Gemischte Wirkung

Viel Schlimmes bekommen die zarten Ballettelevinnen in der Brüsseler Inszenierung von Bergs Lulu zu sehen, denn Regisseur Krzysztof Warlikowski begnügt sich nicht mit einer Lulu, der phänomenalen Sängerin Barbara Hannigan, sondern hat deren gleich mehrere auf die Bühne der Monnaie gebracht,  so die als Schwarzer Schwan kostümierte Tänzerin Rosalba Torres Guerrero, die in einer Glasvitrine unter anderem mit einer Matratze kämpft und auch mal ihr Oberteil ablegt, eine Kind-Lulu, die vom Athleten bisweilen über die Bühne getragen wird, und viele kleine Nachwuchs-Lulus, die ihres Schicksals auf Hospitalbetten sitzend harren. Großflächige Fotos oder Videofilme lassen sogar im Hintergrund Lulu stets präsent sein.  Auch die Titelfigur ist im Spitzentanz ausgebildet, übt sich bisweilen darin, so als Weißer und Schwarzer Schwan, selbst wenn die Ledermatte, die sie durch ihr bewegtes Leben begleitet, eher auf andere körperliche Übungen schließen lässt.

Dominiert wird die Bühne von einer riesigen Treppe, die auf beiden Seiten von breiten, wie Rutschen aussehenden Mahagoni-Teilen begrenzt wird, auf ihr vollziehen sich Auftritte und Abgänge, ein in Lulu-Produktionen oft zu findendes Waschbecken gibt es links, rechts wechseln  ein Badezimmer für den Selbstmord des Malers, der hier ein Fotograf ist, oder Turngeräte im Hause Dr. Schön einander ab. Im London-Bild rieselt Schnee über die Treppe, im Paris-Bild (es wird die von Cerha vervollständigte dreiaktige Fassung gezeigt) sitzt die geldgierige Gesellschaft im Hintergrund aufgereiht wie die Vögel auf der Stange. Wahrlich unwohnlich, kalt und abstoßend wirkt die Bühne von Malgorzata Szczesniak und trägt so erheblich dazu bei, die Brutalität des Geschehens deutlich werden zu lassen. Teilweise grotesk geschminkt sind die Figuren, die Lulu umgeben, so der Gymnasiast oder der Athlet, der eine Art silberner Maske trägt; in weiblicher Unterwäsche ergeht sich der liebeshungrige Kammerdiener. Dadurch erhält die Figur der Lulu einen ungewöhnlichen Grad der „Normalität“.

Obwohl sie 2012, als die Produktion entstand, die Vierzig bereits überschritten hatte, überzeugt Barbara Hannigan auch in knappsten Dessous als große Verführerin, deren Verführungskunst allerdings nach dem Willen der Regie vor allem darin besteht, dass sie die Beine breit macht. Da hätte die auch vorzügliche Schauspielerin sicherlich Raffinierteres zu bieten gehabt. Vokal meistert sie die irrsinnige Partie beachtlich, von einigen gequietschten Tönen in der Extremhöhe abgesehen. Blasser noch, als es bei einer so schillernden Protagonistin üblich ist, bleiben die Herren. Dietrich Henschel wirkt als Figur zu unbedeutend, als dass er einen Dr. Schön mit großer Fallhöhe vom Machtmenschen zum willenlosen Opfer Lulus glaubwürdig darstellen könnte. Auch vokal kann er nicht die zumindest scheinbare Autorität glaubhaft machen, die man von ihm erwartet. Dem Schöngeist Alwa wünschte man für seinen Hymnus auf die Reize Lulus einen Tenor mit mehr lyrischer Emphase, als sie Charles Workman aufbringen kann. Äußerst attraktiv ist die Gräfin Geschwitz von Natascha Petrinsky mit warmem, ausdrucksstarkem Mezzosopran. Tom Randle ist mit baritonal gefärbtem Tenor der Maler, seine Karikatur eines Schwarzen wäre in Deutschland wahrscheinlich umstritten. Kaum eine Rolle spielt für den Schigolch das immerhin sogar im Orchester hörbare Asthma. Pavlo Hunka wirkt in dieser Partie allzu „normal“, das Hintergründige, Zwielichtige geht ihm fast gänzlich ab. Mit solidem Bariton singt Ivan Ludlow den Tierbändiger/Athleten, auch sonst eines der gelungensten Rollenporträts der Aufführung. Sicherlich sind vor Lulu die Männer alle gleich hilflos, aber etwas mehr Profilierung eines jeden Einzelnen hätte der an sich und in der Anlage großartigen Produktion gut getan. Schrill in jeder Hinsicht ist Frances Bourne als Gymnasiast, Groom und Theatergarderobiere. Die kleine Balletttänzerin Sarah Rawart ist ob ihrer stoischen Haltung zu bewundern. Das Orchester der Monnaie/Munt unter Paul Daniel kann sich besonders in den Zwischenmusiken profilieren (2 DVDs Bel Air C 109)

Ingrid Wanja