tieferen Stimmen von Massimo Cavaletti (Marcello)  Carlo Colombara (Colline) und auch Alessio Arduini (Schaunard) sind ihm in dieser Hinsicht überlegen. Nino Machaidze ist eine elegante Musetta, und über Daniele Gatti und die Wiener lässt sich nichts Negatives sagen.

Und was berechtigt dazu, die drei Aufnahmen in einer Box miteinander zu vereinen? Gemeinsam ist ihnen, dass in Produktionen (durch die optisch ein kälterer Wind weht, als wohl von Librettist und Komponist vorgesehen) eine wunderbare Stimme zu hören ist, die kühler und dunkler erscheint, als die Hörgewohnheit es mit diesen Partien verbindet (DG 00440 073 5157).

Ingrid Wanja