Eine neue Rolle für die Diva

 

Piotr Beczala hatte den Riccardo bereits an der Berliner Staatsoper gesungen, für Anja Harteros dagegen war die Amelia ein Rollendebüt, als an der Bayerischen Staatsoper München im März 2016 Verdis Un ballo in maschera zur Premiere kam, akustisch wie optisch gesendet und in operalounge.de bereits ausführlich besprochen. Zubin Mehta, ein Verdi-Kenner par excellence, dirigierte die von Johannes Erath inszenierte Produktion mit dem Gespür für Kontraste, Farben und Stimmungsumschwünge. Cmajor hat die Produktion in einer Aufführungsserie vom 3. bis 9. März 2016 mitgeschnitten und auf DVD veröffentlicht (739408).

 

Liebesduett als Brennpunkt: Anja Harteros (Amelia) und Piotr Beczala (Riccardo) – Foto: Wilfried Hösl

 

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Zum Preludio sieht man den Gouverneur im Schlaf auf einem Doppelbett, offenbar von Albträumen gepeinigt. Gespenstische Videoprojektionen wie aus einem Psychothriller (Lea Heutelbeck) illustrieren die nächtliche Szene. Das Schlafzimmer im Art-déco-Stil (Heike Scheele) wird dominiert von einer den Raum beherrschenden Treppe, die bis zur Decke führt. Immer wieder richtet Riccardo den Blick nach oben, wo offensichtlich das Objekt seiner Sehnsucht  weilt. Dort erscheint aber zunächst Ulrica im schwarzen Kleid mit tiefem Dekolleté und blondem Haar (Kostüme: Gesine Völlm), um ihr „Re dell’abisso“ anzustimmen. Okka von der Damerau singt es mit dunklem Ton und energischem Nachdruck, nur in der Extremtiefe nicht so überzeugend. Am Ende ihrer Szene lüftet sie die Bettdecke, unter der sich ein Double des Herrschers offenbart – ermordet. Dann erscheint Amelia, tatsächlich von einer oberen Etage kommend, und auch sie hat eine Doppelgängerin, allerdings nicht identisch gewandet. Ihr großes Solo auf dem Galgenberg ist gleichfalls eine Nachtszene im Ehebett – die Gattin an der Seite des ungeliebten Mannes. Die Sopranistin hat in ihrer Stimme alles, was die Partie braucht – die leuchtende Höhe, die kraftvolle Mittellage, die stamina, die  empfindsamen piani. Im Liebesduett gelingt ihr mit Beczala ein Moment erfüllten Verdi-Gesangs – schwelgerisch, aufblühend und sich ekstatisch steigernd. Nach der Violetta, Desdemona, Boccanegra-Amelia, Carlo-Elisabetta, Forza-Leonora sowie den beiden konzertanten Auftritten als Leonora (Trovatore) und Aida hat die Sängerin hier ihr Verdi-Repertoire erfolgreich um eine wichtige Rolle erweitert. Auch der polnische Tenor ist für den Riccardo eine Idealbesetzung. Die  Stimme klingt kraftvoll und fließt geschmeidig, die Höhe ist sicher und glanzvoll. In der Verkleidung als Matrose bei Ulrica, wofür eine Marionette herhalten muss, hat er schmeichelnde Töne parat, in seiner großen Szene vor dem Maskenball („Forse la soglia“/„Ma se m’è forza“) schwärmerische Töne und hymnische Aufschwünge.

Für den Renato im gestreiften Anzug kann George Petean  einen kernigen Bariton einsetzen. „Alla vita“ hat Biss, die zweite Arie die richtige Balance von Grimm und Schmerz im Ausdruck, von Attacke und Kantilene im Gesang. Beinahe wird man hier Zeuge einer Vergewaltigung, so sehr zeigt sich der vermeintlich betrogene Gatte im Ausnahmezustand. Amelias „Morrò“, von Harteros mit existentiellem Ausdruck gesungen, bringt für beide einen berührenden Moment der Wiederannäherung.

Oscar im glitzernden Paillettenanzug gleicht einem Hotelpagen in der Silvesternacht. Sofia Fomina singt ihr erstes Solo, „Volta la terra“, keck und mit perlenden Koloraturen, das „Saper vorreste“ übermütig und mit reicher lyrischer Substanz. Oscar outet sich dabei vor Renato als Frau, nimmt die Perücke ab und öffnet die Bluse, wagt sogar einen Kuss, den Amelias Gatte gern empfängt.

Wie in Zeitlupe bewegen sich die Gäste auf dem Maskenball, wo weder Riccardo noch Amelia Masken tragen, sich dafür auf dem Ehebett wieder finden. Bei Renatos Schuss fällt Riccardo zunächst zu Boden, erhebt sich aber sogleich und verlässt die Szene, während sein Double sich im Bett in Todesqualen windet. Bernd Hoppe