Kühle Blonde aus dem Norden

 

Auf zwei DVD hat die DG die Münchner Produktion von Donizettis französischer Oper La Favorite herausgebracht (00440 073 5359 2), welche in einer Aufführungsserie vom 31. 10. bis 6. 11. 2016 im Münchner Nationaltheater aufgezeichnet wurde. In ihrer Ästhetik reiht sie sich ein in die Belcanto-Produktionen des Hauses der letzten Jahre (Roberto Devereux, Lucrezia Borgia), denn Regisseurin Amélie Niermeyer, Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau und Kostümdesignerin Kirsten Dephoff siedeln das Werk in der Jetztzeit an, inszenieren es als Kammerspiel und verzichten gänzlich auf den historischen Kontext. Das Stück erzählt die Geschichte von Léonor de Guzman, Favoritin des Königs Alphonse XI. von Kastilien, und ihrer unglücklichen Liebe zu dem Klosternovizen Fernand, die einen tragischen Ausgang nimmt. Niermeyer hat sich ganz auf diesen Dreieckskonflikt konzentriert und lässt die Protagonisten zu Beginn in einer stummen Szene ihre Beziehung vorspielen. Von hohen Kastenteilen aus Metall und Maschendraht werden sie bald eingeengt. Der Chor bringt Stühle herbei, die ebenso wie die Kastenteile in ständiger Bewegung bleiben. Die religiöse Komponente der Handlung bebildern eine Christusfigur, Statuen von Madonnen und brennende Kerzen, die in den Metallkästen aufgehängt sind. Die Herren tragen dunkle Businessanzüge, Léonor einen Hosenanzug. Insgesamt verströmt die Aufführung – wie schon so oft – die öde Atmosphäre einer Probebühne.

Die Produktion entstand eigens für Elina Garanca, die in der Titelrolle der Star der Aufführung ist mit kultiviertem, perfekt geführtem hohem Mezzo. Von eleganter Erscheinung, bleibt sie wie zumeist kühl in der Ausstrahlung. Im ersten Auftritt trägt sie ein hellblaues Ensemble, einen roten Mantel und Sonnenbrille, gibt sich zunächst neckisch und kokett, was im ersten Duett mit Fernand („Mon idole!“), in welchem sie ihn zum Abschied bewegen will, einem ernsten Ausdruck weicht. In der ersten Begegnung mit Alphonse ist sie spröde, genervt und wird immer abweisender, bis sie schließlich gesteht, einen anderen zu lieben. In ihrer großen Soloszene im 3. Akt („O mon Fernand“) gestaltet sie den Konflikt der Figur, die Frau des geliebten Mannes zu werden, der nichts weiß von ihrer Vergangenheit, sehr eindringlich, vermag darüber hinaus mit strömender Stimme, nobler Phrasierung und enormer Attacke in der Cabaletta samt souveränem Spitzenton zu imponieren. Von eleganter Erscheinung in schwarzer, tief dekolletierter Abendrobe und Schleier ist sie bei der Trauung mit Fernand in der Kapelle. Dagegen wirkt sie im letzten Auftritt im schwarzen Hosenanzug mit Strickmütze und einer blutigen Wunde an der Stirn besonders befremdlich.

Matthew Polenzani ist ein solider Fernand mit idiomatischem Vortrag durch den Einsatz von zärtlichen piani und der voix mixte. Er singt mit Emphase, was in der exponierten Lage gelegentlich zu leicht grellen Tönen führt. Seine große Romanze „Ange si pur“ im letzten Akt gelingt ihm mit inbrünstigem Ausdruck und zärtlich entrückten Nuancen. Mit Garancas Mezzo vereint sich sein Tenor am Ende zu einem leidenschaftlichen Duett von existentiellem Gewicht, wenn er darstellerisch auch einen weichlichen Charakter voller Selbstmitleid zeichnen muss. Mariusz Kwiecien leiht seinen kraftvollen Bariton dem Alphonse, klingt allerdings im ersten Auftritt unausgeglichen in der Tongebung. Beeindruckend sind die Verve und der Furor, mit denen er den hier infantil-cholerisch gezeichneten Herrscher ausstattet, der in seinem dreiteiligen Anzug mit blauen Karos geckenhaft daherkommt.

Aufhorchen lässt der junge finnische Bass Mika Kares als Balthazar, Prior des Klosters in Santiago de Compostela, mit profunden Tönen. Eine sehr aparte Stimme besitzt Elsa Benoit als Léonors Vertraute Inès in einem besonders hässlichen Kostüm. Ihre beiden Airs zu Beginn absolviert sie leichtfüßig und mit feinen Spitzennoten. Beherzt singt der junge Tenor Joshua Owen Mills den Don Gaspar, Offizier des Königs.

Karel Mark Chichon lässt das Bayerische Staatsorchester im Graben gehörig knallen, auch der Chor der Bayerischen Staatsoper (Sören Eckhoff) trumpft mächtig auf und sorgt besonders in den dramatischen Finali des 2. und 3. Aktes für Effekt. Bei einer französischen Oper wünschte man sich insgesamt ein differenziertes Klangbild mit mehr Farben und Stimmungen. Bernd Hoppe