Festspieldokument aus Karlsruhe

 

Von den drei deutschen Händel-Festspielstätten ist Karlsruhe die jüngste – erstmals 1985 wurden dort Händel-Festspiele in Zusammenarbeit mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe veranstaltet. Von Beginn haben sich die Festspiele das Ziel gestellt, seltene Werke des Komponisten wiederaufzuführen. So im Jahre 2016 das Dramma per musica Arminio, das bei seiner Uraufführung in London 1737 wenig Erfolg hatte und seither zu den kaum gespielten Opern Händels zählt. 2017 wurde die Produktion wegen des großen Erfolges wieder aufgenommen und von Cmajor für eine DVD-Veröffentlichung aufgezeichnet (744408, 2 DVD).

Seit einigen Jahren ist der österreichische  Countertenor Max Emanuel Cencic (* 21. September 1976 in Zagreb) eine feste Größe im Karlsruher Festspielgeschehen. Inzwischen tritt er dort nicht nur als Sänger in Erscheinung, sondern auch als Regisseur – wie bei diesem Arminio, wo er die Titelrolle verkörpert und das Stück, das einen spätantiken Konflikt zwischen Germanen und Römern behandelt, inszeniert hat. Das Libretto von Antonio Salvi hatte 1703 bereits Alessandro Scarlatti  vertont, Händel und ein unbekannter Mitarbeiter kürzten vor allem die überlangen Rezitativ-Passagen der Vorlage.

Für Cencic ist Arminio „eine der besten Opern, die Händel je geschrieben hat“. Im Bühnenbild von Helmut Stürmer, einem Architekturgebilde auf der Drehbühne, das den Eindruck der Zerstörung weckt, inszeniert er schlüssig (mit einigen neckischen Gags und überdeutlichen sexuellen Anspielungen, die entbehrlich gewesen wären). Die Sänger, die in opulenten barocken Kostümen von Helmut Stürmer und Christoph Häcker zu großer Wirkung kommen, positioniert er zumeist an der Rampe oder auf einem Podest im Zentrum, was ihnen die gebührende Aufmerksamkeit sichert.

Der Titelheld ist ein Cheruskerfürst, der aus der Schlacht mit römischen Legionen geschlagen ins germanische Reich zurückkehrt und mit seiner Gattin Tusnelda flieht. Ihr Vater Segeste verrät die Flucht dem römischen Feldherrn Varo, der Tusnelda begehrt und Arminio gefangen nehmen lässt. Er verlangt von ihm bedingungslose Unterwerfung, doch Arminio widersetzt sich standhaft und fürchtet auch den Tod nicht. Der Konflikt löst sich im 3. Akt und führt zum lieto fine – Arminio ist wieder glücklich vereint mit seiner Tusnelda und verspricht Segestes Sohn Sigismondo die Hand seiner Schwester Ramise.

Regelmäßig arbeitet Cencic mit dem Dirigenten George Petrou und dessen Ensemble Armonia Atenea zusammen. Auch hier sorgt der Klangkörper für ein affektreiches Spiel, setzt schon in der Overture energische Akzente und weiß die emotionalen Kontraste der Musik plastisch auszumalen.

Die Handlung beginnt mit dem Duett Arminio/Tusnelda „Fuggi, mio bene“, das in seinem erregten Duktus die ernste Situation des Paares, das eilig seine Flucht vorbereitet, widerspiegelt. Lauren Snouffer ist ein neuer Stern am Händel-Himmel – ein kristallklarer, in der Höhe leuchtender Sopran mit der gebührenden Flexibilität für das barocke Zierwerk. In der Arie „Scagliano amore“ zeigt sie mit furiosen Koloraturen eindrücklich ihren Seelenzustand zwischen Gattenliebe und dem Hass auf den römischen Eroberer Varo. Gegen Ende des 1. Aktes demonstriert sie in der schmerzlich-empfindsamen Arie „E vil segno“ ihre lyrischen Qualitäten und beschließt den 2. Akt betörend mit „Rendimi il dolce sposo“, wonach Varo sie brutal vergewaltigt.  Im 3. Akt kann sie bei „Va, combatti“ noch einmal ihre Bravour demonstrieren und am Ende ihre Stimme mit der ihres Gatten ein weiteres Mal in einem Duett („Ritorna nel core vezzosa“) vereinen.  Beide besingen in prachtvollen Barockroben freudig und in schönster vokaler Harmonie ihr Glück.

Max Emanuel Cencic zeigt schon im ersten Solo des Titelhelden „Al par della mia sorte“ seine optimale Form an; die Stimme klingt rund und weist auch in der exponierten Region keine Schärfen auf. Der Forderung, sich den Römern zu beugen, widersetzt er sich heldenhaft – davon zeugt seine effektvolle Arie „Sì, cadrò“ mit wilden Koloraturläufen. In starkem Gegensatz dazu steht das  leidvoll-getragene „Vado a morir“ als bewegendes Seelengemälde des Abschieds von seiner Gattin, in welchem Cencic die Stimme ganz sanft fließen lässt. Freudig bewegt ist seine Arie im 3. Akt, „Fatto scorta al sentier della Gloria“, welche mit jubelnden Koloraturen die wieder gewonnene Freiheit preist.

Seinem Gegenspieler Varo verleiht Juan Sancho den hochmütigen Ausdruck des Siegers und einen Tenor von männlich-entschlossenem Klang. Seine erste Arie, „Al lume di due rai“, erfüllt er mit energischer, zum Kampf bereiter Gebärde. Auch„Mira il Ciel“ im 3. Akt ist von heroisch-auftrumpfendem Charakter, und Sancho setzt seine Stimme mit angemessener Attacke ein.

Pavel Kudinov sorgt als Segeste mit reifem Bass von leicht brummigem Ton für die dunklen Farben im Klanggefüge. Sein Sohn Sigismondo als Liebhaber von Arminios Schwester Ramise ist eine klassische Hosenrolle. Aleksandra Kubas-Kruk singt sie mit larmoyantem Mezzo, was die klagende Arie „Non sono sempre vane larve“ noch unterstreicht. Den 1. Akt beendet sie mit „Posso morir“, das zwischen introvertierten Passagen und solchen von aufbrausendem Duktus wechselt, in denen man in der oberen Lage unangenehm bohrende Töne vernimmt. Am besten gelingt ihr das Koloratur gespickte „Quella fiamma“ im 2. Akt, weil es auch das virtuose Vermögen der Interpretin erkennbar macht. Die Figur der Ramise inszenierte Cencic unangebracht als Komische Alte. Schon die fuchsrote Perücke als hoher Turmbau wirkt lächerlich, nicht weniger die drollige Mimik und Gestik der offenbar auch alkoholisierten Jungverliebten. Gaia Petrone wirft sich lustvoll in diese bizarre Aufgabe, lässt dazu einen interessant getönten Alt hören. Die Stimmführung ist unorthodox, aber nicht ohne Effekt. Die Besetzung bietet in Person von Owen Willetts als römischer Tribun Tullio noch eine angenehme Überraschung. Der Countertenor wartet in der Arie „Non deve Roman petto“, die seinen leichtfertigen Charakter offenbart, mit Sinnlichkeit und Koloraturgewandtheit auf. Auch sein Solo im 2. Akt, „Con quel sangue“, zeigt die Stimme in schönem Ebenmaß des Tones und mühelosem Fluss der Verzierungen.

2019 wird Max Emanuel Cencic in Karlsruhe Serse inszenieren und auch darin den Titelhelden singen – in Konkurrenz zu Franco Fagioli als Arsamene. Da darf man bei Cmajor schon jetzt wegen einer DVD-Produktion anklopfen. Bernd Hoppe