Dokusoap mit Gesang

 

Vorausgeschickt werden soll, dass die Produktion von Dvořáks Rusalka in München 2010 perfekt und bis ins letzte durchdacht ist, wenn man toleriert, dass aus einem Märchen mit psychologischem Hintergrund eine an zwei damals aktuelle Missbrauchsfälle, die an Natascha Kampusch und die durch den Österreicher Josef Frtitzl an seiner Familie, erinnernde trübe Geschichte konstruiert wurde. Und nicht verschwiegen werden soll auch, dass damals das Feuilleton begeistert und das Publikum in seiner Mehrheit angetan war.

In einem knöchelhoch mit Wasser gefüllten Kellerloch hält nach Martin Kušej der Wassermann in Ditsche-Bademantel und mit bekleckertem Unterhemd, dazu Adidas-Jogginghosen (wer denkt da nicht an Karl Lagerfeld), die Nymphen gefangen, vergreift sich hin und wieder an einer, einschließlich Rusalkas, während im Geschoss darüber seine Gattin Ježibaba, wie er saufend und qualmend vor einer Fototapete mit Waldidyll (Bühne Martin Zehetgruber, der auch für das auf Opernbühnen fast unverzichtbare Waschbecken sorgte) Esoterisches betreibt, was wohl auch bewirken soll, dass Rusalka zwar keinen Fischschwanz, aber die Sprache und die Fähigkeit zum aufrechten Gang verliert. Noch im Keller hat sie eine weiße, im Wasser liegende Kugellampe (=märchenhaft, da kein Stromschlag) als Mond angesungen, sie aber schließlich zerdeppert.

Der damalige Skandal um die Produktion war nicht einer um diese selbst, sondern um das ursprüngliche Vorhaben der Regie, ein echtes Reh ausweiden zu lassen. Davon hatte man nach vielen Protesten Abstand genommen, und schließlich floss auch so noch viel Blut, wenn die Hochzeitsgesellschaft durchweg, auch soweit männlich, als  Bräute ganz in Weiß verkleidet blutige Kadaver als Tanzpartner an sich drückte und damit viel Rot auf Weiß hinterließ (Kostüme Heidi Hackl). Im dritten Akt samt ihren Schwestern in der Klapsmühle angekommen, ersticht Rusalka in weißem Gewand den ebenfalls weiß gekleideten Prinzen, und wieder kann sich Rot auf Weiß ausbreiten. Neben Crime hat auch Sex seine Chance, nicht nur im Sex- und Folterkeller des Wassermanns, sondern auch in einem Quickie an der Wand des Palastes zwischen Prinz und Fremder Fürstin, und in der Schlossküche grapscht der Förster nach dem hier weiblichen Küchenjungen.

Den Weg vom Keller über das Schutz bietende Aquarium im Schloss bis hin zu der Institution, die in Berlin Bonnies Ranch genannt wurde, vollzieht Kristine Opolais mit bewundernswerter darstellerischer Intensität (atemberaubend der Kampf mit den roten Pumps) und dem Einsatz einer hellen, silbrigen, sehr lyrischen, ja eher kleinen Stimme, die aber perfekt geführt wird (Nina Stemme hatte die Rolle zurückgegeben). Zu Opolais passte das Dirigat von Tomáš Hanus, der der kruden Optik romantisch Märchenhaftes und zarte Naturstimmungen entgegen setzte. Später herrschte mehr Harmonie zwischen Optik und Akustik, als Mikhail Talarnikow weitaus derber und harscher zu Werke gegangen sein soll, und eine Hochdramatische sich wohl hätte besser durchsetzen können als der Sopran, der Opolais abgelöst hatte. Damals noch eine schwach ausgeprägte Mittellage hatte Klaus Florian Vogt, der seine mühelose Höhe leider nicht so oft einsetzen konnte, wie man es sich gewünscht hätte. Optisch vermittelte er perfekt das Porträt des willensschwachen, schnell der Fremden Fürstin verfallenden Liebhabers. Diese hatte in Nadia Krasteva die ideale, in jeder Hinsicht üppige Verkörperung. Viel schöner als alles, was er so treibt, genannt werden kann, singt der Wassermann von Günther Groissböck mit auffallend guter Tiefe  Vokal schwach bleibt der Förster von Ulrich Reß, in dieser Hinsicht sich besser profilieren kann der Küchenjunge von Tara Erraught, sehr sonor klingt der Jäger von John Chest. Ein anmutiges Terzett lassen die drei Nymphen Evgeniya Sotnikova, Angela Brower und Okka van der Damerau vernehmen und begießen sich tapfer mangels anderer Flüssigkeit aus der Seltersflasche (Blu-ray C-Major 750904). Ingrid Wanja