Phantasievolle Technik

 

Ganz auf die Seite des bilderfeindlichen Moses hat sich Regisseur Romeo Castellucci  2015 mit seiner Inszenierung des Schönberg-Werks Moses und Aron als erste Produktion der Ära Lissner an der Opéra Bastille geschlagen, denn außer dem Goldenen Kalb, das als ausgewachsener, wenn auch lammfrommer lebendiger Stier über die Bühne geführt wird, wirkt alles seltsam farblos, bzw. schwarz oder weiß, oder wird durchaus von Schönberg als farbig und gegenständlich Gemeintes als Werk der Technik, als vom Himmel herabgesenkte Filmrollen oder geheimnisvolle Geräte gesehen, die zur Schlange zu werden scheinen oder aus denen sich mal Blut, mal Wasser ergießt. Milchig weiß steht für den das reine Wort vertretenden Moses, mit schwarzem Pech begießen sich oder andere diejenigen, die Arons Verführungskünsten erliegen. In immer schnellerer Abfolge erscheinen Wörter und Begriffe auf der Rückwand der Bühne, wenn Moses präsent ist, in strengen Hebefiguren (Choreographie Cindy van Acker)  werden die Ausschreitungen unter der Führung von Aron zelebriert und ein Götzenbild aus einem Gewinde von Filmrollen errichtet, aus dem bei seiner Zertrümmerung Aron kriecht. Der einzige Farbtupfer ist ein Gelb, das aus den Hörnern fließt, die Moses offensichtlich dem Stier aus dem Schädel gebrochen hat. Geheimnisvoll ist gegen Ende der zwei Akte, die von Schönberg selbst vollendet wurden und die mit Moses‘ „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“ enden, die den Hintergrundprospekt darstellende Bergwelt, in der schwarze Gestalten emporklettern, die aber als Stofffetzen in sich zusammenfällt.

Ein Jahr lang soll der Chor an der Erarbeitung seines schwierigen Parts gearbeitet haben und zeigt nun unter José Luis Basso eine perfekte, bewundernswerte Leistung, so wie das Orchester unter Philippe Jordan gleichzeitig die Strenge wie die Üppigkeit der Partitur zur Geltung bringt. Thomas Johannes Mayer macht aus der Sprech-Partie des Moses eine des Sprechgesangs, und da seine Stimme eine höchst sonore, durchaus sinnlich klingende ist, wird der Gegensatz zu Aron, der mit John Graham-Hall leider keinen gleißenden, sondern einen eher matten, auch im Falsett nicht durchdringenden Tenor hat, nicht optimal hörbar und damit deutlich genug. Auch optisch machte die Maske aus Moses einen derart dominierenden Charakter, dass seine verzweifelten letzten Worte nicht besonders glaubwürdig klingen. Aus der Masse der sonstigen Mitwirkenden ragt Ralf Lukas, immerhin ein Wotan-Sänger, als Priester heraus.

Die auch auf Arte übertragende Produktion dürfte ein glücklicher Einstand für den neuen Intendanten und ein einmaliges Erlebnis für Mitwirkende und Publikum gewesen sein, das auch dem Publikum des Teatro Real in Madrid zuteil wurde (Bel Air BAC 136). Ingrid Wanja