Flórez als Rossinis Arnold

Das Problem mit Graham Vick ist, dass seine Inszenierungen wie die von Robert Carsen oft so tun, als ob sie neue Sichten vermitteln. Aber in Wirklichkeit wiederholt auch er nur seine bekannten Formeln: Updating in eine nahe Vergangenheit (gerne die Dreißiger oder die Fünfziger), zeitlich-stilistische Brüche in Kostümen und Optik, Mäntel, grelle Farben und weiße Treppen, eine nur scheinbare Modernität der Beziehungen und Gesten. Ich gebe zu, ich bin kein Fan von ihm, aber er ist aus der Riege der britischen Erfolgsregisseure noch einer der Ansehbarsten, auch wenn sich für mich seine Figuren stets im gleichen Ambiente wiederfinden, ob nun im Boris Godunov oder in Andrea Chénier oder hier im Guillaume Tell. Den gibt’s nun bei Decca starbesetzt aus Pesaro 2013, wo Vick, umjubelt aber auch stark bebuht, das Rossinisches Freiheitsdrama auf die Bühne brachte. Und man muss zugeben, dank der vielen Großaufnahmen von Tiziano Mancini für die RAI entgeht dem Zuschauer vieles an brutaler Pseudo-Marzialität, die das Pesareser Publikum so erzürnt hatte. Dabei zeichnet Vick durchaus auch Personen-Beziehungen, die anrühren –  so die zwischen Arnold und Mathilde, die im flotten Dreißiger-Fummel ganz bezaubernd aussieht. Arnold trägt gerne Hosenträger unter seiner feschen grünen Uniform und sieht auf dem ausgestopften Pferd ungemein sexy aus, während im weißen Kubus der allgemeinen Szene mit wechselnden Rundhorizonten sich viel Volk mit roten Halstüchern und offenen Hemden, Kattunkleidern und eben bergvölkisch-schlicht  gewandet der Freiheit widmet, soweit sie nicht von Geslers gemeinen Schergen darin unterbrochen werden. Paul Brown ist für die ebenso opportune wie palatable Arme-Leute-Optik verantwortlich, Ron Howell choreographierte das resche Ballett. Und das Ganze ist absolut ansehbar und tut niemandem weh. Oper für Besitzer von teuren Karten und für die große Flórez-Gemeinde. Denn die wartet ja nun sehnsüchtig auf diese Decca-DVDs. Und auf den ungekürzten Tell in Französisch.

Musikalisch ist da viel zu loben. Michele Mariotti am Pult des Orchesters vom Teatro Comunale Bologna entfacht ein wahres Feuerwerk in der Ouvertüre (inszeniert, wie ich das hasse) und vertieft Rossinis  wunderbare Melodien von Fischern, Revoluzzern und Alpenglühen, lässt seine Solisten atmen und gibt ihnen Raum für die Soli. Die Chöre aus Bologna (Andea Faidutti) sind erfahrene Darsteller und können  Freiheitswillen und Ländliches gleichermaßen „mit Schmackes“ produzieren – man versteht sogar la lingua francese, und das will was heißen. Star ist natürlich der Arnold von Juan Diego Flórez, dessen Stimme enorm an Fülle und Mitte (und sogar Farbe!) gewonnen hat. Er eifert Gedda nach und ist darin klug. Anders als sein Kollege Hymel singt er Rossini-erfahren seine reichlichen do´s aus der Mischstimme und nicht nur di petto. Und in diesem Rahmen ist die Stimme groß genug, denn Arnold ist ja kein Brüller á la Bonisolli, sondern ein sensibler, zerquälter Rossini-Tenor der hohen Virtuosität und der gemein hohen Lage mit baritonalen Notwendigkeiten. Flórez kann das, scheinbar fast mühelos meistens, legt sich die Partie klug zurecht (es wurden wohl mehrere Aufführungen mitgeschnitten, im Radio war das nicht ganz so leicht hingelegt). Und er sieht absolut sexy aus, kann sich bewegen, ist ein ganzer, stürmischer junger Zorniger, dem die Verliebtheit genau so gut ansteht wie die Rachegedanken, wo er im „Asile hériditaire“ an seine Grenzen gerät. Kein Wunder.  Ist auch eine gemeine, schwierige Arie gegen Ende der Oper. Ich finde Fórez absolut überzeugend und freute mich über diese Rollenerweiterung. Vielleicht ist er auf dem Wege in das Gedda-Fach eines Enée, Berlioz-Faust oder Benvenuto Cellini. Die Kunst dafür hat er, Hut ab!

Der Rest ist mehr als ordentlich. Nicola Alaimo mag nicht Bacquier sein, und seine Stimme ist nicht sonderlich französisch, aber er ist im Moment, nach Pertusi, der meist gefragte Guillaume Tell, bringt Statur und physische Glaubhaftigkeit für die Partie mit und bleibt im Ganzen eher phlegmatisch-gelassen als aufgeregt, was ja für Tell auch richtig ist. Ihm fehlt das Visionäre auf dem Rütli, das Mythisch-Kraftvolle, das ich an Rouillon oder vor allem an van Dam so bewundert habe, die beide mit ihren vokalen Mitteln strömten und per Musik Autorität verbreiteten. Aber Alaimo macht einen wirklich guten Job. Marina Rebeka hat sich irgendwie, nach Amsterdam und London, als Mathilde in die erste Reihe gesungen, was mir wirklich unverständlich ist, weil ich sie stimmlich so langweilig finde. Sie singt auf Linie und zeigt einen Mittelklasse-Sopran, aber viel zu wenig an Persönlichkeit, zu wenig an Aplomb im dunklen Wald und vor allem auch bei der Rettung Jemmys. Die Übrigen bleiben  in dieser Kategorie, nicht eben unrecht, aber auch nicht wirklich aufregend  – Simon Orfila macht einen sonoren Walter Fürst, Simone Alberghini den bemitleidenswerten Vater Arnolds. Amanda Forsythe gibt wenig her als Jemmy. Veronica Simeoni, vor kurzem noch Meyerbeers Sélika in Venedig, darf hier nur die besorgte Edwige singen, das ist ja immer eine dankbare Parrtie. Celso Abelo lässt als Fischer zu Beginn der Oper aufhorchen (ein neuer Arnold?). Luca Tittoto und Alessandro Luciano vertreten die fiese Obrigkeit als Gesler und sein Henkersknecht (die Apfelschuss-Szene ist wirklich gut gelöst). Das ist alles wirklich rollendeckend und anständige Folie für den Star-Tenor, der seinen Arnold mit viel Wissen und Einsatz gestaltet und uns eine gelungene Überraschung beschert – auf ins große lyrische Fach (2 DVD, Decca 0743870). G. H.