„Esultate“

Zugegeben – der nun überhaupt erstmals  herausgegebenene deutschprachige Othello (Verdis) bei Arthaus stammt von 1965 und ähnelt optisch eher Dürerschen Holzschnitten, trotz der gelungenen digitalen Aufarbeitung. Otto Schenks detailreiche ORF-TV-Inszenierung von 1965 steht in strengem Schwarz-Weiß vor uns, ehern und unpoetisch und zudem trübe beleuchtet (Bühne von Gerhard Hruby) – Wiener Papp-Studio eben, und eigentlich auch kein so nettes. Zudem könnten die tümelnden Kostüme von Leni  Bauer Ecsi günstiger sein. Aber so war das damals eben mit der Sicht auf die Historie.

"Othello": Jetzt würgt er schon wieder - Sena Jurinac in den Händen von Wolfgang Windgassen/Arthaus

„Othello“: Jetzt würgt er schon wieder – Sena Jurinac in den Händen von Wolfgang Windgassen/Arthaus

Magie kommt mit den Sängern, live und ohne playback (wie Gottfried Kraus in seinem interessanten Beitrag betont). Da ist zum einen die wirklich betörend singende (matronal gekleidete) Sena Jurinac, derentwegen sich die Anschaffung mehr als lohnt. Ab ihrem ersten Auftritt ist sie der tief emotionale Mittelpunkt der Aufführung, ob leuchtend im Liebesduett des ersten Aktes, ob in der sich für sie wie für uns quälend sich hinziehenden Taschentuch-Szene des nächsten wie auch in dem leidvoll empfundenen „A terra e piango“ des dritten. Und dann natürlich „Weide, Weide“ und anschließender Tod. Ich gestehe, dass ich selbst heute, wo ich den Film nach langer Zeit erneut wieder anschaue, die Tränen der Ergriffenheit nicht unterdrücken kann. Die Jurinac hat was in der Stimme, das mir (um mit Sonnleithner zu sprechen) „in die Tiefe des Herzens dringt“. Es ist dieses immanente Pathos der Gestaltung, diese Würde der Darstellung, dieser gedeckte, dunkle Ton der herben Sopran-Stimme, der mich anrührt wie bei sonst kaum einer anderen Sängerin. Die Jurinac singt die Wahrheit des Gefühls, unverstellt, direkt, ganz sie selbst. 1965 war sie noch bei bester Stimme, heldischer als vor zehn Jahren in Glyndebournes  Cosi und Idomeneo  und mit einer ganzen Reihe an einprägsamen, großräumigen Charakteren hinter sich (Butterfly, Marie, Tosca). Ich finde, ihre Desdemona ist eine ihrer eindrucksvollsten Partien und hier akustisch wie optisch in Bestform.

"Othello": Wolfgang Windgassen und Sena Jurinac/Arthaus

„Othello“: Wolfgang Windgassen und Sena Jurinac/Arthaus

Neben ihr steht eine ordentliche Besetzung. Wolfgang Windgassen ähnelt mehr Nelusco als Othello – mit wildem Haupthaar und wüster Dramatik in Augen und Händen „schiebt“ er einen anständigen Job als Othello. Er hat im Lyrischen viele schöne Details, aber übersingt im Dramatischen, und eigentlich führt er sich wie Rumpelstilzchen auf. Man nimmt ihm den Mohren nicht wirklich ab, und mit ihm wird das ganze eher zu einer Stadt-Theater-Veranstaltung. Aber so war das eben in jenen Jahren (Nöckers Othello bei Felsenstein bleibt als wütende Charge noch weit dahinter zurück, der die Komik nicht nur streifende Beirer an der DOB ebenfalls – Othellos gab´s eben nicht so viele im deutschsprachigen Raum, da bleibt vieles Vorkriegsmimik- und -Gesang) … Norman Mittelman (ein -n und zwei -n variieren im Netz, ich kenne ihn mit nur einem) ist ein solider eher denn diabolischer Jago mit gutsitzender Stimme und diskreterer Gestaltung als sein Opfer. Dazu kommen die damals unentbehrliche Margarita Lilova als busig-kompetente  Emilia, William Blankenship aus Hamburg als tüchtiger  Cassio, außerdem Walter Kreppel, Willy Frenz und Leo Heppe (den ich mal in Glyndebourne als Tamino sah) in den kleineren Partien. Aufhorchen lässt natürlich Adolf Dallapozza als süßstimmiger Rodrigo. Argeo Quadri rührt und macht ebenfalls einen tüchtigen Job am Pult des Südfunk-Orchesters und der Wiener Gesangskräfte. Dies ist – zudem – (neben dem erwähnten Felsenstein-Othello) eine der wenigen deutschsprachigen Dokumente des Verdischen Othello, schon deshalb gebührt ihm besondere Aufmerksamkeit. Aber dies ist auch eines der wenigen optischen Dokumente der großen und wunderbaren Sena Jurinac, meiner Hausgöttin (101 505).

Geerd Heinsen

Hinzuweisen bleibt auch noch einmal auf ihre Schwester Angelica aus Wien 1959, die Arthaus kürzlich leider nur  als Bonus der All-Puccini-Box herausgebracht hat. Hier besonders beeindruckt die Jurinac mit ihrem anrührenden Pathos und ihre herrlichen, gedeckten und hier leiddurchdrungenen Stimme, wie auch die Kollegin Ingrid Wanja in ihrer Kritik feststellte:

"Schwester Angelica": Sena Jurinac/Arthaus

„Schwester Angelica“: Sena Jurinac/Arthaus

Über die technischen Qualitäten des Bonus sollte man nicht meckern, denn immerhin verschafft er dem Hörer die Begegnung mit Sena Jurinac und Elisabeth Höngen in der Suor und mit Erich Kunz im Schicchi. 1959 stellten die Fernsehsender, so auch der ORF, noch eigene Opernproduktionen her, und kein geringeres Orchester als die Wiener Philharmoniker sind die Begleiter in Schwester Angelicadie natürlich in deutscher Sprache gesungen wird, was den heutigen Hörer so irritiert, wie es die italienische bei dem damaligen getan hätte. Die Regie von Hermann Lanske ließ sogar ein Eselchen zu, auf dessen Rücken die Schwestern ihre Bettelbeute ins Kloster bringen. Viel Trockeneis wird zur Erzeugung von Nebel aufgewendet, obwohl das graue Bild das nicht “nötig” hätte. Jeder Spott verbietet sich allerdings über die Leistung der Solisten, die allesamt sehr gute bis herausragende Leistungen bieten. Obwohl ihre Stimmkrise mit Entfernung von Stimmbandknötchen gerade ein Jahr her war, begeistert Sena Jurinac mit hingebungsvoller Darstellung und einem zwar weichen, aber durchschlagskräftigen Sopran, expressivem Gesang, der nie dessen pure Schönheit beeinträchtigt, zwar nicht mit einer besonders bemerkenswert aufblühenden Höhe, dafür aber leuchtenden Farben besonders auch in der Mittellage und einem unanfechtbarem Ebenmaß des so schönen wie unverwechselbaren Timbres. Elisabeth Höngen ist eine Angst einjagende Principessa wie ein kalter Marmorblock, deren Unnahbarkeit noch dadurch verstärkt erscheint, dass sie zweimal die Hände nach der zusammengebrochenen Angelica ausstreckt, um sie dann wie angewidert zurückzuziehen. Was in anderen Partien bei der Mezzosopranistin manchmal störte, das deklamatorische Singen, erweist sich hier als willkommenes Mittel zur Charakterisierung, sogar das heftig gerollte  – r-.