Glaube und Eifersucht

 

Georg Friedrich Händels spätes Oratorium Theodora steht in der Tradition einer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Christenverfolgung im römischen Reich, ähnliche Geschichten erzählen auch Donizettis Oper „Poliuto“ oder der Hollywood-Monumentalfilm „Quo vadis?“ nach dem Roman von Henryk Sienkiewic. Das Oratorium spielt zu Beginn des 4. Jahrhunderts, der Stadthalter Valens befiehlt Opfergaben zum kaiserlichen Geburtstag, die Christin Theodora weigert sich, sie wird als Zwangsprostituierte in ein Bordell gesteckt. Der sie liebende römische Offizier Didymus verhilft ihr zur Flucht und wird verhaftet. Theodora stellt sich, beide werden zum Tode verurteilt und besingen ihre Liebe im Duett, bevor beide in den Märtyrertod gehen. Eine dramatische Geschichte mit interessanten Figuren in gewaltvoller Zeit – eine Inszenierung drängt sich bei diesem Oratorium auf. Dirigent William Christie hat sich zum dritten Mal Händels Theodora vorgenommen. Vor knapp 20 Jahren leitete er das später auf DVD erschienene Werk in Glyndbourne – Peter Sellars führte Regie, Dawn Upshaw, Lorraine Hunt, David Daniels, Richard Croft und Frode Olsen sangen, das Orchestra of the Age of Enlightenment spielte. 2003 erschien eine CD-Aufnahme bei Erato mit Sophie Daneman, Daniel Taylor, Richard Croft, Nathan Berg und Juliette Galstian.

Und Christie dirigierte Chor und Orchester Les Arts Florissant bei einer Produktion des Pariser Théâtre des Champs Élysées im Jahr 2015, die nun auf DVD erschienen ist. Christie und sein Orchester musizieren dabei eine mustergültige Vorstellung, bei der auch die Inszenierung als zeitloses Muster gelten kann. Regisseur Stephen Langridge verlegt das Märtyrer-Drama in unsere Zeit, ohne dabei etwas zu konkretisieren. Ein einfaches und unmittelbar einleuchtendes Konzept ohne Ambiguitäten oder Überraschungen, das dem Pariser Publikum gefallen haben sollte. Die Bühne bedient sich einer klaren Bildsprache, ohne die Kontraste zwischen Frömmigkeit und Heidentum (ein Schwachpunkt ist eine sehr konventionelle Bankett“orgie“) auf die Spitze zu treiben. Räume öffnen und schließen sich durch fahrbare Zwischenwände, man sieht Hell/Dunkel-Effekte, Übergriffe, Festnahmen und Säuberungsaktionen – man befindet sich in einer Diktatur, doch das Gewaltpotential ist nie explizit oder plakativ entwürdigend, es wird nur angedeutet. Theodoras Martyrium erfolgt in Dunkelheit, auch die Hinrichtung ist nicht auf der Bühne dargestellt. Man sieht Militäruniformen ungewisser Zugehörigkeit, die an eine Militärjunta erinnern, die Heiden sind durch Abendkleider und Smoking gekennzeichnet, die Christen tragen schlichte beige Kleidung. Theodora ist in der Inszenierung anfänglich doppelt fremd, als Christin in der Oberschicht und als Wohlhabende unter den Christen. Das mag nicht aufregend klingen, aber es ist wirksam – man folgt leicht der atmosphärisch schlüssigen Inszenierung, bei der die Sänger die Quintessenz ihrer Figuren darstellen, Überraschungen erlebt man keine. Die Besetzung lässt sängerisch und darstellerisch nichts zu wünschen übrig. Katherine Watson als erst trotz Gefahr bekennende und am Glauben festhaltende Theodora singt mit überzeugender Geradlinigkeit, ohne ihre Figur zu überhöhen. Philippe Jaroussky bewegt sich mit seiner typisch klaren und weichen Stimme als Didymus zwischen den Polen von Pflicht und Liebe und interpretiert die Rolle mehr introvertiert als leidenschaftlich, Kresimir Spicer verleiht Septimus eine Mischung aus Skepsis und religiöser Hinwendung,  Callum Thorpe ist ein unerbittlicher und expressiver Valens und Stéphanie d’Oustrac als ruhige und beruhigende Irene komplettiert die sehr gute Besetzung. (2 DVDs, ca. 182 Minuten, Erato 0190295889906; Foto oben:Philippe Jaroussky in „Theodora“/ arte.tv )

Händels „Hercules“/ Szene mit Joyce DiDonato und Ingela Bohlin/ Foto BelAir Classics

Ein ähnliches Konzept, doch ohne die unmittelbare Gültigkeit, präsentiert eine Wieder-Veröffentlichung auf BluRay von Händels Oratorium Hercules. Die szenische Aufnahme erfolgte 2004 in der Opéra Garnier, zuvor war sie beim Festival in Aix-en-Provence. Auch Regisseur Luc Bondy aktualisiert, ohne zu konkretisieren, ändert etwas die Personenkonstellation und findet dabei keine bemerkenswerte inszenatorische Übersetzung – die Szenerie bleibt (zumindest in der Filmaufnahme) zu monoton. Die Bühne ist ein düsterer Hof, eine zerbrochene Statue liegt am Boden. Hercules ist kein auserwählter Held, als Eroberer trägt er militärisches Grün und kommt mit blutigen Händen nach Hause, seine Unschuld in Bezug auf Iole kann das Publikum bezweifeln. Dejanira ist hier in der Opferrolle, Hercules ein fragwürdiger Charakter. Die Inszenierung will sich auf das Seelendrama konzentrieren und überzeugt trotz guter Darsteller nicht durchgängig, vielleicht weil sich Bondy zu einseitig auf Verzagen, Verzweiflung und Eifersucht in der Personengestaltung verlegt; die lieblicheren Momente mit Hyllus und Iole fallen da kaum ins Gewicht, denn Iole erscheint bei Bondy ebenfalls nicht durchweg positiv. Die szenische Quintessenz dieser Inszenierung entwickelt keine durchgängige Spannung, sie wirkt teilweise behäbig im Verharren auf Trübsinn, Bestürzung und Dunkelheit. Dafür ist musikalisch einiges geboten.

Als Dejanira singt Joyce Didonato, deren Charisma hör- und sehbar ist und die als eifersüchtige und durchdrehende Hauptfigur so überzeugend wirkt, dass man als Oratoriumstitel eher „Dejanira“ vorschlagen wollte. Ihr Gatte Hercules als Held in der Krise bekommt von William Shimell einen schroffen, unsympathischen Charakter, seine Sterbeszene ist beeindruckend. Als Iole wirkt Ingela Bohlin fast zu lieblich, Toby Spence als Hyllus klingt lyrisch und elegant. Erneut musizieren William Christie und Les Arts Florissants (Chor und Orchester) mit vertrauter Klasse. Als CD wäre dieser Hercules bedeutsamer denn als Film. (BluRay, ca 190 Minuten, BelAir BAC513) Marcus Budwitius